Sommerliche Mittagspause im Rosengarten

4 Min
Rosen gucken gehen: Bis zu 800 der blühenden Schönheiten stehen im Sommer im Kitzinger Rosengarten.
Foto: Frank Weichhan
Hingebungsvoll kümmern sich die Stadtgärtner um den Rosengarten. Alle zwei, drei Wochen schauen sie nach dem Rechten.
Foto: Frank Weichhan
Im Rosengarten in Kitzingen liegt Romantik in der Luft. Selbst auf den Mülleimern sind Herchen gemalt.
Foto: Frank Weichhan
Die Königliche Realschule im Rosengarten um 1904. Rechts im Bild das einstige Kriegerdenkmal, im Hintergrund die Eisenbahnbrücke.
Foto: Stadtarchiv Kitzingen
Blick auf die Beete des Rosengartens – hier lässt es sich entspannen. Im Hintergrund kümmern sich die Stadtgärtner um den Garten-Park.
Foto: Frank Weichhan

Schon oft ist unser Autor an dem Rosengarten vorbeigefahren. Dabei ist es der passende Ort für eine entspannte Mittagspause. Inmitten von 800 Rosen.


Ein Liebespärchen ist schon da. Sie liegt leicht aufreizend quer auf der Bank, er guckt versonnen. Jetzt keinen Quatsch machen, liebe Turteltäubchen – die Presse ist da. Um eine Stunde Rosengarten zu gucken. Hinsetzen und warten, was so alles passiert. Der Rosengarten ist so was wie die grüne Lunge der Stadt. Leider direkt an der B 8 gelegen, weshalb man nicht zwingend auf die Idee kommen muss, dass es sich wunderbar entspannen lässt. Ist aber, wie sich gleich zeigen wird, tatsächlich so.

Mal nachrechnen: In 25 Jahren dürfte ich 8000 Mal mehr oder weniger achtlos vorbeigefahren sein. Ein paar hundert Mal vorbeigelaufen. Natürlich auch schon mal durchgeschlendert. Aber rätselhafterweise noch nie hingesetzt, nie ein Mittagspäuschen eingelegt. Dabei gibt es ein gutes Dutzend Bänke. Platz für ganz viele Liebespärchen. Wobei man hier eher selten unbeobachtet sein dürfte.

1#googleAds#100x100

An diesem Tag haben sich um 13 Uhr auch noch drei Stadtgärtner eingefunden, die sich um die Blumen kümmern, die der Anlage ihren Namen geben. Ein späterer Anruf bei Günther Lorey in der Stadtgärtnerei bringt die überraschende Erkenntnis: Bis zu 800 Rosen zieren Kitzingens grüne Lunge. Wobei der Garten eher ein Park ist, wie die 40 Bäumen beweisen. Die Stadtgärtner kümmern sich hingebungsvoll um den Garten-Park. Alle zwei, drei Wochen wird nach dem Rechten geschaut und das Unkraut vertrieben.

Blumen statt Schäfchen zählen

13.30 Uhr. Langsam setzt die Rosengarten-Entspannung ein. Die B 8 ist gar nicht so laut wie gedacht. Das Liebespaar ist gerade gegangen – doch zu viele Zuschauer. Drei Bänke weiter liegt seit ein paar Minuten eine Frau – und schläft. Irgendwie umwerfend, der Rosengarten. Vielleicht hat die Frau auch versucht, die Rosen zu zählen. Das kann bei 800 Exemplaren ermüden und ist wirksamer als Schäfchen zählen.

Zwei Bänke weiter hat es sich eine Blondine bequem gemacht. Sieht nach Mittagspause aus. Die meiste Zeit tippt sie auf ihrem Handy herum, dazwischen wird erwartungsfroh in die Landschaft geguckt. Keine Ahnung, warum mir jetzt „Gaby wartet im Park“ einfällt. Tolles Lied von Udo Jürgens. Und ich weiß jetzt endlich, was er gemeint hat.

Auf Entdeckungstour

Wer statt wegzunicken den Blick schweifen lässt, kann einiges entdecken: Da ist das Blumenlädchen mit der öffentlichen Toilette, wo rege Betriebsamkeit herrscht. Dahinter war bis vergangenes Jahr noch ein Spielplatz, der vor den in den Bäumen brütenden Krähen kapitulierte und an den inzwischen so gar nichts mehr erinnert. Dann natürlich die Möchte-man-umarmen-Rosenbeete – nur echt mit der Sonnenuhr und der japanischen Schwarzkiefer in der Mitte.

