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9 gegen 9 soll die Ausnahme bleiben


Autor: Steffen Forstner

Kitzingen, Freitag, 25. Oktober 2019

Durch eine Reform des Verbands müssen B-Klassen-Spiele im Kreis Würzburg nicht mehr mit 11 gegen 11 begonnen werden. Betroffene berichten von ihren Erfahrungen.
Der Fußball führt vielerorts nur noch ein Schattendasein, Spieler werden knapp, neue Ideen sind gefragt. Das 9 gegen 9 in der B-Klasse ist so eine Idee.


Eigentlich ist Fußball ein simpler Sport mit einfachen Regeln. Eigentlich. Denn in jüngerer Vergangenheit wurde das Spiel, das sich vielleicht gerade wegen dieser Einfachheit so großer Beliebtheit erfreut, durch so manche Neuerung verkompliziert. Während im Profifußball längst der Videoschiedsrichter Einzug gehalten hat und inzwischen auch flächendeckend Trainer bei entsprechendem Fehlverhalten mit Gelben oder Roten Karten bedacht werden, wartet das Amateurlager mit einer weiteren exklusiven Reform auf: In der B-Klasse braucht es in weiten Teilen Unterfrankens keine elf Spieler mehr.

9 gegen 9 heißt die neue Spielform, die seit diesem Sommer auch in der untersten Liga des Fußball-Kreises Würzburg angewendet wird. Bei beiden Mannschaften stehen in diesem Fall also zwei Spieler weniger auf dem Platz als normal. Die Intention, die hinter dem Vorstoß des Bayerischen Fußballverbands (BFV) steckt, ist klar: Die in den Vorjahren bisweilen ausufernde Zahl an Spielausfällen in den B-Klassen soll eingedämmt werden.

Die ersten Monate mit der neuen Regelung lassen in jedem Fall auf ein zukunftsträchtiges Modell hoffen. So zieht Würzburgs Kreisspielleiter Marco Göbet ein positives Zwischenfazit: „Die neue Spielform kommt bei den Vereinen mehrheitlich gut an, und die Spielausfälle tendieren gegen null“, sagt er. Gleichzeitig betont der Funktionär, dass das Spiel in seiner Grundstruktur nicht verändert werden solle. „Fußball bleibt 11 gegen 11.“ Das 9 gegen 9 sei nur eine „Hilfskonstruktion“ für Vereine, um bei personellen Problemen reagieren zu können. Die Anwendung sei vom Verband nur in Ausnahmefällen gewünscht.

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Keine Strafen für Vereine

Sanktionen muss ein Verein, der häufiger auf das neue Konstrukt zurückgreift, derzeit allerdings nicht fürchten. Die Häufigkeit, mit der ein Klub das 9 gegen 9 anmeldet, hat keinerlei Auswirkungen auf die Einsortierung in der Tabelle oder auf ein mögliches Aufstiegsrecht. So gibt es Mannschaften in der Region, die nur allzu gern auf die neue Spielform zurückgreifen.

Wie die zweite Mannschaft des SC Mainsondheim in der B-Klasse 3 Würzburg. In fünf ihrer neun Spiele beantragte die Kreisklassen-Reserve im Vorfeld das 9 gegen 9. Das dazugehörige Prozedere ist nicht allzu komplex: Informiert ein Verein mindestens zwei Tage vor dem Spiel seinen jeweiligen Gegner über den Wunsch, das Treffen 9 gegen 9 auszutragen, kann der nicht widersprechen. Dann müssen noch der Spielgruppenleiter und der Schiedsrichter in Kenntnis gesetzt werden – und los geht?s.

Mainsondheims Reserve-Trainer Thomas Meyer ist mit dieser Praxis schon bestens vertraut. „Ich halte das 9 gegen 9 für eine gute Sache, weil verhindert wird, dass Partien wegen Spielermangels ausfallen“, so Meyer. Ohne die neue Regelung hätte sein Verein in dieser Saison bisher nur ein einziges Spiel austragen können. Die Ausweichmöglichkeit 9 gegen 9 sei von den Spielern deshalb dankend aufgenommen worden, wenngleich Meyer zugibt, dass die Kicker grundsätzlich lieber 11 gegen 11 spielen würden.

