Revolutionäre Forschung: Schon Henne oder noch Ei?
Autor: Alice Natter
Sickershausen, Freitag, 08. Dezember 2017
In Sickershausen schrieb eine Gruppe von Forschern anno 1817 Medizingeschichte. Mit über 2000 Hühnereiern und der größten Reihenuntersuchung der Zeit.
Was die Sickershäuser wohl gedacht haben mögen? Ob sie den Kopf darüber schüttelten, was mitten in ihrem Örtchen bei Kitzingen, auf dem Landgut des Christian Gottfried Daniel Nees von Esenbeck vor sich ging? Man schrieb die Jahre 1816 und 1817, die Zeiten waren hart, durch die Napoleonischen Kriege zogen überall Truppen durchs Land. Es hatte Jahr auf Jahr geregnet, die Ernten waren schlecht. Seit 1813 litt die Region unter einer Hungersnot, die Leute versuchten, selbst aus Holzmehl noch Brot zu backen. Ausgerechnet da kamen auf dem Nees'schen Landgut ein paar Wissenschaftler zusammen und bebrüteten Hühnereier. Viele Hühnereier. Um nicht zu sagen: sensationell viele.
Es waren bewegte Zeiten, nicht nur politisch, auch in der Wissenschaftswelt. An der Universität Würzburg lehrte seit 1803 Professor Ignaz Döllinger Physiologie und Anatomie. Ein bekannter Mediziner, der beliebt war bei den Studenten und viele von ihnen in seinem Haus wohnen ließ. Im Wintersemester 1816 zum Beispiel nahm er Philipp Franz von Siebold bei sich auf und unterrichtete ihn im Präparieren.
1#googleAds#100x100Ein weiterer Schüler hatte da bereits bei Medizinprofessor Döllinger Logis: Christian Heinrich Pander, ein 22-jähriger Forscher aus Riga, der sich für Medizin, Embryologie, Zoologie und Paläontologie interessierte. Überhaupt waren die Wissenschaftler des frühen 19. Jahrhunderts auf vielen Gebieten unterwegs:„Die Mediziner und Pharmazeuten deckten an den Universitäten oft auch die Botanik, Zoologie, Mineralogie und Geologie ab“, sagt Stephanie Falkenstein, die Leiterin des Städtischen Museums Kitzingen.
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Sie hat gemeinsam mit dem Dettelbacher Diplomforstwirt und Geschichtsforscher Reinhard Feisel aufgearbeitet, was vor genau 200 Jahren geschah: die Begründung der wissenschaftlichen Embryologie. Und ausgerechnet im kleinen Dörfchen Sickershausen sollte damals eine wegweisende medizinische Forschungsarbeit geleistet werden.
An der Universität Dorpat hatte sich der junge Pander mit dem deutsch-baltischen Medizinstudenten und Naturforscher Karl Ernst von Baer angefreundet. Den führte der Weg nach Würzburg, zur Lehr- und Forschungsgemeinschaft von Ignaz Döllinger – und so luden sie Pander ein, seine Studien doch auch am Main weiterzuführen. Ignaz Döllinger, so berichtete es von Baer später, hatte auf einer Wanderung ins vier Stunden Fußmarsch entfernte Sickershausen den Wunsch geäußert, dass ein junger Naturforscher unter seinen Augen Untersuchungen über die Entwicklung des Hühnchens anstellen möge. Er erhoffe wichtige Resultate. Von Baer empfahl Pander. Denn als Sohn einer wohlhabenden Rigaer Kaufmanns- und Bankiersfamilie hatte der erstens Vermögen genug, um ein aufwendiges Vorhaben zu finanzieren. Zweitens interessierte er sich just für die Entwicklung des Hühnchens im Ei.
Schon Henne oder noch Ei?
Wie entwickelte sich das Leben? Was passierte im Ei? Die „Präformationslehre“ war noch weit verbreitet, die besagte, dass der Körper des Embryos schon räumlich im Ei, in der Eizelle, enthalten und vorgeformt sei. Seine Entwicklung bedeute also nur ein „Heranwachsen zur Sichtbarkeit“. Dieser Vorstellung widersprachen Vertreter der Epigenese: Nach ihrer Theorie war die Vielfalt der Strukturen von Pflanzen, Tieren, Menschen nicht schon im Ei „präformiert“. Nur: Wie wollte man das beweisen?
2000 bis 3000 Hühnereier mussten her. Pander, von Baer und Döllinger wollten die Entwicklung der Lebewesen von Beginn an nachvollziehen. Und sie planten nichts weniger als eine umfangreiche Reihenuntersuchung an den Embryonen aus verschieden lange bebrüteten Eiern. Dazu brauchte es Mikroskope. Und Inkubatoren, also Brutmaschinen. Dazu brauchte es Personal zur ständigen Temperaturüberwachung, denn Thermostate gab es noch nicht. Und es brauchte Hühner und für all das mehr Platz als mitten in der Stadt.