Es ist wieder so weit. Es war absehbar, es war keine Überraschung, aber der Schock saß am Mittwochabend dennoch tief: Kanzlerin Angela Merkel verkündete nach langen und sicher wenig erfreulichen Beratungen mit den Ministerpräsidentinnen und –präsidenten Maßnahmen, die zwar nicht so tief greifen wie im Frühjahr, aber dennoch ein harter Schlag für viele sind. 

Schnell wurde Kritik laut, die Maßnahmen der Regierung würden nun die Falschen treffen, denn gerade Restaurants und Freizeiteinrichtungen wie Theater, Opern, aber auch Bordelle, waren niemals als Infektionstreiber auffällig geworden. Diese treffen die Maßnahmen jetzt aber besonders: Vier Wochen geschlossen bleiben – das wird trotz aller Hilfen durch den Staat für viele das wirtschaftliche Aus bedeuten. Das ist ärgerlich und auch wenig nachvollziehbar, denn gerade Gastronomie und Freizeitstätten haben in den vergangenen Monaten zahlreiche Hygienekonzepte erarbeitet und umgesetzt. 

Ist der Lockdown "light" nur Symbolpolitik?

Der Frust ist verständlich und man hat den Eindruck, der Politik geht es jetzt eher darum, dort Maßnahmen zu veranlassen, wo sie eine gewisse Einflussmöglichkeit hat. Im Privaten – wo vor allem viele Infektionen passiert sind – kann und will man nicht eingreifen. Zu groß sind hier die Hürden, etwa die Unverletzlichkeit der Wohnung. Also packt man dort an, wo Verordnungen greifen können. Ob sie etwas bringen, steht auf einem anderen Blatt. Es wirkt wie Symbolpolitik, nur leider mit drastischen Folgen. 

Nicht nur Politiker, auch einige Ärztevertreter und Virologen, bezeichneten die beschlossenen Maßnahmen als „weder zielführend noch umsetzbar“. Besser als ein „künstliches Koma“ seien gezielte Maßnahmen. 

Die Kritik spricht zwar viele wichtige Punkte an, eines bleiben aber die Kritiker schuldig: Nämlich die konkrete Antwort auf die Frage, was nun zu tun ist. Über ein müdes „Wenn sich alle sinnvoll verhalten würden, wäre allen am besten geholfen“ kommen auch Kritiker wie Hendrik Streeck und KBV-Präsident Andreas Gassen nicht hinaus. 

Kritik ohne Alternativen ist Wichtigtuerei

Von rumpelnden Politikern wie Wolfgang Kubicki ganz zu schweigen. Klagen gegen die Maßnahmen, wie Kubicki sie empfiehlt, mögen sinnvoll erscheinen und als gerecht empfunden werden. Konstruktive Vorschläge zur Eindämmung der Pandemie jedoch sind das auch nicht. 

Momentan ist die drängendste Frage: Welche Maßnahmen haben einen maßgeblichen Einfluss, um die Dynamik der Pandemie zu brechen? Denn eines ist klar: Es kann nicht so weitergehen. Nicht nur die Infektionszahlen zeigen nach oben, auch die Belegung der Intensivbetten mit Covid-Patienten nimmt einen Verlauf, dem man nicht tatenlos zusehen kann. Wir sind am Beginn einer exponentiellen Entwicklung, die man stoppen muss, bevor die Krankenhäuser völlig überlastet sind. Wenn man sich die gesamtdeutsche Entwicklung betrachtet, sind wir jetzt bereits wieder bei Intensiv-Fallzahlen wie zu Beginn des Monats Mai. Hier darf man nicht den Fehler machen und glauben, das Gesundheitssystem wäre jetzt besser aufgestellt als damals – im Gegenteil, weiterhin fehlen Tausende Pflegekräfte. 

Wer jetzt also sagt, der „Lockdown light“ ist falsch, ist dazu aufgerufen, wirksame Alternativen vorzuschlagen. Bloße Wichtigtuerei ohne konstruktive Kritik gießt nur Öl ins Feuer der Coronaleugner und Verschwörungstheoretiker. Wenn dann wieder Brandsätze fliegen, wie vor kurzem auf das Gebäude des Robert-Koch-Instituts, will es wieder keiner gewesen sein.