Wie Mönche ihre Konflikte lösen

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Die Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach besteht seit 1200 Jahren. Sie steht personell und ist wirtschaftlich gut da, erklärt Pater Christoph Gerhard im Interview.
Foto: Thomas Obermeier
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Festsymposium
Norbert Hohler

Seit 1200 Jahren existiert die Benediktinerabtei Münsterschwarzach. Gespräch mit Pater Christoph Gerhard über das Leben im Kloster, Flüchtlinge, Finanzen und Astronomie.

Vor 1200 Jahren wurde die Gemeinschaft der Benediktinerabtei Münsterschwarzach erstmals urkundlich erwähnt. Im Jubiläumsjahr steht das Kloster gut da: Mit regenerativer Energie wird der eigene Bedarf fast komplett selbst gedeckt. Auch die Ernährung ist nachhaltig: Es gibt saisonale Gerichte aus eigenem Anbau oder von Landwirten aus der Region. Ein Gespräch mit Pater Christoph Gerhard (51) über die Finanzen des Klosters, die nächsten 500 oder 1000 Jahre, das Zusammenleben der 80 Mönche mit den 40 Flüchtlingen sowie die Astronomie.

Frage: Im Kloster gibt es viele Rituale. Sind die Flüchtlinge voll eingebunden, oder nur die, die es von sich aus wollen?

Christoph Gerhard: Mit den Flüchtlingen ist es wie mit anderen Gästen auch: Sie können an unseren Gottesdiensten teilnehmen. Es gibt einige Wenige, die kommen, vor allem sonntags zur Eucharistiefeier, vor allem Muslime und Yesiden.

1#googleAds#100x100 Bleiben die Flüchtlinge länger oder gibt es große Fluktuation?

Gerhard: Das ist unterschiedlich: Wir haben acht unbegleitete Minderjährige aus Eritrea, die bleiben solange bei uns, bis sie die Anerkennung bekommen. Da geht es ja auch um Schule: Darum kümmern sich die Mitarbeiter des Landkreises Kitzingen vorbildlich. Bei den Anderen wechselt es, etwa wenn jemand die Anerkennung bekommt und eine Wohnung findet oder jemand seiner Familie woanders hin nachfolgt.

Wer hilft den Flüchtlingen im Kloster?

Gerhard: Für eine Gruppe von sieben Brüdern ist es ein Herzensanliegen. Zum Beispiel hilft Bruder Abraham bei Behördengängen und Anträgen. Bruder David kümmert sich um das Soziale, die Unterkunft bis hin zum Putzen und zur Müllentsorgung. Letzteres sind die Flüchtlinge nicht gewöhnt, schon gar nicht das deutsche System. Bruder Thaddäus schließlich ist unser Gärtner und war früher Krankenpfleger. Er geht bei Bedarf mit zum Arzt und bietet den Flüchtlingen Mitmach-Aktionen im Garten an. Andere helfen bei Bedarf.

Sind die Flüchtlinge im Küchendienst oder Ähnlichem eingebunden?

Gerhard: Für sich selbst ja. Die jungen Eritreer machen einiges zusammen, andere kaum: Der Eine isst mehr, der Andere weniger, der Eine will mittags warm essen, der Nächste abends. Deshalb sorgt jeder für sich selber, das ist oft das Beste. Der Einkauf muss selbst gemacht werden, anfangs natürlich mit Unterstützung.

Wie sieht es mit Schule aus?

Gerhard: Derzeit haben wir über die Agentur für Arbeit einen Deutschkurs bei uns, sodass es täglich Unterricht gibt. Die Programme wechseln, auch weil ständig andere Menschen da sind. Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre sind schulpflichtig: Sie fahren mit dem Schulbus und besuchen Regelschulen oder neu eingerichtete Klassen für Migranten in der Berufsschule Kitzingen. Wenn Probleme auftauchen, zum Beispiel jemand krank wird, dann helfen wir.

Die Hilfe, der Dienst am Nächsten, ist bei Ihnen ja Programm.

Pater: Richtig. Auch wenn für manche Flüchtlinge die Provinz zunächst ein kleiner Schock ist: die meisten erkennen schnell die Vorteile. Gewalt untereinander ist hier kaum zu finden. Das scheint auch damit zusammen zu hängen, dass die Flüchtlinge sehen, wie unterschiedlich wir Mönche sind, und unsere Konflikte trotzdem gewaltfrei lösen. Außenstehende wie die Mitarbeiter des Landratsamtes vermuten, dass sich die Ruhe, die bei uns herrscht, überträgt. Ganz am Anfang hatten wir heftige Auseinandersetzungen zwischen zwei Gruppen, bis wir klargestellt haben: Keine Politik im Kloster, oder ihr geht heim, dort könnt ihr das austragen. Das hat relativ schnell gefruchtet.

Das Engagement des Klosters ist aus der Not heraus entstanden. Ist es auf Zeit angelegt oder vielleicht von Dauer?

