Liebe für lebende Panzer
Autor: Diana Fuchs
Kitzingen, Donnerstag, 14. April 2016
Norbert ist von einem Dackel gebissen worden. Emma hat nur ein Nasenloch und deshalb Atem-Probleme. Schrumpel wurde 30 Jahre lang auf einem PVC-Küchenboden gehalten. Norbert, Emma und Schrumpel haben trotz allem Glück: Sie sind in der Schildkröten-Auffangstation Kitzingen-Hoheim gelandet. Hier verheilen Verletzungen, hier gibt es Hilfe bei Atemnot und – für Schrumpel – aktuell sogar Physiotherapie.
„Sie soll wieder laufen lernen.“ Sandra Malguth lächelt, während sie unter dem Panzer des Tieres längliche Hölzchen platziert. Schrumpel wird quasi aufgebockt. Ihre Arme und Beine beginnen zu rudern – denn: Direkt vor sich sieht die Griechische Landschildkröte leckeren Mohn. Da will sie hin.
Schrumpel gibt alles. Sie reckt die Glieder und streckt sie – und trainiert so die Muskeln und Sehnen, die nach 30 Jahren auf dem Plastikboden verkümmert sind. „Wir üben jetzt schon ein paar Wochen lang. Sie macht prima Fortschritte“, freut sich Sandra Malguth, während sie die Vorderbeine des Tieres massiert.
Die 45-jährige Hoheimerin liebt Schildkröten – und ganz besonders Problemkinder. Seit sie vor 17 Jahren Daggy bekam, ihr Schildkrötenmännchen, ist Sandra Malguth fasziniert von den Reptilien mit den scharfen Augen, die sogar Infrarot- und Ultraviolett-Strahlung sehen.
Weil Sandra Malguth sich für die Gepanzerten interessierte, eignete sie sich im Lauf der Zeit ganz automatisch ein großes Fachwissen an. So kam es, dass immer mehr Schildkrötenfreunde ihren Rat suchten und immer mehr Fund- oder nicht artgerecht gehaltene Tiere in Hoheim landeten. Im Januar 2012 gründeten Sandra Malguth und Gleichgesinnte den Verein „Schildkröten-Auffangstation Kitzingen e.V.“, der mittlerweile 183 Mitglieder hat. Die Mitglieder tragen den Verein finanziell. Alle, die in der Station in Hoheim mitarbeiten, tun dies ehrenamtlich.
Nachdem alle Tiere aus der Winterstarre erwacht sind, geht es jetzt richtig rund. In den Glashäusern und Freigehegen sonnen sich „Schildis“ aller Größe. Zauneidechsen und Bienen gesellen sich dazu, Käfer, Vögel, Schmetterlinge. Es ist ein grünes Paradies mitten in Hoheim.
Ein tierisches Paradies, das menschlichen Einsatz verlangt. Ohne ihre Stellvertreterin Heike Feser, ihre Familie, Freunde, Vereinsmitglieder und derzeit drei Schülerinnen, die ein „freiwilliges engagiertes Schuljahr“ absolvieren, könnte Sandra Malguth die viele Arbeit mit 60 bis 70 Tieren nicht stemmen. „Ich hätte nie gedacht, dass die Station einmal so groß werden würde“, sagt die Mutter zweier Teenager, die jeden Früh und Abend frische Kräuter für die Hungrigen in den zwei Dutzend Gehegen erntet. Hier sind alle europäischen Arten zu Hause, Vier-Zehen-Schildkröten, Breitrandschildkröten, Maurische und Griechische Landschildkröten sowie subtropische Sporn- beziehungsweise Pantherschildkröten.
18 Tiere auf der Warteliste
Die Tierschützer könnten sogar noch mehr Platz brauchen. „18 Tiere stehen auf der Warteliste.“ Ihre Besitzer sind meist ältere Menschen, die ihre Schildkröten nicht mehr optimal versorgen können. Sandra Malguth nimmt sie auf, sobald sie Platz hat – sprich: Wenn sie andere Schildkröten in liebevolle Hände vermittelt hat. „Lebenssituationen können sich ändern – Leute trennen sich oder ziehen um, haben keinen Raum mehr für ihr Tier“, zeigt Sandra Malguth ein gewisses Verständnis für Haltungsprobleme. „Trotzdem – oder gerade deswegen – schaue ich mir Interessenten genau an. Sie müssen sich der Verantwortung bewusst sein.“