Im Januar 2011 begann eine neue Zeitrechnung auf der Vogelsburg: Die Stiftung Juliusspital Würzburg wurde Hausherr. 2013 begann eine grundlegende Sanierung, ab Mitte 2015 übernahmen Anna-Lena und Christoph Tacke als Pächter das Ruder. Zuvor war Tacke Direktor eines Yachthotels in Prien am Chiemsee gewesen, im fränkischen Weinland kannte er sich als gebürtiger Eibelstädter aber bestens aus. Man baut sich fünf Jahre etwas auf – dann kommt Corona. Wie existenzbedrohend war die Situation? Was haben die beiden Lockdowns mit der Vogelsburg gemacht? Fragen an den 36-Jährigen.

Frage: Wie hat die Vogelsburg den ersten Lockdown im Frühjahr erlebt?

Christoph Tacke: Ich war tatsächlich überrascht, dass die Regierung das öffentliche Leben so radikal herunter fährt und alle daraus resultierenden wirtschaftlichen Konsequenzen in Kauf nimmt. Ich konnte mir im Januar noch nicht vorstellen, dass es soweit kommen wird. Insofern überwog zuerst einmal die Überraschung und der Schock. Am Anfang ging ich davon aus, dass es sich um nur zwei Wochen Zwangspause handeln wird.

Wie ging es danach weiter?

Tacke: Nach der anfänglichen Überraschung mussten wir erst einmal die Beantragung aller Hilfen wie Kurzarbeit, Soforthilfe und Stundung von Zahlungen vornehmen. Parallel dazu haben wir mit dem Eigentümer und Verpächter, der Stiftung Juliusspital Würzburg, Gespräche geführt, wie eine Lösung für dieses spezielle Corona-Jahr aussehen kann.

Wie ging der Sommer über die Bühne? Welche Hygiene- und sonstige Maßnahmen haben Sie getroffen?

Tacke: Vor dem Sommer waren wir gespannt, ob und wie viele Gäste überhaupt wieder an die Mainschleife kommen. Sehr schnell wurde klar, dass es wenig Zurückhaltung bei Ausflüglern und Feriengästen gab. Da das Gelände der Vogelsburg sehr weitläufig ist und viele Zugangsmöglichkeiten hat, haben wir alles bis auf einen Ein- und Ausgang im Innenhof komplett abgesperrt. Nur so konnten wir gewährleisten, dass alle Gäste, die auf die Terrasse oder in den Hotelbereich wollten, registriert werden konnten. Durch das vor zwei Jahren eingeführte Teil-Selbstbedienungssystem konnten wir auch den Kontakt zwischen Gast und Mitarbeiter geringer halten. Von ursprünglich über 250 Sitzplätzen auf der Terrasse haben wir auf 180 Plätze reduziert. Unser ganze Team war super flexibel und hilfsbereit.

Teilweise wurde die Mainschleife im Sommer fast überrannt. Wie haben Sie das erlebt?

Tacke: Es gab Tage, die waren stärker als vergleichbare Tage des Vorjahres. Nur der Geschäftssektor mit Tagungen und Geschäftsreisenden sowie die Hochzeitssparte kam quasi fast ganz zum Erliegen. Wir konnten von ursprünglich 25 geplanten Hochzeitsfeiern gerade noch fünf durchführen. Dafür stieg die Aufenthaltsdauer der Hotelgäste sowie der Anteil der Ferien- und Urlaubsgäste. Außerdem war das Durchschnittsalter der Hotelgäste niedriger als in den Vorjahren.

Wie war der Moment, als die erneute Schließung feststand?

Tacke: Dass es zu einem erneuten Lockdown kommen würde, war für mich absehbar. Man merkte von Monat zu Monat, dass die Gäste weniger Verständnis, Geduld und Lust auf die Corona-Maßnahmen hatten. Damit war klar, dass auch die Infizierten-Zahlen wieder steigen.

Was ist während der Lockdowns mit den Mitarbeitern passiert?

