Würzburg
Audiodeskription

Wenn stumme Szenen sprechen

Studierende der FH Würzburg-Schweinfurt lernen Filme für blinde Zuschauer zu übersetzen. Für manche Szenen in Loriots "Pappa ante portas" war das gar nicht so einfach, hat Simone Maier dabei festgestellt.
Simone Maier (vorn) bespricht mit ihrer Kommilitonin Corina Ballweg, wie eine kniffelige Szene angesichts einer nur sehr kurzen Dialogpause so knapp wie möglich beschrieben werden kann. Foto: Pat Christ
Simone Maier (vorn) bespricht mit ihrer Kommilitonin Corina Ballweg, wie eine kniffelige Szene angesichts einer nur sehr kurzen Dialogpause so knapp wie möglich beschrieben werden kann. Foto: Pat Christ
Wenn einer im Film grübelnd auf und ab läuft ohne zu sprechen, dann wird es für blinde Zuschauer schwierig. Hörspielfassungen allerdings ermöglichen es ihnen, auch "stumme" Handlungen in Filmen nachzuvollziehen. Solche Fassungen zu erstellen, das lernte Master-Studentin Simone Maier aus Schöllkrippen (Kreis Aschaffenburg) bei einem Seminar im Studiengang Fachübersetzen an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt am Beispiel von Loriots "Pappa ante Portas".
Die Komödie des vor eineinhalb Jahren verstorbenen Megastars hat es für Übersetzer, die sogenannte Audiodeskriptionen anfertigen, in sich. "Besonders kniffelig war jene Szene, als Renates Freundinnen zum Kaffeekränzchen kommen", schildert Simone Maier. Denn da geht es äußerst turbulent zu. Sowohl was die Handlung, als auch was die Dialoge anbelangt. Plötzlich tritt Renate in einen Kaugummi und kommt nicht mehr los.
Erst mit Hilfe ihres Mannes schafft sie das. "Zwischen den Dialogen blieb kaum Zeit, etwas zu erklären", so Maier. Lange knobelten Simone Maier und ihre drei am Projekt beteiligten Kommilitoninen, wie sie in knappster Form die Szene für Blinde erläutern könnten.

Außergewöhnliches geleistet

Äußerst zufrieden mit dem Resultat ist Heike Jüngst. Die Professorin für Fachübersetzen an der FH Würzburg-Schweinfurt organisierte und leitete das Seminar zusammen mit derblinden Anglistin Marion
Peterreins. "Was meine Studentinnen hier geleistet haben, ist wirklich außergewöhnlich", äußerte Jüngst kurz vor Projektende begeistert.
Drei Monate lang arbeiteten die Studentinnen an der Übersetzung des Films für Blinde. Danach wurde der erstellte Text eingesprochen - was Simone Maier machen durfte. Auch dies geschah etappenweise und zog sich über einige Wochen hin. Seit kurzem ist der Film fertig. In den Handel kommt er zwar nicht, doch Blinden soll er bei Privatvorstellungen gezeigt werden. Filme zu übersetzen, gehört noch nicht zum klassischen
Tätigkeitsgebiet eines Fachübersetzers. "Doch der Markt hierfür wird immer größer", sagt Heike Jüngst. Vor allem wegen der in ganz Europa geführten Diskussionen um "Inklusion", wodurch Ausgrenzung behinderter Menschen von Anfang an verhindert werden soll.
Aus diesem Grund bemühen sich auch immer mehr Firmen darum, ihre Internetauftritte barrierefrei zu gestalten: "Was auch für Infofilme auf der Homepage gilt." Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten engagieren sich gleichfalls immer stärker für ein barrierefreies Angebot. Filme mit Hörspielfassung sollen bald Standard sein.

Manches ist überflüssig

Welche Kommentare sinnvoll sind und welche sich die Studentinnen besser verkneifen, weil sie für Blinde schlicht überflüssig sind, erläuterte Marion Peterreins den jungen Frauen an konkreten Beispielen.
Peterreins ist von Geburt an blind. Was sie nicht davon abhält, Filme im Fernsehen, per DVD oder im Kino zu sehen: "Auch wir Blinde wachsen ganz selbstverständlich mit dem Medium Film auf." Sie selbst "sah" als Kind Märchenfilme. Wie die Anglistin betonte, sollte jedem Audiodeskriptionsteam ein blinder Mensch angehören. Denn nur er kann am Ende beurteilen, ob der Kontext innerhalb einer Szene durch die Beschreibung tatsächlich verständlich wird. Oder nicht.

Was ist Audiodeskription?

Durch die Audiodeskription wird die Handlung eines Films mit akustischen Kommentaren versehen. Jeweils in den Sprech- und Dialogpausen werden die Szenen und Bilder, aber auch Gestik, Mimik und Dekors beschrieben. Mit "Eine unheilige Liebe" strahlte das ZDF im Jahr 1993 erstmals einen Hörfilm im Fernsehen aus. Als erster Sender Deutschlands nahm der Bayerische Rundfunk am 1. März 1997 die regelmäßige Ausstrahlung von Filmen mit Audiodeskription in sein Programm auf. Seither bieten immer mehr Sendeanstalten Filme mit Audio-deskription an. Umfragen zufolge schauen 80 Prozent der 155 000 blinden Menschen in Deutschland regelmäßig fern.