Iphofen Keine Frage: Die Corona-Pandemie drückt aufs Gemüt. Die andauernde Kontaktbeschränkung, unsichere Zukunftsperspektiven, teils sogar Existenzängste machen vielen Menschen zu schaffen. Dass nicht jeder damit umzugehen weiß, erfährt Psychotherapeutin Jenni Kiemer tagtäglich. In ihrer Praxis in Iphofen hilft sie Menschen, deren psychische Gesundheit leidet – neuerdings auch online.

Frage: Kommt der psychischen Gesundheit in der heutigen Zeit eine angemessene Rolle zu? Oder wird sie immer noch gerne „kleingeredet“?

Jenni Kiemer: Mein persönlicher Eindruck ist, dass sich die Wahrnehmung für psychische Probleme und deren Akzeptanz in den letzten Jahren durchaus verbessert hat. Dazu tragen auch prominente Persönlichkeiten bei, die öffentlich über psychische Erkrankungen sprechen. Die Stigmatisierung aus der Vergangenheit nimmt ab, ist an manchen Stellen aber leider immer noch vorhanden. Das Verständnis dafür, dass es sich bei psychischen Erkrankungen um ernste Erkrankungen handelt, die behandlungswürdig sind, nimmt weiterhin zu.

Auch beim Thema Depressionen?

Jenni Kiemer: Hier ist vielen Menschen nicht bewusst, dass eine Depression eine Stoffwechselerkrankung des Gehirns ist. Einigen Betroffenen wird leider immer noch vorgeworfen, dass sie sich doch „einfach zusammenreißen“ sollten oder dass sie „zu faul und zu bequem“ seien. Absolut das Gegenteil ist der Fall. Eine Depression entsteht dann, wenn zuvor über einen längeren Zeitraum zu viel Belastung und Stress vorhanden gewesen sind.

Wie wichtig ist Prävention?

Jenni Kiemer: Sie spielt eine sehr wichtige Rolle. Ich wünsche mir zum Beispiel, dass schon Kinder in der Schule zum Thema Selbstwert und Stressmanagement unterrichtet werden, um nachhaltige Ressourcen im Umgang mit Belastung zu erlernen.

Welche Erfahrungen haben Sie und Ihre Kollegen in den letzten Monaten in Zeiten von Corona gemacht?

Jenni Kiemer: Die aktuelle Situation hat einen großen Einfluss auf die psychische Gesundheit der Menschen. Studien haben gezeigt, dass zum einen die Anzahl psychischer Erkrankungen steigt und es zum anderen den Menschen, die schon vorher eine psychische Erkrankung hatten, noch schlechter geht.

Wie ist das zu erklären?

Jenni Kiemer: Durch den Wegfall vieler positiver Verstärker. Das kann sportliche Betätigung sein, aber vor allem sind das soziale Kontakte. Zudem ist in vielen Familien die Lage sehr angespannt durch doppelte und dreifache Belastungen: Arbeit im Home-Office, parallel Betreuung der Kinder und Bewältigung des Alltags. Die Anforderungen an den Einzelnen sind dadurch sehr gestiegen.

Und in der Partnerschaft?

Jenni Kiemer: Da kommt es häufig zu mehr Spannungen und Konflikten. Alle Bedürfnisse, die man vorab durch Hobbys oder Freundschaften befriedigen konnte, werden nun an den Partner gerichtet. Die ungewohnte intensive zeitliche und räumliche Nähe führt dazu, dass sich Konflikte verschärfen.

Welche Bedenken haben Sie, wenn Sie an die nahe Zukunft denken?

Jenni Kiemer: Sollte der Zustand weiter anhalten, werden sich diese Probleme noch verstärken. Zudem steigen finanzielle und gesundheitliche Ängste. In der therapeutischen Praxis zeigt sich dies durch mehr Anfragen von Menschen, denen es psychisch nicht gut geht. Geplante Klinik- oder Reha-Aufenthalte entfallen zum Teil, wodurch die Menschen zusätzlich belastet sind.

Was tun?

Jenni Kiemer: Glücklicherweise bietet die Video- beziehungsweise Online-Therapie gute Möglichkeiten, Patienten trotz Corona behandeln zu können. Aktuelle Studien zeigen, dass die Wirksamkeit ähnlich hoch ist wie bei Therapien vor Ort und die Krankenkassen übernehmen auch dafür die Kosten.

Wie häufig kommen psychische Erkrankungen vor?

Jenni Kiemer: 20 Prozent aller Bundesbürger erkranken einmal in ihrem Leben oder häufiger an depressiven Erkrankungen. Jedes Jahr sind zirka 28 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen, das entspricht über 17 Millionen Menschen. Die häufigsten Erkrankungen sind dabei Angststörungen, zu denen Panikstörungen, Agoraphobien, soziale und spezifische Phobien zählen, affektive Störungen, also Depressionen und bipolare Erkrankungen, sowie Alkohol- und Medikamentenmissbrauch.

Wie sieht die Behandlung aus?

