Noch schöner hätte man sich die Rückkehr der Geselligkeit doch kaum vorstellen können: Unter freiem Himmel zusammensitzen, beim Picknick in die lodernden Flammen blicken, singend und tanzend die kürzeste Nacht des Jahres genießen. So sahen sie aus, die Pläne von Andreas Laudenbach und den Wiesentheider Jugendgruppen für das Sonnwendfeuer in ihrem Ort. Während viele Veranstalter in anderen Gemeinden längst abgewunken hatten, bastelte der Vorsitzende mit seinem Vorstandsteam an einem Konzept – und musste es schweren Herzens doch noch verwerfen.

„Vor knapp zwei Wochen war eine Veranstaltung, wie wir sie geplant haben, schlicht und einfach nicht erlaubt“, sagt der Jugendreferent der Marktgemeinde. Lange hatten die Mitglieder der Jugendvereinigung gepokert und gehofft, dass doch noch rechtzeitig die entscheidende Lockerung kommen würde, die eine solche Feier unter freiem Himmel erlauben würde. Es gab viele Ideen, die Zugangs-, Abstands- und Hygieneregeln gewährleistet hätten. Durch Kreise am Boden sollte der Mehrgenerationenplatz aufgeteilt, die Plätze zugewiesen werden. Letztlich waren all diese Überlegungen umsonst. „Wir wollten eine saubere Veranstaltung, die ordnungsgemäß genehmigt ist“, sagt Andreas Laudenbach. Das war unter den bis dahin lautenden Vorgaben aber nicht möglich.

Keine Richtlinine, keine Konzepte

Das bestätigt auch Corinna Petzold, Pressesprecherin am Landratsamt in Kitzingen. Es gibt zwar keine konkreten Richtlinien zum Thema Sonnwendfeuer. Sie fallen aber weder unter die Rubrik „Versammlungen“ (im Sinne von „Demonstration“) noch zu den „Kulturellen Veranstaltungen“, die seit der jüngsten Verlautbarung in Form von Theatervorstellungen und Konzerten unter freiem Himmel mit bis zu 200 Personen stattfinden dürfen. „Damit bleibt es verboten“, sagt Petzold und erklärt, dass es bis zuletzt lediglich einige telefonische Anfragen für die Durchführung eines Sonnwend- oder Johannisfeuers gegeben habe, unter anderem für ein „Sonnwendfeuer To Go“. Konkrete Konzepte lagen dem Landratsamt allerdings nicht zur Prüfung vor.

Die Wiesentheider Jugendgruppen behielten es sich bis zu ihrer Vorstandsversammlung vor zwei Wochen vor, einen Antrag beim Landratsamt zu stellen. Mit dem Entschluss, das Johannisfeuer ersatzlos ausfallen zu lassen, war das aber nicht mehr nötig. Andreas Laudenbauch bedauert es sehr. „Ich kenne es nicht anders, als dass am Wochenende um Johanni das Johannisfeuer angezündet wird“, erklärt der 31-Jährige Wiesentheider. „Es war uns immer ein großes Anliegen, diese Veranstaltung zu organisieren. Wir wollten diese Tradition erhalten.“ Dabei kann man im Landkreis Kitzingen nicht unbedingt von einer echten Tradition sprechen. Reinhard Hüßner, Leiter des Kirchenburgmuseums in Mönchsondheim, kennt sich mit dem Fränkischen Brauchtum in der näheren Umgebung bestens aus. „Die Sonnwende- oder Johannisfeuer sind erst eine Erscheinung der 70er, 80er Jahre“, sagt der gebürtige Wiesenbronner. In historischen Schriften finden sie erstmals im 17. und 18. Jahrhundert Erwähnung, und das auch nur vereinzelt, etwa in Feuerbach oder Euerfeld. „Sie gehören damit nicht unbedingt zum Fränkischen Volksleben.“ Eine Erklärung hat der Experte auch parat - schließlich tauchen die Begrifflichkeiten überwiegend in Zusammenhang mit einem Verbot auf. Die Feuer wurden mitten im Dorf entzündet, in Giebelstadt „schaute man vom Rathaus aus zu“. Bei den einfachen Häusern und Hütten war die Gefahr, dass sie in Flammen aufgingen, einfach zu groß. Zumal diejenigen, die es entzündeten, überwiegend Jugendliche waren, die dazu tanzen, singen und feiern wollten – und womöglich keine zu große Sorgfalt walten ließen.

