Biber-Angriff in Marktsteft: „Da! Schon wieder eins!“ Detlef Roth zeigt auf ein Loch am Wegesrand, direkt neben dem Anglersee in Marktsteft. Einen kleinen Schritt geht er dabei nur näher, bleibt eigentlich in sicherer Entfernung, doch schon ist es passiert: Der Boden gibt unter ihm nach. Er stürzt, sein rechtes Bein steckt bis zum Knie in einer Höhle. Es ist eine von vielen, die Biber rund um die fünf Seen und am Mainufer in Marktsteft gegraben haben. Verein, Stadt und Fischereiverband sind sich einig: So geht es nicht weiter. Die Gefahr durch die Nager ist zu groß. Zumal ein Vereinsmitglied kürzlich sogar gebissen wurde.

Detlef Roth ist Vorsitzender des Anglervereins Marktsteft-Marktbreit. Ein Mann, der die Natur liebt. Ein Mann aber auch, der sich in der Verantwortung gegenüber seinen Vereinsmitgliedern sieht und gegenüber all jenen, die gerne auf den Wegen zwischen den Anglerseen spazieren gehen. Er will nicht, dass einem von ihnen etwas passiert. Und deshalb geht er jetzt an die Öffentlichkeit. Wohl wissend, dass es Stimmen geben wird, die ihn dafür verurteilen werden. Der Biber, das ist für viele das putzige Kerlchen aus der Werbung. Für andere das bedrohte Tier, das es kompromisslos zu schützen gilt. Gerade mal einen Biber gab es laut Statistik im Jahr 1990 in Unterfranken. Seitdem steigt die Zahl kontinuierlich an, 2018 waren es 1865, Tendenz steigend.

Viele Biber auf zu kleinem Raum in Marktsteft

Aber der Biber ist eben auch ein Tier, das Schäden anrichtet, wenn die Population zu groß wird. In Marktsteft ist sie es geworden. „14 bis 18 Biber sind es locker“, sagt Detlef Roth. „Das sind einfach zu viele auf zu kleinem Raum.“ Das Gleichgewicht sei nicht mehr gegeben. Wobei Roth mehrfach betont, dass er nicht möchte, dass der Biber ganz verschwindet. Gegen ein paar Biber am See sei nichts einzuwenden. Aber gegen so viele schon. Er fordert, dass die Zahl dezimiert wird.

An abgenagter Baumrinde wurde vor einigen Jahren deutlich, dass sich ein Biber an den Marktstefter Seen niedergelassen hatte. An sich ein gutes Zeichen, schließlich gab es nicht mehr viele der geschützten Tiere. Die ersten kleineren Bäume fielen um, auch noch kein Problem. „Wir haben sie im Wasser liegengelassen, damit der Biber sie weiter abnagen kann“, sagt Detlef Roth. Doch die Population wuchs mit den Jahren, die Zahl der angenagten Bäume stieg. Mehrere, auch starke Bäume mussten gefällt werden, weil sie umzustürzen drohten.

Nach Gesprächen mit der Naturschutzbehörde und einem Biberberater wickelten die Vereinsmitglieder Maschendrahtzaun um die Stämme, um sie vor den scharfen Biberzähnen zu schützen. Doch nicht alle Schäden werden immer rechtzeitig entdeckt. Am Rand des Naturschutzgebietes, das an die Anglerseen grenzt, krachte bereits ein Baum nur wenige Meter neben einem älteren Angler auf den Boden, erzählt Detlef Roth. „Das hätte auch anders ausgehen können.“

Biber-Attacke: Tier beißt Angler in Unterschenkel

Hätte, wäre, wenn.... Detlef Roth will sich nicht länger darauf verlassen, dass schon nichts passieren wird, denn die Probleme häufen sich. Löcher tun sich in den Wegen auf, die teilweise stark unterhöhlt sind, genauso wie die lange Treppe, die hinunter ans Seeufer führt und umzukippen droht. 1,3 Kubikmeter Beton hat der Verein schon eingebracht, um die Treppe wieder zu sichern – doch jetzt tut sich unter den Stufen schon wieder ein großes Loch auf. Der Verein könne sich weder finanziell noch personell leisten, die immer wieder auftretenden Schäden zu reparieren.

Vor knapp zwei Wochen dann wieder ein alarmierender Vorfall: Ein Biber beißt Stephan Roth in den Unterschenkel, als er abends eine Angelschnur eines jüngeren Angelkameraden befreien will, die sich im Gebüsch verfangen hat. Die kräftigen Zähne hinterlassen zwei drei Zentimeter lange und einen Zentimeter tiefe, stark blutende Bisswunden, die im Krankenhaus versorgt werden müssen.

