Was hat der Mann nicht alles in seinen Jackentaschen: ein Maßband, eine Lösezange, viele behördliche Schreiben und mehrere dicke Mappen voller Wobbler, Spinner, Blinker und schlabberiger Gummifische. Hubert Przybylla ist leidenschaftlicher Angler. Ein Hobby, das in Zeiten von Corona mehr und mehr Anhänger findet.

Bloß nicht zu nahe kommen in Zeiten der Pandemie? Darüber brauchen sich Angler nicht groß den Kopf zu zerbrechen. Sie stehen oder sitzen stundenlang am Ufer eines Sees oder Baches, in der Regel allein. Oder, wie Hubert Przybylla, mit seinem kleinen Enkel, der zwar noch nicht alleine angeln darf, aber große Freude am Hobby des Opas hat. Geredet wird wenig, nicht miteinander und auch nicht mit dem nächsten Angler, der sich ein gutes Stück entfernt platziert. „Abstand halten war schon immer eine Tugend der Angler. Endlich dürfen wir das tun, was uns sonst als Eigenbrötler gekennzeichnet hat“, sagt Hubert Przybylla und lacht. Alleine draußen in der Natur sein, in sich ruhen, das finden jetzt, in der Corona-Zeit, plötzlich viele attraktiv.

Einfach los Angeln geht nicht: Strenge Regeln

Also kurzerhand eine Angel kaufen, sich irgendwo hinstellen und den Köder auswerfen? Wer so vorgeht, macht sich strafbar. So wie zwei Männer, die Mitte April am Mainufer bei Segnitz ihre Angeln ausgeworfen hatten. Bei einer Kontrolle durch einen Fischereiaufseher konnten sie die erforderliche Erlaubnis nicht vorweisen. Die Folge war eine Anzeige wegen Fischwilderei.

„Angeln darf, wer das 18. Lebensjahr vollendet und die Fischerprüfung bestanden hat“, erklärt Przybylla, Ehrenmitglied des Anglervereins Marktsteft-Marktbreit und Kreisbeauftragter für Kitzingen beim Fischereiverband Unterfranken. Für Kinder und Jugendliche gibt es Sonderregeln (siehe Infokasten.)

Wer die Fischerprüfung ablegen will, muss zunächst einen Vorbereitungskurs besuchen. Er umfasst zahlreiche Fachgebiete, die deutlich machen, wie viel Wissen Angler haben müssen. Natürlich geht es da unter anderem um die Fischkunde. Welche Fische gibt es, wie sehen sie aus, wo leben sie, wann haben sie Schonzeit? Eine Regenbogenforelle zum Beispiel darf vom 15. Dezember bis 15. April nicht gefangen werden, eine Bachforelle ist vom 1. Oktober bis 28. Februar tabu. Und wie ist das Schonmaß? Diese Zahl gibt vor, welche Größe ein Fisch haben muss, damit er gefangen werden darf. „Jeder Fisch soll die Möglichkeit haben, mindestens einmal im Leben abzulaichen“, erklärt der Obernbreiter den Hintergrund der Schonmaß-Regel. Dabei kommt es auf jeden Zentimeter an. Bei den beiden Forellenarten liegt das Schonmaß bei 26 Zentimetern, beim Barsch bei 25 Zentimetern, bei der Nase bei 35 Zentimetern. Es sind einige von vielen Arten, die im Main oder seinen Nebengewässern leben, genauso wie die Rutte, der Hasel, der Döbel oder die Elritze. Hubert Przybylla kennt sie alle, und er kennt noch viel mehr. Denn er fischt nicht nur an den Marktstefter Seen des Vereins und am Breitbach, von dem er einen Bereich jahrzehntelang gepachtet hatte.

"Die Angelei ist sehr facettenreich"

„Einmal im Jahr geht es nach Norwegen zum Hochseefischen“, erzählt er mit strahlenden Augen. „Dann geht's raus aufs Meer und wir fischen Dorsch und Heilbutt.“ Dazu braucht es andere Angelgeräte und Köder als am ruhigen See in Marktsteft. „Die Angelei ist sehr facettenreich“, schwärmt Przybylla. „Es gibt ja nicht nur Ansitzangler.“ Beim Fliegenfischen zum Beispiel oder wenn es mit künstlichem Köder auf Raubfische geht. „Da läuft man weite Strecken.“ Gewässerkunde, Schutz und Pflege der Fischgewässer, Fischhege, Rechtslehre, alles das muss lernen, wer den Fischereischein machen möchte. Man muss sich mit den Fachgeräten auskennen. Welche Angel für welchen Fisch, welchen Köder darf man nehmen? Und wie müssen die gefangenen Fische behandelt werden? Denn es ist nicht erlaubt, nur aus Spaß an der Freude zu angeln und die Tiere dann wieder zurück ins Wasser zu werfen. „Catch and release ist verboten“, betont Przybylla. „Man darf Fische nur aus hegerischen Gründen ins Wasser zurücksetzen.“ Also zum Beispiel, wenn sie noch zu klein sind oder die Art geschont werden soll. Eine sinnvolle Verwendung des Fanges ist zwingend vorgeschrieben.

Überhaupt sind die Vorschriften streng. Nicht nur das Angeln ohne Schein ist verboten, sondern schon die Verwendung des falschen Hakens oder von mehr als zwei Ruten. Wer am Main vom Boot aus angelt, macht sich strafbar, wer das Anfütterungsverbot missachtet, wer mit Würmern angelt, obwohl es laut Erlaubnisschein nicht zugelassen ist. Hubert Przybylla kann noch viele weitere Regeln aufzählen, die es zu beachten gilt.