Kein fränkisches Brauchtum

Grundsätzlich kann sich Reinhard Hüßner vorstellen, dass diese neue Tradition der Sonnwendfeuer mit der Jugendbewegung „Wandervögel“ in den 1920er Jahren nach Franken und damit auch in den Landkreis Kitzingen kam. „Brauchtum ist nichts Starres“, findet er. „Es ist doch gut, wenn junge und alte Menschen zusammenkommen, etwas gemeinsam unternehmen und etwas für ihr Dorf tun. So kann etwas, das alt und vielleicht nicht mehr zeitgemäß ist, wegfallen, und etwas Neues entstehen.“

So könnte auch Andreas Laudenbach die Intention der Wiesentheider Jugendgruppen zusammenfassen. Das Johannisfeuer war immer eine Veranstaltung, bei der die Einheimischen zusammen kamen, bei der einheimische Vereine, Betriebe und Künstler die Möglichkeit hatten, sich zu präsentieren. Sie fällt zwar in diesem Jahr weg. „Das ist zumindest finanziell kein großes Problem für uns. Wir haben keine Veranstaltungen und keine Einnahmen, aber auch keine Ausgaben.“ Die Jugendvereinigung schaut aber trotzdem schon nach vorne. „Der Wunsch nach sozialem Kontakt ist da, alle freuen sich darauf, dass man sich irgendwann wieder treffen kann.“ In Wiesentheid könnte das in einem Pop-Up-Biergarten passieren, der Anfang Juli in der Nähe des Rathauses „aufploppen“ soll.

Bis dahin müssen sich nicht nur die Wiesentheider weiter gedulden, bis sie wieder in geselliger Runde zusammen feiern, singen und tanzen können. Auch wenn man sich kaum einen schöneren Anlass als die Sonnwende dafür hätte vorstellen können – dass eine solche Veranstaltung komplett ausfällt, lag bis vor wenigen Monaten mindestens genauso außerhalb jeder Vorstellungskraft.

Der längste Tag des Jahres

Johannisfeuer Das Johannisfeuer steht im Zusammenhang mit dem Geburtstag von Johannes dem Täufer am 24. Juni und ist damit christlichen Ursprungs. Die Kirche versuchte bereits im Mittelalter, die älteren Sonnwendfeuer durch das Johannisfeuer zu ersetzen.

Sonnwendfeuer Die Sommersonnenwende ist das Fest des Feuers und Lichts und steht für einen Neuanfang. Nach heidnischem Brauch bitten die Menschen mit dem Feuer, das böse Geister vertreiben soll, um gutes Wetter und eine reiche Ernte. Der Sprung übers Feuer sollte außerdem Unheil vertreiben und Krankheiten heilen. Pärchen, die Hand in Hand übers Feuer sprangen und nicht losließen, stand die Hochzeit kurz bevor.

Strohfeuer Auch nach den jüngsten Lockerungen der Corona-Schutzmaßnahmen sind öffentliche, „frei zugängliche“ Veranstaltungen wie eine Feier mit Sonnwendfeuer „wegen der schweren Nachvollziehbarkeit der Teilnehmer“ nicht erlaubt, die Frist wurde bis Ende Oktober verlängert. Sie gelten weder als Versammlung noch als Kulturveranstaltung (beides darf unter freiem Himmel mit bis zu 200 Personen stattfinden) noch als private Veranstaltung, die unter freiem Himmel mit bis zu 100 Personen zugelassen ist.