13.40 Uhr. Die schlafende Frau springt hoch, geht zur wartenden Gaby, fragt nach der Uhrzeit, guckt erleichtert, legt sich wieder hin und schläft weiter. Seltsame Szene. Wie sagt man dazu neudeutsch: Powernapping? Das kleine Nickerchen zwischendurch. Ausgeschlafener zeigen sich da die Stadtgärtner: Die haben inzwischen mitbekommen, dass die Presse da ist – und reden etwas gedämpfter miteinander. Man weiß ja nie, was dann wieder in der Zeitung steht.

Romantik liegt in der Luft

Sitzen und schauen. Schauen und sitzen. Innehalten. Entspannung setzt ein, samt einer gewissen Schläfrigkeit. Kann an der Hitze liegen. Oder am Alter. Der Blick fällt wieder auf Gaby: Vielleicht daddelt sie ja gar nicht, sondern schreibt ein Gedicht? Wenn es einen richtigen Zeitpunkt für schöne Worte gibt – jetzt wäre der richtige Moment. Der perfekte Ort, um zu schreiben. Über die Rosen. Über den Park. Über Entspannung. Mit Faltertrum-Blick. Umschwirrt von Bienen und Schmetterlingen. Vogelgezwitscher. Schade, dass das Liebespaar nicht mehr da ist. Es scheint kein Zufall zu sein, dass jemand knallrote Herzen auf die Abfalleimer gemalt hat.

Ein passender Kurgarten

13.44 Uhr. Die Schlafende zuckt wieder hoch, schüttelt sich und eilt davon. Ich breche ebenfalls auf – Zeit für einen Bummel. An dem mit Bepflanzung drei Meter hohen Monster-Blumentopf vorbei. Es gibt gleich acht Zugänge zum Park. Vom Luitpoldbad gesehen sieht der Rosengarten wie ein Schiff aus: Vorne der schmale Bug. Nach hinten immer breiter. Das Blumenlädchen als Kiel. Ein Dampfer, der am Falterturm ankert.

Vielleicht wäre die Anlage noch viel größer geworden. Als sich Kitzingen anschickte, ein Bad zu werden, hätte hier der passende Kurgarten gestanden. Es sollte anders kommen: Nach der Entdeckung von Solequellen wurde 1914 das Prinzregent-Luitpold-Bad gebaut, ein Volks-, Sole- und Kohlensäurebad. Der Traum von „Bad Kitzingen“ lebte. Doch der Erste Weltkrieg fegte alle Pläne weg.

Beliebtes Ziel für einen Sonntagsausflug

Ein Zeitungsartikel von 1911 zeigt, dass der Rosengarten damals eine Blütezeit hatte: ein beliebter Sonntagsausflug. Mit schönem Mittelpunkt: Die Weinhändler Fromm hatten der Stadt den „Hadla-Tempel“ geschenkt, unter dessen Dach Konzerte stattfanden. Gleich daneben plätscherte ein Zierbrunnen.

Wer noch weiter in der Rosengarten-Geschichte zurückgehen will, muss bei Doris Badel nachfragen. Die Leiterin des Stadtarchivs Kitzingen weiß, dass die Anlage während der Ausbreitung Kitzingens in südwestliche Richtung, also das Mühlberggebiet, angelegt wurde. Die Erweiterung kam übrigens mit dem Eisenbahnanschluss 1865. Ein Teil des Parks wurde zudem Schulstandort. 1871 entstand eine Gewerbeschule, die man 1877 in eine Realschule umwandelte. Nach dem dreistöckigen Ausbau der Schule 1924 fungierte sie als Progymnasium. Mit der Bombardierung Kitzingens am 23. Februar 1945 wurde die Schule dann zerstört.

Ein Stück Vergangenheit ausgraben

Viele Jahre stand zudem ein Kriegerdenkmal in dem Park: 1879 eingeweiht, erinnerte es an den Sieg von 1870/71 über Frankreich. Von all dem ahnt der heutige Rosengarten-Besucher nichts. Nur die Stadtgärtner, die gerade zusammenpacken, bekommen die Vergangenheit hin und wieder zu sehen: Beim Umgraben der Rosenbeete kommt gerne mal alter Schutt zum Vorschein.

Kurz vor 14 Uhr. Zwei ältere Damen durchstreifen die Anlage. Wobei nicht ganz klar ist, ob ihr Augenmerk den wunderschönen Blumenbeeten oder doch den Stadtgärtnern gilt. Irgendwie scheint der Rosengarten besondere Signale auszusenden. Es wird – das steht spätestens jetzt fest – garantiert nicht 8000 Vorbeifahrten dauern bis zur nächsten Mittagspause im Park.