In Mainsondheim haben die Verantwortlichen eine klare Absprache getroffen. Heben bis Freitagabend, 21 Uhr, nicht ausreichend viele Spieler den Daumen für einen Einsatz am Wochenende, wird 9 gegen 9 angemeldet. „Für mich als Trainer ist das natürlich super. Die Samstagabende, wo man die ganze Zeit am Telefon hängt, um irgendwie elf Spieler für den Sonntag zusammenzubekommen, sind damit Geschichte“, sagt Thomas Meyer. Die getroffene Vereinbarung sieht er auch als erzieherische Maßnahme. Die Spieler seien schließlich angehalten, sich gegenseitig für einen Spieleinsatz zu motivieren, wenn sie 11 gegen 11 spielen wollten.

Auf Kurzentschlossene, wie sie in der B-Klasse nicht unüblich sind, sei man jedenfalls nicht mehr zwingend angewiesen. Diese könnten ja am Spieltag trotzdem noch dazustoßen, um dem Trainer Wechseloptionen zu eröffnen. Will nämlich die dezimierte Mannschaft das Spiel erfolgreich bestreiten, braucht es in der Regel Alternativen. Schließlich bekommt der Gegner, der personell aus dem Vollen schöpfen kann, die Gelegenheit, fünfmal zu tauschen. Damit soll vermieden werden, dass Akteure unverschuldet um Spielzeit gebracht werden.

Ist das noch Fußball?

Ganz zu verhindern ist das aber natürlich nicht. Für Daniel Tausend einer der Gründe, weshalb er der neuen Spielform eher kritisch gegenübersteht. Zweimal meldete sich in dieser Saison bereits die gegnerische Mannschaft beim Trainer des TSV Sulzfeld III/SV Erlach II, um das 9 gegen 9 anzukündigen. Einerseits hat der Coach zwar Verständnis für die Situation der Klubs, er sagt aber auch: „Mit dem Fußball, wie wir ihn kennen, hat das nichts zu tun.“

Tausend gibt offen zu, dass er die Vorteile, die sich gegen eine dezimierte Mannschaft ergeben, gnadenlos ausnutze. Durch die fünf Wechselmöglichkeiten könne man den Gegner „totlaufen“. Die Spielfläche zu verkleinern, wie es in solchen Fällen möglich, aber kein Muss ist, komme für ihn in einem Heimspiel deshalb auch nicht infrage.

Mainsondheims Thomas Meyer sieht das als Trainer einer Mannschaft, die gerne auf das 9 gegen 9 zurückgreift, naturgemäß anders. Beim Sportclub ist die Begrenzung des Feldes in jedem Fall gang und gäbe. „Bei 9 gegen 9 ist das Spiel langsamer und weniger dynamisch“, sagt Meyer zu den Auswirkungen. Das verleite aber auch dazu, sich weniger an der Defensivarbeit zu beteiligen. In Mainsondheim freut das vor allem die Kicker der Altherren-Abteilung, wie der Trainer lächelnd anfügt. „Seit dieser Saison bekomme ich immer wieder Anfragen, ob sie nicht auch mal wie-der in der zweiten Mannschaft mitspielen könnten.“

Dass die neue Regelung nicht alle Probleme von B-Klassisten kaschieren kann, zeigt das Beispiel Ülkemspor Kitzingen. Der türkischstämmige Klub hat seine Reservemannschaft kürzlich vom Spielbetrieb abgemeldet. Trotz des Ausweichmodells 9 gegen 9 verfügte der Verein, nachdem in der ersten Mannschaft einige Verletzungen aufgetreten waren, nicht mehr über genügend Alternativen für zwei Teams.

Bis zuletzt halfen Spieler aus, die eigentlich schon nicht mehr aktiv waren. Ein Dauerzustand war das nicht, wie Ülkemspors Trainer Mehmet Magrali erklärt. „Bevor wir Samstag für Samstag herumtelefonieren und nach Spielern suchen müssen, haben wir entschieden, unsere zweite Mannschaft für diese Saison abzumelden.“ Magrali weiß: „Wenn man keine Wechselmöglichkeiten hat, nutzt einem das 9 gegen 9 auch nichts.“