"I can't breathe", flehte George Floyd, als er von einem Polizisten in Minneapolis erstickt wurde. Kursierende Videos dieser grausamen Tat machten mich - wie viele andere - fassungslos und zeigen deutlich: Rassismus ist real. Er tötet. Allerdings nicht erst seit dem 25. Mai. Rassismus ist auch im Jahr 2020 trauriger Alltag in Deutschland, oftmals nicht offensichtlich, dafür meist gut versteckt - Alltagsrassismus eben. 

Einen Moment lang macht mich das wütend. Dann stolpere ich über Aufnahmen aus Berlin, Hamburg, München. Zehntausende Rassismus-Gegner stehen dicht gedrängt auf "Black Lives Matter"-Demonstrationen zusammen. "Endlich setzt mal jemand ein Zeichen" oder "So läuft eine Demo nun mal", schnappe ich Gesprächsfetzen im Alltag auf. 

Mindestabstand adé: Rassismus-Demos in Zeiten von Corona 

"I cant breathe". Dieser Hilferuf blieb wohl zahlreichen Menschen verwehrt, die sich mit "Sars-CoV-2" ansteckten und in Folge der Infektion starben. Dabei hat es Deutschland vergleichsweise milde erwischt. 8674 Tote hat die Pandemie in der Republik bislang gefordert (Stand: 8. Juni 2020) - dennoch: 8674 tote Menschen zu viel. Allerdings blieben uns Schreckensszenarien wie im italienische Bergamo erspart, da das öffentliche Leben radikal heruntergefahren wurde - richtig so!

Zentraler Bestandteil dessen war nun mal, Abstand zu halten und Rücksicht auf alle Anderen zu nehmen. Diese wichtige Regel haben Tausende Demonstranten wohl kurzerhand vergessen, als zu den Protesten aufgerufen wurde. Die Infektionszahlen der kommenden Wochen werden zeigen, ob dem Coronavirus auf diese Weise eine leichtsinnige Chance gegeben wurde, sich (wieder) zu verbreiten. Neue Einschränkungen wären womöglich die Folge. 

Verstehen Sie mich nicht falsch: Anti-Rassismus-Demonstrationen wären in jeder beliebigen Lage ein Mittel um auf den Missstand aufmerksam zu machen, dass Menschen mit dunkler beziehungsweise schwarzer Hautfarbe heutzutage immer noch benachteiligt werden. Aber in dieser speziellen Pandemie-Situation wäre es meiner Meinung nach deutlich sinnvoller, zu überlegen, was jeder Einzelne im Alltag tun kann, um nicht nur das Coronavirus, sondern auch den Rassismus einzudämmen.

Dass auf dem Dorfplatz eines Kreisliga-Fußballspiels Flüchtlingen Affenlaute hinterher gebrüllt werden, das Wort "Neger" für einige Menschen in Deutschland immer noch zum Alltagsjargon zählt oder hier geborenen jungen Erwachsenen mit türkischen Wurzeln kein Mietvertrag angeboten wird, da Zahlungsunfähigkeit befürchtet wird, sind Gründe seinen Mund aufzumachen. Denn wo solche Ungerechtigkeiten still und heimlich akzeptiert werden, entwaffnen sich mündige Bürger selbst. 

Doch um meine Stimme gegen Rassismus zu erheben, muss ich mich nicht auf einen überfüllten Marktplatz stellen. Corona bekämpfen wir am besten mit Abstand, Rassismus mit Nähe. Den Opfern von Rassismus helfen Empathie und Mitgefühl, also konkretes Handeln im Alltag. 

Alle reden über #BlackLivesMatter und wir führen Scheindebatten - ein Kommentar von Johannes Görz.