Laden...
Sommerhausen

Was andere Klubs von der SG Sommer-/Winterhausen lernen können

Einst trennte Sommerhausen und Winterhausen mehr als nur der Main. Heute machen die Fußballer gemeinsame Sache. Warum sie ein Vorbild für andere Vereine sein können.
Artikel drucken Artikel einbetten
Die Leute stehen hinter der SG Sommerhausen/Winterhausen, wie hier beim Heimspiel im Oktober gegen Rottenbauer. Foto: Hans Will
+1 Bild

Wer sich im Internet durch das Facebook-Fotoalbum der SG Sommer-/Winterhausen klickt, bekommt einen lebhaften Eindruck dessen, was die Beteiligten unter „Gemeinschaft“ verstehen: die Mannschaft beim Kegeln, die Mannschaft beim Schnitzelessen oder: die Mannschaft beim 30. Geburtstag des Trainers. Vielleicht sind die Bilder ja nicht repräsentativ für die Stimmung in den beiden immer noch eigenständigen Klubs, der TSG Sommerhausen und des FC Winterhausen. Wenn die Aktiven, die Fußballer, aber derart auf Harmonie machen, kann das im vergangenen Sommer gestartete Projekt so schlecht und so misslungen nicht sein.

Kurt Kleinschnitz ist 72 Jahre und Zeitzeuge dafür, dass es zwischen den benachbarten Vereinen nicht immer so einträchtig zuging; dass sie weitaus mehr trennte als nur der Main; dass da zum Teil ideologische Kämpfe ausgetragen wurden. „Natürlich gab es die Rivalität“, sagt Kleinschnitz. Sein Blick reicht bis in die Fünfzigerjahre, im Nachkriegsdeutschland war man noch dabei, seine Rolle in der Welt zu definieren, Selbstbewusstsein wuchs aus dem WM-Erfolg von 1954. Kleinschnitz war sechs, als er mit Fußballspielen anfing. Als er damit aufhörte, war Sebastian Adelfinger kaum geboren. Trotzdem sagt auch der 38-Jährige: „Ich habe die Rivalität schon mitgekriegt.“

Keine Feindschaft, aber gewinnen wollte jeder

Adelfinger kennt beide Welten, das Hüben wie das Drüben. Eigentlich ist er Sommerhäuser, aber mit 17 hat er mal für ein Jahr die Seiten gewechselt und für den Rivalen in Winterhausen gekickt. „Ich würde nicht von Feindschaft sprechen, aber es waren schon besondere Spiele. Jeder wollte gewinnen“, sagt Adelfinger, der heute Fußball-Abteilungsleiter in Sommerhausen ist. Zwei starke Pole standen sich da gegenüber. Doch auch wenn sich ihre Abstoßungskräfte über die Jahre abschwächten, war es nicht einfach, sie letztlich zusammenzubringen. Als Magnet wirkten die vielen gewachsenen Freundschaften zwischen beiden Seiten – und die Einsicht, dass es für beide in nächster Zeit schwierig werden wird, als Fußballstandort autark zu bleiben.

Für Kurt Kleinschnitz hätte es deshalb „gar keinen besseren Zeitpunkt geben können“ als jetzt, gemeinsame Wege zu beschreiten. Denn noch seien beide Klubs in der Lage, aus einer Position der Stärke heraus zu handeln und nicht als Getriebene. Wer wisse schon, wie das in einigen Jahren aussehe. Kleinschnitz will gar nicht verhehlen, dass in Winterhausen nicht alle gleich begeistert waren über den Zusammenschluss; vor allem die älteren Mitglieder, die Traditionalisten, die es in jedem Verein gibt, die wie er die vermeintlichen Glanzzeiten miterlebt und mitgestaltet haben, hätten sich schwer getan mit dem Schritt.

Er selbst gehörte schon immer dem anderen Lager an, dem der Pragmatiker oder Realisten, für die von der einst gelebten Rivalität im Alltag ohnehin nicht mehr viel übrig war. Bei der Reserve und bei der Jugend machten FC und TSG ja schon länger gemeinsame Sache.

