Reinknien für die Forschung
Autor: Ralf Dieter
, Dienstag, 05. April 2016
Was für ein Arbeitsplatz! Auf schmalen Polstern knien die Studenten und stochern mit ihren Kellen im Dreck. Stundenlang. Ungemütlich ist es in dem provisorischen Unterstand. Immer wieder drückt das Grundwasser hoch, erschwert die Arbeiten. Die jungen Frauen und Männer lassen sich trotzdem nicht beirren. Denn immer wieder stoßen sie auf prähistorische Funde.
Der Bullenheimer Berg hat eine bewegte Geschichte. Und die wird seit ein paar Jahren von Prof. Dr. Frank Falkenstein vom Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie der Universität in Würzburg und seinem Team untersucht. „Wir gewinnen ständig neue Erkenntnisse“, sagt Falkenstein. Die Geschichte muss deshalb nicht ganz umgeschrieben werden. Aber neue Details treten zu Tage. Die Vergangenheit wird umgedeutet.
Dr. Markus Schußmann ist seit den ersten wissenschaftlichen Ausgrabungen im Jahr 2010 immer wieder als Grabungsleiter am Bullenheimer Berg. „Ich kenne trotzdem nur einen Promillebereich“, bedauert er. Immerhin: Dank seiner Feldforschungen und den Radiokarbonanalysen hat der Berg ein paar seiner Geheimnisse preisgegeben.
1#googleAds#100x100Römische Pioniere und ein Teich
Eine Senke, in der sich Wasser gesammelt hat, der Boden bedeckt von Gestrüpp. Kein Wandersmann würdigt dieses Gelände eines Blickes. Für Schußmann und Falkenstein sind die rund 2000 Quadratmeter mitten auf dem Berg etwas Besonderes. „Dieser kaum mehr zu erkennende Teich ist womöglich von römischen Soldaten angelegt worden“, sagt der Professor. Untersuchungen der Sedimente haben ergeben, dass der Boden um Christi Geburt ausgehoben wurde. Der Aushub ist auch heute noch, rund 50 Meter weiter, als grasbewachsener Hügel auszumachen. Falkensteins Theorie: Römische Pioniere haben Eichenstämme vom Steigerwald zur Baustelle des Römerlagers bei Marktbreit transportiert. Am Bullenheimer Berg haben sie eine riesige Tränke für die Zugochsen hinterlassen.
Bei einem Spaziergang über den Berg mit den beiden Wissenschaftlern wird die Geschichte lebendig. „Der Bullenheimer Berg ist für uns Forscher in ganz Süddeutschland einmalig“, sagt Dr. Schußmann. Warum? Weil hier die bronzezeitlichen Siedlungsreste von etwa 1300 bis 800 vor Christus hervorragend überliefert sind – obwohl das Bergplateau im Hochmittelalter komplett mit Ackerfluren bedeckt war. „Die urnenzeitliche Kulturschicht hat sich hier wunderbar erhalten.“ Urnenfelderzeit wird die Periode der späten Bronzezeit genannt, weil die Asche der Toten damals in Keramikgefäßen auf Friedhöfen beigesetzt wurde.
Geprägt war diese Zeit von befestigten Höhensiedlungen wie am Bullenheimer Berg. Von einer reinen Schutzfunktion geht Falkenstein nach den neuesten Erkenntnissen allerdings nicht mehr aus. „Die Besiedlung erfolgte zur Zeit eines Klimaoptimums mit hohen landwirtschaftlichen Erträgen.“ In einer Zeit, in der der Handel immer wichtiger wurde.
Der Bullenheimer Berg lag an der Kreuzung einer Nord-Süd und einer Ost-West-Verbindung. Vom Alpenraum wurde Kupfer bis nach Skandinavien gebracht. „Dort gab es damals ein florierendes Bronzehandwerk, doch jedes Gramm Metall musste importiert werden“, erklärt der Würzburger Professor. Zwei Kupferbarren, die in den 1970er Jahren auf dem Berg gefunden wurden, belegen die These vom fränkischen Umschlagplatz. Eine Bernsteinperle beweist Kontakte bis zur Ostsee. Aus Böhmen kam in der späten Phase Grafit, das für die Verzierung von kunstvollen Keramikgefäßen verwendet wurde.
Sisyphusarbeit mit der Kelle
„Das gesamte Plateau war in dieser Zeit dicht besiedelt“, versichert Falkenstein. Um 800 vor Christus wurde der Berg plötzlich verlassen und erst zwei Jahrtausende später, im Hochmittelalter, erneut gerodet. Der heutige Wald reicht damit bis in das Spätmittelalter zurück und wird seit dem 15. Jahrhundert von fränkischen Waldrechtlern der umliegenden Gemeinden bewirtschaftet. Das Wurzelwerk macht es den Studenten nicht gerade leicht, die archäologische Kulturschicht freizulegen.