Tacke: Wir haben als Sofortmaßnahme im ersten Lockdown für alle Mitarbeiter Kurzarbeit angemeldet und durchgeführt. So konnten wir alle Mitarbeiter halten. Einige Mitarbeiter haben während des Lockdowns Nebenjobs beim Spargelstechen oder im Lebensmittel-Einzelhandel angenommen. Es war trotzdem eine schwere Zeit, mit dem wenigen Kurzarbeiter-Geld leben zu müssen. Ab Juni/Juli konnten wir alle Mitarbeiter mehr oder weniger wieder voll beschäftigen.

Wie haben Sie persönlich die "Ruhezeit" genutzt?

Tacke: Die ersten Tage und Wochen des Lockdowns im Frühjahr waren von viel Aufregung und Ungewissheit geprägt. Ich war dann beruhigter, als die Soforthilfe der Regierung sehr schnell überwiesen wurde und auch das Kurzarbeitergeld kurzfristig bearbeitet und überwiesen wurde. Für uns war es hervorragend, wie schnell die Regierung von Unterfranken bei der Soforthilfe und das Arbeitsamt gearbeitet haben. Nach den ersten Wochen hatte sich dann eine gewisse Routine eingestellt: Alle zwei Tage ging es zu einem Kontrollgang auf die Vogelsburg. Surreal war es, dass ich bei schönstem Wetter mit meiner Frau und unseren beiden Kindern nachmittags in der Sonne im Garten sitzen konnte. Schönes Wetter war in den vergangenen 17 Jahren gleichbedeutend mit viel Arbeit. Das war das erste Osterfest seit über zehn Jahren, dass ich feiern konnte und nicht mit Zwölf-Stunden-Tagen einher ging.

Wenn Sie 2020 in drei Sätzen zusammenfassen müssten ...

Tacke: Ein kurioses Ausnahmejahr – sehr lehrreich und speziell. Ich versuche immer das Positive daran zu sehen: Die Erfahrung mit einer solchen globalen Krise das eigene Unternehmen führen zu müssen und Lösungen zu finden, kann mir niemand mehr nehmen. Trotzdem brauche ich nicht noch einmal ein solches Jahr in meinem Berufsleben.

Wie bedrohlich war/ist die Situation?

Tacke: Als wir aus dem Winter heraus wieder voll durchstarten wollten, wurden unsere kompletten Geschäftsbereiche quasi verboten. Nur durch die schnelle Reaktion der Ämter, dem Entgegenkommen des Verpächters und der guten Beratung meines Steuerberaters haben wir diese Phase überstanden. Nachdem die Sommermonate dann sehr stark waren, konnten wir wieder eine Basis schaffen, um den Winter – der für mich absehbar wieder problematisch werden würde – auch zu überleben.

Sie kommen also über den Winter?

Tacke: Den zweiten Lockdown konnten wir fast schon routiniert in die Wege leiten. Weiterhin haben wir Kurzarbeit angemeldet und wir gehen davon aus, dass die Novemberhilfe bald fließen wird. Auch im Dezember sollen Förderungen von der Regierung kommen. Das ist eine unglaublich große Hilfe.

Ein Blick auf die Auslastung des Hotels ...

Tacke: Das Hotel war zwischen Juni bis September mit durchschnittlich 80 Prozent ordentlich ausgelastet. Durch die längeren Aufenthaltsdauern und mehr Individualgäste konnten wir auch den Zimmerdurchschnittspreis steigern. Aktuell ist der Betrieb wieder auf Null. Wir hatten seit dem Lockdown im ganzen November zwei Geschäftsübernachtungen.

Wie sehen die weiteren Planungen für das kommende Jahre aus?

Tacke: Das Schöne an der Vogelsburg und der Mainschleife ist, dass man den Wecker danach stellen kann, dass spätestens Ostern wieder Gäste in die Region strömen werden. Insofern gehe ich positiv in die Saison 2021. Was im Bereich Tagungen und Hochzeiten im Jahr 2021 passieren wird, kann ich allerdings nicht absehen. Ich befürchte, dass besonders der Tagungs- und Geschäftssektor lange Zeit brauchen wird, bis es wieder auf dem Niveau von vor Corona sein wird – wenn überhaupt.

Ihr Wunsch für das kommende Jahr?

Tacke: Keine Überraschungen. Am liebsten wäre mir ein planbares Jahr ohne kurzfristige Hiobs-Botschaften.