Jenni Kiemer: Je nach Schweregrad erfolgt sie ambulant oder stationär. Ein wichtiger Behandlungsbaustein sind dabei psychotherapeutische Gespräche und der Einsatz von Medikamenten. Darüber hinaus kommen, je nach Erkrankung, zum Beispiel das Erlernen von Entspannungsverfahren, psychosoziale Interventionen oder das Training sozialer Kompetenzen zum Einsatz.

Was sind typische Anzeichen dafür, dass es einem psychisch nicht gut geht?

Jenni Kiemer: Ein Frühwarnzeichen für psychische Erkrankungen, wie zum Beispiel eine Depression, ist meist eine Veränderung der Stimmungslage. Man fühlt sich häufiger traurig oder gereizt, erlebt sich sensibler. Der Energiehaushalt wird kleiner, die Konzentration nimmt ab und es fällt schwerer, den Alltag zu bewältigen. Zudem kann es zu einem Freud- und Interessenverlust kommen, man zieht sich immer mehr zurück. Ängste und Sorgen können verstärkt auftreten und das Grübeln zunehmen. Der Schlaf ist auch ein wichtiges Indiz für die psychische Gesundheit. Hier kommt es bei psychischen Belastungen häufig zu Problemen mit dem Ein- und Durchschlafen. Die Schlafdauer nimmt dabei ab oder steigt stark an. Körperlich kann es zu einem Gefühl innerer Anspannung und Unruhe kommen, einem Druckgefühl auf der Brust, aber auch Schwindelgefühlen, Herzrasen oder höherem Blutdruck.

Was empfehlen Sie Menschen bei solchen ersten Anzeichen?

Jenni Kiemer: Wenn die Symptome gering ausgeprägt auftreten, ist es ratsam, einen Gang zurückzuschalten. Psychische Erkrankungen entstehen meist, wenn zu viel Belastung und Stress vorhanden sind oder über einen längeren Zeitraum vorlagen. Dem entgegenzuwirken ist dann der wichtigste Schritt.

Und wie sieht der aus?

Jenni Kiemer: Man sollte aktiv bleiben und sich so häufig wie möglich etwas Gutes tun. Regelmäßige Bewegung, feste Schlafenszeiten und eine ausgewogene Ernährung sind dabei empfehlenswert. Besonders wichtig ist auch der Austausch mit Freunden und Familien und das Einhalten einer festen Tagesstruktur. Bei stärkeren, überdauernden Symptomen und dem Gefühl mit diesen alleine nicht zurechtzukommen und den Alltag nicht mehr bewältigen zu können, sollte man professionelle Hilfe, etwa beim Hausarzt oder Psychotherapeuten, in Anspruch nehmen.

Sie haben gerade eine Online-Veranstaltungsreihe mit Themen rund um psychische Gesundheit gestartet. Was hat Sie dazu bewogen?

Jenni Kiemer: In meiner beruflichen Tätigkeit an der Universitätsklinik Würzburg habe ich sehr gute Erfahrungen mit der Durchführung psychoedukativer Gruppen gemacht. Studien zeigen, dass schon das Aufklären über Störungsbilder einen positiven Effekt auf die Gesundheit haben kann. Eine Vielzahl an Beratungsangeboten und Informationsveranstaltungen kann aktuell aufgrund von Corona nicht stattfinden, die psychischen Probleme nehmen aber weiterhin zu. Mein Anliegen ist es, psychologisches Wissen weiterzugeben und einen Rahmen zum Austausch zu bieten. Dafür bieten sich Online-Seminare sehr gut an. Die Teilnahme ist kostenlos. Die Themenbereiche sind abwechslungsreich. Los geht es mit dem Thema Depressionen. Nach einem Theorieteil soll es immer die Möglichkeit geben, Fragen zu stellen und sich auszutauschen. Dabei bleibt man als Teilnehmer anonym.

Psychische Gesundheit

Zur Person: Jenni Kiemer ist psychologische Psychotherapeutin und Paartherapeutin. Sie betreibt eine Privatpraxis für Psychotherapie und Paartherapie in Iphofen und arbeitet als Dozentin im Bereich Paar- und Sexualtherapie.

Zur Vortragsreihe: Die Informationsabende finden jeden ersten Donnerstag im Monat um 20 Uhr online statt. Es werden wechselnde Themenschwerpunkte aus dem Bereich der Psychologie und Psychotherapie behandelt. Die Teilnahme ist kostenlos und anonym. Die Dauer beträgt ca. 60 Minuten. Bei Interesse ist eine Anmeldung über das Kontaktformular auf www.jennikiemer.de notwendig. Die Teilnehmer erhalten dann den Veranstaltungslink per E-mail.

Auf einen Blick: 1. April: Depressionen – Informationen für Angehörige; 5. Mai: Selbstfürsorge – Persönliche Grenzen erkennen und wahren; 3. Juni: Gesunder Schlaf – Allgemeine Informationen und Schlafregeln; 1. Juli: Partnerschaft – Typische Kommunikationsprobleme; 2. September: Stress – Tipps zur alltäglichen Bewältigung; 7. Oktober: Selbstwert – Selbstvertrauen – Selbstbewusstsein; 4. November: Sexualität – Sexuelle Störungen und ihre Behandlung; 2. Dezember: Ernährung – Zusammenspiel von Psyche und Essverhalten.