Kitzingen
Corona-Lockdown

"Sonst sterben die Innenstädte aus": Fränkische Einzelhändler bitten mit Aktion um Hilfe

Mit einer neuen Aktion kämpfen Kitzinger Händler um Aufmerksamkeit und Hilfe. Die ist dringend nötig. Auch deshalb, weil es Ungerechtigkeiten gibt.
 
Lorette Konrad (rechts) und ihre Mitarbeiterin Irina Bär machen in der Kitzinger Innenstadt auf die Aktion des Einzelhandels aufmerksam.
Lorette Konrad (rechts) und ihre Mitarbeiterin Irina Bär machen in der Kitzinger Innenstadt auf die Aktion des Einzelhandels aufmerksam. Hilfe ist jetzt dringend geboten. Foto: Ralf Dieter
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  • Fränkische Einzelhändler machen bei deutschlandweiter Aktion mit
  • Sorge, dass Innenstädte nach und nach aussterben
  • Click & Collect nur "Tropfen auf dem heißen Stein"

Die roten Plakate mit weißer Schrift fallen auf. Immer wieder bleiben Passanten stehen und lesen sich den Text durch. Lorette Konrad und Marliese Nürnberger kann das nur Recht sein. Mit ihrer Aktion wollen sie genau das erreichen: Auf sich und die Sorgen aller Einzelhändler aufmerksam machen.

Deutschlandweite Aktion: "Wir gehen mit voran"

"Wir gehen mit voran“, nennt sich die deutschlandweite Aktion. Und das bedeutet: Wir gehen nicht mit unter. Letzteres ist in diesen Zeiten gar nicht einfach. Seit sechs Wochen haben die Einzelhändler geschlossen. Lockdown. Der zweite nach März/April 2020. „So kann es nicht weitergehen“, sagt Lorette Konrad. „Sonst sterben die Innenstädte nach und nach aus.“

Konrad hat das Geschäftsleben quasi mit der Muttermilch eingesogen. Schon ihre Eltern und Großeltern waren Einzelhändler. Ihr Modegeschäft gibt es seit 97 Jahren. In Tauberbischofsheim und Kitzingen hat sie je eine Filiale. „Ich würde sehr gerne den 100. Geburtstag feiern“, sagt sie. Die Zweifel wachsen.

Zwei Mal sechs Wochen mussten die Einzelhandels-Geschäfte bislang wegen Corona schließen. Eine Wiedereröffnung ist nicht in Sicht. Mit „Click&Collect“ ließen sich auch während des Lockdowns ein paar Umsätze generieren. Aber die waren nichts im Vergleich zu einem normalen Umsatz. „Das war und ist nichts weiter als ein Tröpfchen auf den heißen Stein“, sagt Konrad. Dabei muss sie alleine in Kitzingen acht Mitarbeiter bezahlen, muss Miete und andere Fixkosten begleichen.

Einzelhandel in Sorge: Seit Mitte Dezember kaum Umsätze generiert

Eigentlich wäre jetzt Abverkauf der Herbst- und Winterware. „Das muss alles raus“, sagt die Geschäftsfrau und deutet auf volle Regale mit Pullovern und Ständer, an denen Winterjacken hängen. Die Frühjahrskollektion ist lange bestellt und wartet darauf, verkauft zu werden. „Im Sommer hieß es von der Politik, dass die Läden nicht mehr geschlossen werden“, erinnert die 57-Jährige. Also hat sie – wie ihre Kollegen im ganzen Land – die Frühjahrskollektionen bestellt. Dann mussten die Läden doch wieder schließen, seit Mitte Dezember generieren die Einzelhändler kaum Umsätze.

„Und allen fehlt das Kapital, um die bestellte Ware zu bezahlen“, sagt Konrad und spricht von einer großen Ungerechtigkeit. Denn während die Einzelhändler in der Innenstadt ihre Türen schließen müssen, dürfen die Supermärkte und Großhändler auf der Grünen Wiese weiter öffnen. „Und die bieten alles an, was wir nicht dürfen“, ärgert sich Konrad. Ob Spiel- oder Sportwaren, ob Kleidung oder Schuhe: Die Kunden kaufen vermehrt in den großen Supermärkten ein. „Dabei hatten wir auch funktionierende Hygienekonzepte entwickelt“, erinnert Konrad und Marliese Nürnberger nickt.

Seit 2017 betreibt sie die „Wollliese“ gegenüber von Mode Konrad. Gerade die Monate Oktober bis März sind für sie die umsatzstärksten. „Und jetzt wird mit zweierlei Maß gemessen“ ärgert sie sich. Die Supermärkte rüsten auf, dort stehen die Kunden teilweise Schlange. „Und zu mir darf niemand rein.“ Dabei wollen ihre Kunden den Stoff fühlen, zumindest ein kurzes Gespräch führen. „Man könnte die Kunden doch wenigstens per Termin bestellen und dann bedienen“, schlägt sie vor. Von einem einzigen Menschen im Laden könne doch keine große Gesundheitsgefahr ausgehen. „Das geht bei Bäckern und Metzgern doch auch.“

Supermärkte dürfen Kleidung verkaufen - Einzelhändler nicht

Lorette Konrad nickt und blickt hinüber zum nahen Marktplatz. Dort stehen jeden Freitag Händler und bieten ihre Waren an. Fisch, Fleisch, Käse, Gemüse. „Gut so“, meint sie. „Aber warum darf ich mich nicht dazu stellen und meine Mode verkaufen?“ An ihrem Gesichtsausdruck ist klar abzulesen: Lorette Konrad würde genau das tun.

„Wir wollen niemanden in Gefahr bringen“, betont sie. Ihre Mitarbeiter hat sie mit FFP2-Masken ausgestattet, sie hat Plexiglasscheiben in ihren Geschäftsräumen angebracht, in den Gängen stehen Spender mit Desinfektionsmitteln. All das hat Geld gekostet. „Wir können nicht ewig weiter in Vorleistung gehen“, sagt sie. Zumal das angekündigte Geld einfach nicht rechtzeitig fließen will.

Das Kurzarbeitergeld für Dezember ist letzte Woche eingelaufen, die Überbrückungshilfen konnten bis Anfang dieser Woche nicht beantragt werden. „Das geht nur über einen Steuerberater“, sagt Konrad. Der konnte aber nicht loslegen, weil die Anträge noch nicht online gegangen sind. Auf ein viel zu bürokratisches Verfahren wies der Hauptgeschäftsgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland, Stefan Genth, schon im Dezember hin.

Februar: Aussichten werden nicht besser

Die Aussichten für die Kitzinger Einzelhändler werden nicht besser. An eine Öffnung Mitte Februar mag Lorette Konrad nicht glauben, hatte Ministerpräsident Markus Söder Anfang dieser Woche doch einer umfassenden Lockerung eine klare Absage erteilt. „Im März ist normalerweise Saisonstart“, erinnert die 57-Jährige. „Das ist für uns alle ein ganz wichtiger Monat.“ Spätestens dann müssten die Geschäfte wieder geöffnet sein. Sonst gehen einige Kollegen womöglich doch unter.