Sie ist immer noch geschockt. Aber auch wütend. Fünf Stunden hatte sie auf Kohlen gesessen, hatte auf ihren Mann gewartet, der sich am Morgen mit dem Motorrad für eine „kleine Runde“ aufgemacht hatte – vergebens. Mit jeder Minute wuchsen die Sorgen, aus Nervosität wurde Verzweiflung. Traurige Gewissheit erfuhr Iris Burckhardt erst, als sie selbst nachfragte: Am Telefon erklärte ein Beamter der Polizeiinspektion Kitzingen, dass ihr Mann nach einem Verkehrsunfall mit dem Hubschrauber in die Uni-Klinik nach Würzburg geflogen worden war. Dann brachen bei der Marktstefterin alle Dämme: Warum hatte ihr niemand Bescheid gesagt?

Bei der Polizei in Kitzingen ist man dafür nicht unbedingt verantwortlich, erklärt der stellvertretende Dienststellenleiter Armin Fuchs auf Anfrage. Die Betreuung der Betroffenen sei der Polizei natürlich sehr wichtig. Allerdings fällt die Benachrichtigung der Angehörigen erst in ihren Zuständigkeitsbereich, wenn das Unfallopfer nicht mehr ansprechbar ist oder man sogar damit rechnen muss, dass es nicht überlebt. „In diesem Fall versuchen wir, die Angehörigen von dem Unfall zu verständigen, telefonisch oder auch persönlich.“

Sorgfältige Unfallaufnahme: Mann war an Unfallort bei Bewusstsein

Im Fall von Uwe Burkhardt stand dies aber nicht im Vordergrund, sondern die beweiskräftige Verkehrsunfallaufnahme am Unfallort. „Die Klärung des Unfallhergangs ist auch für den geschädigten Verkehrsteilnehmer wichtig, wenn es um zivilrechtliche Schadensersatzforderungen geht, insbesondere natürlich bei schwerwiegenden Verletzungen“, weiß Fuchs. Die hatte der gestürzte Motorradfahrer nach der ersten Diagnose des Notarztes zwar – er hatte mehrere Brüche im Bein erlitten. Er war aber bei Bewusstsein und ansprechbar. Zumindest, bis er vom Notarzt ruhiggestellt wurde.

Um die Erstversorgung kümmerte sich das Rettungsteam des Bayerischen Roten Kreuzes. Sven Appold, stellvertretender Kreisgeschäftsführer in Kitzingen, sagt, die Verständigung der Angehörigen sei nur dann Aufgabe der Polizei, wenn eine Todesnachricht überbracht werden muss. Wird ein Patient in eine Klinik eingeliefert, verschiebt es sich in deren Aufgabenbereich, „gegebenenfalls“ die Angehörigen zu verständigen.

Das bestätigt auch Susanne Just, Sprecherin des Universitätsklinikums Würzburg. „Grundsätzlich ist das Ziel, möglichst bald mit den Angehörigen zu kommunizieren.“ Allerdings habe die medizinische Behandlung der Schwerverletzten, die gerade in den ersten Stunden nach dem Unfall alle Aufmerksamkeit erfordert, oberste Priorität. „Der Austausch kann oder muss dann situativ auch erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen, wenn die medizinische Versorgung und die Einschätzung des Gesundheitszustands es erlauben.“ So sei auch die Vorgehensweise im Fall von Uwe Burkhardt gewesen. Allerdings seien an diesem unglückseligen Samstag mehrere Schwerverletzte gleichzeitig zu versorgen gewesen – darunter auch ein weiterer Motorradfahrer. Die Verständigung der Angehören rückte erst einmal in den Hintergrund.

Ehefrau wartet vergeblich: Fünf Stunden im Dunkeln gelassen

Das kann auch Iris Burkhardt nachvollziehen. In ihrer Gefühlswelt überwiegen Wut und Enttäuschung darüber, dass sie eben gar nicht benachrichtigt wurde – zumal sich das mehrfach gebrochene Bein als die harmlosere Verletzung herausstellte.

Die wurde noch am selben Nachmittag in einer mehrstündigen Operation versorgt, konnte letztlich aber erst nach dem Wochenende abgeschlossen werden – weil bei den Untersuchungen eine schwerwiegende Verletzung der Nervenenden im Gehirn festgestellt wurde. Die Folgeschäden sind noch nicht abzuschätzen.

