Am Donnerstagabend dominierte der türkische Halbmond noch in der Würzburger Innenstadt. Am Freitag war das rote Fahnenmeer aus dem Stadtbild wieder weitgehend verschwunden. Von den ursprünglich 50 Nationalflaggen wurden 45 über Nacht abgehängt. Auf höchstes Geheis: Oberbürgermeister Georg Rosenthal (SPD) hatte die Aktion angeordnet, weil "mit diesem überschwänglichen Fahnenaufgebot der deutsch-türkischen Freundschaft nicht gedient ist".

"Unverhältnismäßig"


Dabei hat die Beflaggung eigentlich ein freudiges deutsch-türkisches Ereignis als Hintergrund: Am Samstagabend wird ab 17 Uhr in der S.-Oliver-Halle mit einer Großveranstaltung an 50 Jahre türkische Arbeitsmigration in Deutschland erinnert. Die Flaggen sollten darauf hinweisen.
Rosenthal distanzierte sich in einer Presseerklärung von der "übertriebenen Geste" und von der entsprechenden Genehmigung des städtischen Ordnungsamts, von der er erst "zeitgleich mit vielen verwunderten Reaktionen aus der Bevölkerung" erfahren haben will. Natürlich sei die Ankunft der ersten Arbeitsmigranten aus der Türkei in der Bundesrepublik, die sich nun zum 50. Mal jährt, ein freudiger Anlass. "Doch diese äußere Geste war leider unverhältnismäßig." Allein am Donnerstag seien 50 Protestmails eingegangen, sagte ein Sprecher der Stadt. Teilweise auch aus der rechten Szene, die das Thema bundesweit aufgriff. Im Internet wurde sogar der Ruf nach "Aktionen" laut.
Rosenthal bedauerte in seiner Erklärung die "Reaktionen aus einem fremdenfeindlichen Milieu, die mit Blick auf das Fahnenmeer diffuse Ängste schüren wollen". Die fünf verbliebenen Fahnen in der Einkaufsmeile Schönbornstraße wechseln sich jetzt mit fünf deutschen Flaggen ab. Für den OB ist das ein "harmonischer Ausdruck von Brüderlichkeit".
So war ursprünglich die gesamte Aktion geplant gewesen: Der Ausländer- und Integrationsbeirat der Stadt hatte die Idee, aus gegebenem Anlass 50 türkische und 50 deutsche Nationalfahnen aufzuhängen. Dies erwies aber als problematisch, weil ausreichend türkische, aber nicht genug deutsche Flaggen verfügbar waren. Deshalb wurde neben 50 mal Halbmond mit Stern nur acht mal Schwarz-Rot-Gold aufgezogen.
Das ärgerte auch kirchliche Kreise, weil Dom und Neumünsterkirche, die wegen der Seligsprechung am Sonntag zusätzlich mit Häfner-Fahnen beflaggt sind, ebenfalls von einem türkischen Fahnenmeer umgeben waren. Schließlich sei die schwierige Lage der Christen in der Türkei nicht unbekannt, sagte Dompfarrer Jürgen Vorndran.

"Nette Geste"


"Die Fahnen waren als nette Geste gedacht, wir wollten niemanden damit provozieren", sagte Ausländerbeiratsvorsitzender Nuccio Pecoraro, der für die Grünen im Stadtrat sitzt. In der türkischen Gemeinde lösten die Irritationen Bestürzung aus. "Niemand soll sich verletzt oder wütend fühlen", sagte der deutsch-türkische Journalist Fatih Celik. Es sei nie geplant gewesen, überwiegend türkische Fahnen aufzuhängen.
Bei der Veranstaltung heute Abend rechnet die Polizei trotz der Aufregung nicht mit Störungen, will aber "angemessen präsent" sein. Zur Stelle waren die Ordnungshüter auch, als ein 54-Jähriger am Freitag um zwei Uhr früh in der Fußgängerzone Halbmondflaggen abschnitt. Er wurde festgenommen. red/rr