So etwas hat sie noch nie erlebt. Dabei ist sie schon seit 38 Jahren bei den Licht-, Kraft- und Wasserwerken Kitzingen (LKW) tätig. Silke Burkard schüttelt bei einem Blick auf die Grafik vor ihr den Kopf. Die Kurve für die Einkaufspreise zeigt steil nach oben. Und das hat Auswirkungen auf die Verbraucher. Die Strom- und Gaspreise ziehen in ganz Deutschland an.

Der Nürnberger Energieversorger N-ERGIE meldete Mitte letzter Woche einen Anstieg um 0,96 Cent pro Kilowattstunde bei den Erdgaspreisen, die Überlandzentrale Mainfranken (ÜZ) einen Anstieg der Strompreise zwischen 10 und 15 Prozent – je nach Tarif und Vertragslaufzeit. (siehe Interview). Für einen durchschnittlichen Haushalt bedeutet das Mehrkosten in Höhe von rund 120 Euro im Jahr.

Rekord bei Beschaffungskosten

Auch die LKW müssen ihre Preise erhöhen. Während die Strompreise für fast alle Kunden für ein weiteres Jahr stabil bleiben, steigen die Gaspreise ab dem 1. Januar 2022 um einen Cent pro Kilowattstunde. „Für alle Kunden mit einer Produktversorgung“, erklärt Burkard. Für die Kunden in der Grundversorgung steigt der Preis sogar um 2,2 Cent pro Kilowattstunde. „Aber die können noch rückwirkend wechseln.“ Zwischen 12 und 15 Euro Mehrkosten pro Monat rechnet die Vertriebsleiterin für eine durchschnittliche Familie. Warum kommt diese Preiserhöhung ausgerechnet jetzt, zu Beginn der Heizperiode?

Langfristige Strategie

Die Beschaffungskosten an den Gasmärkten sind in den vergangenen Monaten auf Rekordhöhe gestiegen, teilt Michael Enderlein, Pressesprecher von N-ERGIE mit. Silke Burkard wird präziser. Vervierfacht hat sich der Einkaufspreis – von rund zwei Cent pro Kilowattstunde auf sieben bis acht Cent. „Das ist in den letzten 40 Jahren so noch nie passiert.“ Eine Folge: Billiganbieter mussten die rasant steigenden Preise an der Börse direkt an ihre Kunden weitergeben, viele haben daraufhin gekündigt. Elf Unternehmen haben in den letzten Tagen deswegen ihre Insolvenz angemeldet.

Seriösere Unternehmen, wie die Anbieter in der Region, planen ihre Einkäufe nicht kurzfristig, die LKW analysieren ihren Bedarf beispielsweise schon eineinhalb Jahre im Voraus. „Unsere Kunden profitieren somit von unserer langfristigen Einkaufsstrategie. Daher fällt die Erhöhung auf der Erdgasseite moderat aus“, erklärt Burkard. „Wir können und wollen die Schwankungen nicht eins zu eins an unsere Kunden weitergeben.“

Sinken die Preise wieder?

Als kommunales Unternehmen haben die LKW aber auch eine Versorgungspflicht, müssen die wechselwilligen Kunden von den pleitegegangenen Billiganbietern wieder zurücknehmen. Diese Kunden werden in der Grundversorgung aufgefangen. Sie stehen also keineswegs ohne Strom oder Erdgas da. „Die dafür benötigte Energiemenge haben wir aber nicht im bestehenden Portfolio“, sagt Burkard. Diese Mengen müssen jetzt zu den hohen Preisen nachgekauft werden. „Das macht unsere Planungen und unsere Preisgestaltung nicht gerade einfacher“, bekennt sie. Während die Bestandskunden weiterhin auf stabile Stromkosten zählen dürfen, steigen sie bei der Grundversorgung auch deshalb um fünf Prozent.

Und die Zukunft? Werden die Preise wieder sinken? Silke Burkard schüttelt bedächtig den Kopf. Eine Glaskugel steht nicht auf ihrem Schreibtisch, in die Zukunft kann sie nicht schauen. Aber eines ist ihr klar: Die politischen Ziele werden auch weiterhin Auswirkungen auf den Strompreis haben. Und die Versäumnisse der jüngeren Vergangenheit tragen zu den gestiegenen Preisen ihren Anteil bei. Nord-Stream 2 sollte längst Gas aus Russland liefern. Aber nach wie vor stehen Genehmigungen aus. Die Energierichtlinie der EU sieht vor, dass der Besitzer einer Pipeline nicht identisch mit dem Gaszulieferer sein darf. Die Bundesnetzagentur prüft derzeit, ob diese Regel bei Nord-Stream 2 eingehalten worden ist. „Das hätte man sicher auch früher abklären können“, meint die Vertriebsleiterin der LKW.

Auch bei den Erneuerbaren Energien läuft längst nicht alles reibungslos. Die produzierten Strommengen aus Norddeutschland kommen nicht im Süden Deutschlands an, weil die Trasse SüdLink aus den unterschiedlichsten Gründen nicht in Betrieb genommen werden kann. Und der politische Wille, den Anteil der erneuerbaren Energien auszubauen, wird nicht ohne Folgen für die Verbraucher sein. Die Preise werden sich nach Burkards Einschätzung auf einem deutlich höheren Niveau als in den letzten fünf Jahren einpendeln.

Der Wind weht an der Küste

Ein noch kräftigerer Ausbau der erneuerbaren Energien vor der Haustüre ist mit einem hohen finanziellen Aufwand verbunden. Auch hier muss nach ihrem Dafürhalten sorgfältig geprüft werden, welche Maßnahmen ökologisch und ökonomisch sinnvoll sind. Der Wind weht vor allem an der Küste und die 1000 bis 1200 Sonnenstunden pro Jahr seien in Mainfranken bereits in großem Stil durch Photovoltaikanlagen abgedeckt.