Der 24-Jährige hat Glück gehabt, es werden wohl nur Narben bleiben. „Aber was, wenn eine Arterie getroffen wird oder eine Sehne?“, fragt Detlef Roth. „Wenn ein Kind gebissen wird, dessen Beine viel dünner sind?“ Diese Verantwortung kann und will er nicht mehr übernehmen. „Es muss sich endlich etwas tun!“

Immer wieder Löcher auf den Wegen

Der Vereinsvorsitzende hat Bürgermeister Thomas Reichert und den Präsidenten des Fischereiverbandes Unterfranken, Willi Stein, mit ins Boot geholt. Beide wissen um die Problematik und um die Gefahr. Es geht nicht nur um ein paar Angler in Marktsteft. Es geht auch um die Spaziergänger, Rad- und Autofahrer, die auf den Wegen zwischen den Seen unterwegs sind.

Immer wieder tun sich Löcher in den Wegen auf, immer wieder werden unterhöhlte Bereiche entdeckt, durch die selbst Fußgänger einbrechen könnten. Dann rückt der Bauhof an, füllt die Löcher auf. Er sei schockiert gewesen, wie groß die Löcher sind, sagt der Bürgermeister. „Wir haben mehrere Kubik Schotter eingebracht.“ Er selbst kann nicht viel tun, außer Mitarbeiter zur Kontrolle und Reparatur schicken. „Aber so viel Leute habe ich gar nicht, um das ständig zu überwachen.“

Eine Alternative wäre, die Wege dauerhaft zu sperren. „Damit wäre das Problem nur elegant umgangen. Das ist keine Lösung.“ Reichert sieht dringenden Handlungsbedarf. „Ich will nicht warten, bis es den ersten schweren Personenschaden gibt.“

Folgen für Fische und Natur

Die Marktstefter Seen sind kein Einzelfall. Auch am Michelfelder See und dem Zulauf zur Kläranlage hat die Stadt ein Problem mit dem Biber. Und Reichert weiß aus Gesprächen mit Kollegen im Landkreis, dass auch sie mit dem Biber zu kämpfen haben. „Das ist in ganz Unterfranken so“, sagt Fischereipräsident Willi Stein, an Seen, Bächen, Flüssen, dem Main. „In manchen Regionen ist es katastrophal.“ Es gibt Bäume, die umzustürzen drohen, unterhöhlte Wege und Böschungen. „Der Einstieg zu den Höhlen ist unterirdisch, die sieht man von oben nicht“, so Willi Stein.

Kommen Touristen, die es an den Flüssen zuhauf gibt, dem Eingang zu nah, verteidigt das Tier sein Revier. Wenn Biber auf Menschen losgehen, sei das eine große Gefahr. Das Beispiel von Stephan Roth zeigt, wie schnell es gehen kann.

Doch Stein geht es nicht nur um die Menschen, sondern auch um die Natur. Verschwinden die Bäume und Büsche an den Ufern, haben die Fische keinen Ort mehr, an dem sie laichen können. Wird das Wasser an Bächen angestaut, erwärmt es sich und droht umzukippen. „Die Lebewesen in den Tümpeln gehen kaputt“, so Stein. Und weil Deiche ihre Standsicherheit verlieren, wenn Biber sie unterhöhlen, drohen Überschwemmungen.

Wer trägt die Verantwortung?

Die Angler und Fischer fühlen sich alleingelassen mit der Verantwortung. Wer ohne Erlaubnis gegen die Biber vorgeht, auch nur den Bau beschädigt, dem droht eine hohe Geldstrafe. Unternehmen sie nichts, können Unfälle passieren. „Wer trägt denn die Verantwortung?“, fragt Detlef Roth. Melden Angler und Fischer Probleme mit dem Biber, heiße es immer, sie sollten sich an die Gemeinde wenden, sagt Fischereipräsident Stein. Aber auch der seien die Hände gebunden. Und die Naturschutzbehörden hätten auch ihre Vorgaben. „Wir müssen miteinander eine Lösung finden“, appelliert Willi Stein an die Politik.

Der Wunsch der drei Männer: Der Biber muss, wenn der Bestand in einem Bereich überhandnimmt, dezimiert werden dürfen und der Bestand kontinuierlich überwacht. Wird das nicht erlaubt, wird sich das Problem nicht lösen, sondern immer größer, denn der Biber hat keine natürlichen Feinde. „Wir müssen Maßnahmen ergreifen und nicht warten, bis etwas Böses passiert“, so Willi Stein. Bürgermeister Reichert sieht es genauso: „Ich kann und will als Gemeindeoberhaupt nicht mehr länger tatenlos zusehen.“