Die Wut auf ihre unverschuldete Ahnungslosigkeit ist bei Iris Burkhardt noch nicht verraucht. „Ich weiß schon, dass ich in dem Moment auch nichts an der Situation geändert hätte“, erklärt die geschockte Ehefrau. „Aber trotzdem ist es nicht akzeptabel, dass man fünf Stunden lang im Dunkeln gelassen wird.“ Ihr Heimatort liege zwischen Unfallort und Polizeidienststelle, quasi auf dem Weg. „Da hätte man doch einen Zwischenstopp einlegen können.“

Zumindest im Nachhinein: Betreuung durch Seelsorger

Armin Fuchs kann dieses Gefühl nachvollziehen. Die Beamten, die den Unfall aufgenommen hatten, seien aber nicht zur Dienststelle zurückgefahren, sondern direkt zum nächsten Einsatz gerufen worden. In der Regel ziehe die Polizei bei besonders schweren Unfällen einen Notfallbetreuer hinzu. Zum Geschehen unmittelbar nach Uwe Burkhardts Unfall kann der Erste Polizeihauptkommissar keine weiteren Angaben machen, da die Staatsanwaltschaft Würzburg in diesem Zusammenhang ein Strafverfahren angestoßen hat und gegen den Unfallverursacher ermittelt. Er hofft allerdings darauf, dass sich Iris Burkhardt zumindest im Nachhinein gut betreut fühlt. „Das ist uns wichtig! Wir bleiben selbstverständlich auch nach der Verkehrsunfallaufnahme vor Ort weiterhin mit den Unfallbeteiligten oder Angehörigen in Kontakt, um Detailfragen zu klären.“ Er habe sich erneut mit ihr in Verbindung gesetzt und angeboten, ihre offenen Fragen zu beantworten.

Den Anruf des stellvertretenden Kitzinger Polizeichefs hat Iris Burckhardt als „Unverschämtheit“ empfunden. Sie habe sich eher in die Ecke gedrängt als betreut gefühlt. Bei einem bekannten ehemaligen Polizeibeamten habe sie sich erkundigt, wie in einer solchen Situation verfahren wird. „Man hätte ja über Funk die Wache verständigen und die Kollegen Bescheid sagen lassen können“, wirft sie den Polizisten trotz dieser beiden Anrufe vor.

Auch wenn sie sich beim Gedanken an den nervenaufreibenden Samstagnachmittag immer wieder in Rage reden kann, will sie sich jetzt ganz auf die Genesung ihres Mannes konzentrieren. Er sei nach wie vor stabil, stehe nach der ersten Operation am Bein nun vor einer zweiten, die aber erst erfolgen kann, wenn die Schwellung deutlich abgenommen hat. Außerdem erwartet ihn eine neurologische Reha. Dafür braucht das Ehepaar alle Kräfte. Wut, Trauer und Verzweiflung werden sie zwar in nächsten Tagen und Wochen noch begleiten. Bleibt aber zu wünschen, dass sie bald von Hoffnung und Zuversicht abgelöst werden.

Was passiert nach einem Unfall?

Polizei Erste Aufgabe der Polizei ist es, den Unfallort zu sichern und den Hergang zu klären. Ist der Verletzte nicht ansprechbar oder droht sogar das Ableben, werden die nächsten Angehörigen ausfindig gemacht und verständigt. Auch in der Unfall-Nachbetreuung nimmt die Polizei Kontakt auf, um mögliche Details und Nachfragen zu klären.

Rettung Notfallsanitäter und Notarzt, ob im Rettungswagen oder im Hubschrauber, sind ausschließlich für die Erstversorgung und den Transport in eine Klinik zuständig. Mit der Übergabe des Patienten an eine Klinik geht auch die Verantwortung, die Angehörigen über die Einlieferung zu informieren, an das jeweilige Krankenhaus über.

Klinik Die ärztliche Versorgung des eingelieferten Patienten hat höchste Priorität. Die Feststellung der Identität und die Benachrichtigung der Angehörigen kann sich schon mal zeitlich verzögern, sagt Susanne Just, Leiterin der Stabsstelle Kommunikation am Uniklinikum Würzburg. Betreuung Im Landkreis Kitzingen gibt es die geschulten Notfallbetreuer der verschiedenen Institutionen wie Caritas, BRK, etc... sowie die Notfallseelsorge. Am 1. März 2021 wurde zudem das Krisennetzwerk Unterfranken gegründet.