Wer den ersten Schritt ging, ist heute vergessen

Adelfinger ist das Konstrukt inzwischen so vertraut, dass er schon „gar nicht mehr weiß, wer damals auf wen zugegangen ist“. So weit er sich erinnere, seien die ersten Gespräche „um Weihnachten 2018“ geführt worden. Bei der TSG Sommerhausen habe die Erkenntnis geherrscht, dass es ohne eine Kooperation mit dem Nachbarn „sehr schwer geworden wäre“, in der Kreisklasse zu bleiben. Winterhausen spielte schon damals nur noch in der A-Klasse. Heute stehen sie mit ihrer zweiten Mannschaft an der Spitze der B-Klasse.

Wie denken die Verantwortlichen, unabhängig voneinander am Telefon befragt, über den Zusammenschluss? „Bisher nur positiv“, sagt Adelfinger. Und Kleinschnitz: „Wir hätten nichts Besseres tun können.“ Was anderswo eher nach Zweckehe klingt, hört sich in diesem Fall stark nach Liebesheirat an. Natürlich stecken sie noch in den Flitterwochen, in denen alles rosarot ist, zumal dem gemeinsamen Anfang noch ein ganz anderer Zauber innewohnt: Die SG ist derzeit Erster in der Kreisklasse und hat gute Chancen auf die Meisterschaft. „Solange Erfolg da ist“, weiß Kleinschnitz, „halten sich die Kritiker und Nörgler zurück.“

Für Adelfinger zeigt sich die Zustimmung auch daran, dass die Mannschaft etwa zum Spiel in Grombühl von mehr als 100 Zuschauern begleitet worden sei: aus Sommer- und aus Winterhausen. „Sonst haben sie gegeneinander geschrien, heute schreien sie halt miteinander.“

Ein Signal an Vereine mit ähnlichen Problemen

Was die beiden Funktionäre nach außen vermitteln, ist auch ein Signal an andere Vereine, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen: Wenn es alleine nicht mehr geht, gemeinsam kann man es schaffen. „Wir hatten in Sommerhausen oft viele Studenten“, sagt Adelfinger, „aber natürlich ist es schön, wenn der Kern des Teams aus dem eigenen Umfeld kommt. Anders hältst du eine Mannschaft nicht am Leben.“ Und auch da passt der Jüngere dem Älteren den Ball zu. „Die Jungen“, ergänzt Kleinschnitz, „spielen nur noch, wenn sie Spaß am Fußball haben.“ Der scheint vorhanden, wenn im Sommer, „zur größten Hitze“, 25 bis 30 Unverdrossene im Training schuften, wie Kleinschnitz berichtet, oder sich unlängst an einem Sonntagmorgen 20 Spieler zum Ausdauerlauf treffen, wie Adelfinger erzählt.

Für den sportlichen Erfolg stehen auch die Trainer: Christian Kohl (34) und Felix Vetter (30), beide aus Sommerhausen. Sie sind im vorigen Sommer mit dem Neuanfang ins Amt gekommen, haben Jürgen Lindner abgelöst, den 55-jährigen Ur-TSGler, der noch aus einer Zeit stammt, als Personal zur Genüge vorhanden und Spielgemeinschaft ein Fremdwort war. Inzwischen kicken auch Winterhäuser und Sommerhäuser Kinder in der JFG Maindreieck Süd, unter deren Dach sich heute schon fünf Klubs versammeln.

Wie es weitergeht? „Wenn es nicht klappt, können wir jederzeit zurück“, sagt Kurt Kleinschnitz. „Die Spielgemeinschaft muss ja jedes Jahr verlängert werden.“ Doch nach einem Zurück sieht es derzeit nicht aus. Stattdessen heißt das Motto: Gemeinsam voran! „Von Rivalität“, so stellt Kleinschnitz fest, „kann man nichts mehr spüren.“