Gerhard: Von außen kam die Bitte um Hilfe, wir haben sie erfüllt. Uns unterstützen rund 30 Menschen aus dem Dorf, ohne die es nicht ginge. Wenn man deren Einsatz sieht, können wir uns nicht zurückziehen, es ist ein positives Geben und Nehmen. Doch der Punkt kommt, wo man das professionalisieren muss. Das beträfe uns dann auch untereinander, weil wir Arbeiten neu verteilen, Schwerpunkte verschieben und andere Dinge eventuell ganz weglassen müssten.

Also doch eine langfristige Sache?

Gerhard: Ich hoffe, dass es in fünf Jahren anders aussieht, nicht zur Daueraufgabe wird. Aber: Flüchtlinge sind zuallererst unsere Gäste, in denen uns Christus begegnet und aufgenommen wird. Das schreibt uns Benedikt in die Regel, deshalb haben wir ja auch das Informationszentrum eingeweiht: Durch den Besuch der Gäste begegnet uns Christus, sie sind also ein Geschenk.

1200 Jahre sind ein beeindruckendes Jubiläum. Was macht Ihnen Hoffnung, dass es weitere 500, wenn nicht gar 1000 Jahre weiter geht? Ganz in der Nähe, in Dettelbach, wird demnächst das Franziskanerkloster aufgelöst.

Gerhard: Das Auf und Ab gehört zur unserer Geschichte: Das Kloster ist abgebrannt, geplündert worden, vom bayerischen Staat 80 Jahre aufgehoben gewesen, von den Nazis vier Jahre. Schon in der Barockzeit haben die Mönche die ausschlagende Platane als Bild für sich genommen. Die Geschichte und mein Vertrauen auf Gott stärken die Zuversicht, dass es weiter geht. Meine Aufgabe dabei ist, zumindest die Möglichkeit zu erhalten, dass es in 500 oder 1000 Jahren hier Mönche gibt. Zudem möchte ich Weichen stellen, damit auch die nächste Mönch-Generation im Kloster gut leben kann.

Also keine akuten Existenz-Sorgen?

Gerhard: Nein, wir sind wirtschaftlich gesund. Und wenn der Nachwuchs weiter so kommt wie in den letzten Jahren, dann muss man sich um den Fortbestand des Klosters keine Sorgen machen. Allerdings: Die Zahl von 80 Mönchen können wir sicher nicht halten, in 20 oder 30 Jahren sind wir wesentlich weniger, wenn sich nicht etwas völlig dreht.

Im Kloster gibt es viele Handwerksberufe. Rechnet sich das denn, oder gibt es bei Ihnen einfach kein Controlling?

Gerhard: Meine Frage an der Stelle ist immer: Was ist wirtschaftlich nachhaltiger? Wir bauen nicht für fünf Jahre. Nehmen Sie das Gästehaus: Es ist nach 30 Jahren renoviert worden, wir bauen und wir denken in anderen Zeitabständen. Auch betriebswirtschaftlich betrachtet, im Sinne von Controlling, ist das nicht unbedingt teurer. Allerdings gibt es Bereiche, wo ich genauer hinschaue, etwa bei den Betrieben, die dezidiert Gewinn erwirtschaften wollen, unser Klosterladen zum Beispiel. Der muss sich wirtschaftlich tragen. Das neue Informationszentrum hingegen kann das nicht, wir verlangen keinen Eintritt. Ohne Menschen, die uns unterstützen, würde das nicht gehen.

Welches Handwerk würden Sie denn gerne selbst können, was ist ihr Hobby?

Gerhard: Astronomie ist für mich nicht nur ein Hobby, sondern teilweise auch geistlicher Weg. Was ich gerne könnte, ist Feinmechanik, davon bin ich begeistert. Ein Bekannter von mir, Ralf Mündlein, ist ebenfalls Astronom und Feinmechaniker. Er hat einmal auf ein 100-Millimeter-Rohr ein Feingewinde gedreht: eine Stunde Vorbereitung, 20 Sekunden Umsetzung. Es hat auf Anhieb perfekt gepasst, so etwas fasziniert mich.

Pater Christoph

Seit Oktober 2013 ist Pater Christoph Gerhard (51) wirtschaftlicher Leiter der Benediktinerabtei Münsterschwarzach. Sein Vorgänger als Cellerar war Anselm Grün, der das Amt 36 Jahre ausgeführt hat. Als Cellerar ist Pater Christoph nicht nur für die Finanzen des Klosters, sondern auch für rund 300 Mitarbeiter in über 20 Betrieben verantwortlich. Zu seinen Aufgaben gehört überdies die Geschäftsführung in der Vier-Türme-GmbH sowie die Verantwortung für Computer und Internet. Vor dem Eintritt ins Kloster hat Christoph Gerhard an der Fachhochschule Würzburg/Schweinfurt Elektrotechnik und Informationstechnik studiert. Er hat auch das Energiekonzept des Klosters entwickelt, das praktisch zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien arbeitet.