Die bestandene Prüfung allein berechtigt aber noch nicht zum Angeln. Wer seinem Hobby nachgehen möchte, braucht neben dem Fischereischein einen Erlaubnisschein für das Gewässer, in dem er fischen will, ob es nun ein Vereinssee ist, ein Bach oder der Main. Diesen Schein gibt es fürs ganze Jahr, für einen Monat, eine Woche oder einen Tag – und so ist es beispielsweise Touristen möglich, mit einem Tages- oder Wochenschein ihrem Hobby im Urlaub nachzugehen. „Die Nachfrage danach ist groß“, berichtet Hubert Przybylla. Unendlich viele Erlaubnisscheine dürfen dabei nicht ausgegeben werden – das Landratsamt als Aufsichtsbehörde gibt die Zahl vor.

Erlaubnisscheine von See zu See und Fluss zu Fluss unterschiedlich

Auf den Erlaubnisscheinen sind auch die Regeln festgehalten, die für das Gewässer gelten und sich von See zu See, von Fluss zu Fluss unterscheiden können. Dort ist beispielsweise vermerkt, welche und wie viele Tiere entnommen werden dürfen.

In den vielen Jahren, in denen der Obernbreiter schon angelt, hat sich das Leben in den Gewässern verändert. Der Aal-Bestand im Main ist dramatisch zurückgegangen – aus verschiedenen Gründen. Eigentlich wandern die Aale aus dem Westatlantik bei Mexiko, wo sie geboren werden, erst durch die Meere und dann in die Flüsse, in denen ihre Eltern lebten. „Weil der Golfstrom seine Richtung geändert hat, finden sie den Weg dorthin oft nicht“, erklärt Przybylla. Zudem werden viele kleine Glasaale gefangen und eingedost. Sie können sich also gar nicht zu Blankaalen entwickeln und ablaichen. Wandern die laichreifen Blankaale nach etlichen Jahren doch zurück ins Meer, sind da die 34 Staustufen. „Die werden für sie zum Roulettespiel.“ Mit Besatzmaßnahmen wird versucht, den Bestand im Main wieder zu erhöhen. Veränderungen gibt es auch bei anderen Fischarten. „Meefischli gibt es fast nicht mehr“, bedauert der Fischer. Dafür sind andere Fische wie die Schwarzmeergrundeln eingewandert. „Da gab es massive Ängste, weil die alles Mögliche gefressen haben.“ Doch die Raubfische im Main haben die Grundel-Population in Schach gehalten. „Dafür werden die Barsche jetzt viel größer als früher, weil sie im Main ein reichhaltiges Nahrungsangebot vorfinden.“ Auch die Klimaerwärmung hat Folgen: Der Waller gewinnt im wärmeren Wasser an Größe. Bis zu drei Meter lang kann der nachtaktive Fisch werden, und bis zu 300 Kilogramm schwer.

Auswirkungen auf den Fischbestand hat auch das Verhalten des Menschen. „Der Main hat sich zu einem riesengroßen Freizeitbereich entwickelt“, sagt Hubert Przybylla. Stand-up-Paddler, Kajak-Fahrer, dazu Motorboote, Kreuzfahrtschiffe – auf dem Gewässer ist viel los. Wellenschlag und Sogwirkung gerade der motorisierten Boote spülen Laich ans Ufer, dort trocknet er aus, statt sich irgendwann zu Fischen zu entwickeln. Immer wieder gibt es deshalb Ärger und Streit.

Davon ist nichts zu spüren, als Hubert Przybylla mit seinem Enkel Fabian Seite an Seite am See in Marktsteft steht. Beide strahlen Ruhe aus, beide blicken konzentriert auf die Wasseroberfläche. Angebissen hat noch nichts, aber das stört den Jungen überhaupt nicht „Gehen wir wieder heim?“, fragt der Opa. Fabian schüttelt energisch den Kopf. Angeln ist langweilig? Von wegen.

Rund ums Angeln

Beliebtes Hobby: In Deutschland gibt es mehrere Millionen Angler, über eine Million sind in Vereinen aktiv. Der Fischereiverband Unterfranken hat 11.500 Mitglieder, 1118 davon kommen aus dem Landkreis Kitzingen. Laut Hubert Przybylla sind etwa zwei Drittel der Angler nicht organisiert, so dass es in Unterfranken wohl etwa 30.000 bis 40.000 Angler gibt.

Gesetz: Ab dem 18. Lebensjahr darf nur fischen, wer die Fischerprüfung bestanden hat und einen Fischereischein gelöst hat. Informationen zur Prüfung gibt es im Internet zum Beispiel unter fischereiverband-unterfranken.de

Nachwuchs: Kinder unter zehn Jahren dürfen in sehr begrenztem Umfang als Helfer eines volljährigen Anglers beteiligt werden. Ein Erlaubnis- oder Jugendfischereischein ist dabei nicht erforderlich. Ab dem 10. Lebensjahr darf ein Kind unter ständiger Aufsicht eines Erwachsenen Anglers angeln, muss allerdings einen Jugendfischereischein besitzen und einen Erlaubnisschein für das Gewässer gelöst haben. Ab 12 Jahren kann die Fischerprüfung abgelegt werden. Bei bestandener Prüfung kann der Jugendliche ab dem 14. Lebensjahr alleine und ohne Aufsicht fischen. (len)