Landkreis Kt/Schwarzach Hinter den Menschen liegen schwierige Monate – Besuchsverbot, Abstand, die Angst vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus. Wie kamen und kommen die Senioren mit der Situation zurecht? Dekanatsaltenseelsorger Lorenz Kleinschnitz aus Schwarzach erlebt es in seiner täglichen Arbeit.

Frage: Sie stehen im Dekanat Kitzingen mit vielen älteren Menschen in Kontakt – auch in Altenheimen. Wie geht es den Senioren dort?

Lorenz Kleinschnitz: Ich muss zugeben, dass ich erstaunt war: Ich habe bei den Besuchen, die mir möglich waren, nicht die Tristesse erlebt, die ich anfangs erwartet hatte. Natürlich waren die Bewohner traurig, dass sie keine Besuche bekommen durften, aber die Mitarbeiter haben da sehr viel aufgefangen. Sie waren immer da für die Bewohner. Es ist Wahnsinn, was sie leisten, sie waren sozusagen wie Seelsorger.

Weil Sie lange nicht in die Heime durften?

Kleinschnitz: Ja, es war für uns teilweise schwierig, Kontakt zu halten. Wir haben das über verschiedene Wege versucht. Zum Beispiel haben wir in Dettelbach Videoclips mit vertrauten Menschen in den Eingangsbereichen der Einrichtungen oder in der Kirche aufgenommen und über Liedblätter zum Mitbeten ermuntert, so konnten die Leute in den Wohneinheiten am Gottesdienst teilnehmen. Dazu haben wir natürlich die Mitarbeiter gebraucht. Wenn die das nicht mittragen, ist das nicht machbar.

Ersetzen kann das ein Gespräch aber auch nicht.

Kleinschnitz: Ja, es gab viele schwierige Situationen. Zum Beispiel ist der Sohn einer alten Dame gestorben und wegen Corona auf der Station war jeglicher Besuch nicht möglich, sie konnte auch nicht bei der Beerdigung dabei sein. So haben wir während dieser Zeit lange miteinander telefoniert und es war mehr als ermutigend, wie sie mit der Situation umgegangen ist. Doch gerade in solchen Situationen ist menschliche Nähe lebensnotwendig.

Würden Sie sagen, dass die Senioren in den Einrichtungen litten?

Kleinschnitz: Nein, auf keinen Fall. Die Bewohner litten ja nicht an den Einrichtungen, sondern an den vorgegebenen Einschränkungen und den Corona-Regeln. Da gab es natürlich immer wieder zerstörte Hoffnungen, zum Beispiel wenn kein Besuch kommen durfte oder kurzfristig abgesagt werden musste. Aber das lag ja nicht an den Heimen. Und diese Beschränkungen gab es ja auch für die Leute, die bei ihrer Familie wohnen.

Warum, da war man doch beeinander?

Kleinschnitz: Vielleicht im gleichen Haus. Aber auch in der Familie wurde darauf geachtet, dass man sich nicht ansteckt. Oma und Opa haben sich abgekapselt oder wurden zum Teil abgekapselt, die Enkelkinder durften nicht hin, um sie nicht anzustecken. Das war schwierig für die Senioren. Und sie haben natürlich auch gemerkt, in welche Stresssituation Corona die Familien gebracht hat – mit Homeschooling und Homeoffice.

Abgekapselt – haben auch die Senioren in den Familien unter Einsamkeit gelitten?

Kleinschnitz: Ja, aber nicht nur, weil sie nicht zu den Kindern und Enkelkindern konnten. Es ist ja auch alles andere im gesellschaftlichen Leben weggefallen: der Kirchgang, der Einkauf, der Kontakt zu den Nachbarn und Freunden, zum Seniorenkreis, das hat alles gefehlt. Es gab also durchaus eine Vereinsamung, auch wenn eigentlich vom Wohnen her Nähe da war.

Oft lief der Kontakt dann über den Computer. Ist das die richtige Lösung?

Kleinschnitz: Das ist schon eine Möglichkeit. Aber zum einen ersetzen ein Video oder ein Anruf über Skype das echte Gesicht gegenüber nicht. Und zum zweiten erreicht man beispielsweise Demente auf digitalem Weg nicht.

Wie war die Situation für Sie selbst, sie haben ja viele Kontakte mit älteren Menschen?

Kleinschnitz: Mir ist es selbst so gegangen, dass mir trotz Video-Kontakt etwas gefehlt hat. Als Altenseelsorger durfte man ja auch nicht zu den Menschen hin, zum Beispiel bei Geburtstagen. Anfangs wusste man ja nicht mal, ob man einen Brief einwerfen darf – er könnte ja das Virus übertragen. Besonders schwierig war es bei Trauergesprächen. Die kann man einfach nicht auf Abstand halten. Auch Krankenbesuche, Krankenkommunion, besonders die Besuche im Krankenhaus waren nicht wie sonst möglich... Es war und ist traurig, nicht da sein zu dürfen

Reden die Senioren eigentlich über die Belastung oder leiden sie still?

Kleinschnitz: Das ist unterschiedlich. Und es ist auch unterschiedlich, wie die Senioren die Situation erleben. Manch einer hat gesagt, er hat in seiner Jugend Keuchhusten erlebt, da durfte man auch über Wochen das Haus, ja den Ort nicht verlassen, wobei jetzt die Beschränkungen natürlich länger anhielten. Oder nehmen Sie diejenigen, die den Krieg miterlebt haben. „Wir wissen, was Ausgangssperre heißt“, haben die mir gesagt. Und sie kannten die Angst.

Spielt Angst eine große Rolle?

Kleinschnitz: Das war, glaube ich, für viele das Schlimmste: die Angst um die Familie. Die Leute haben mehr unter der Angst gelitten als unter Corona. Manche Ältere sagen sogar: „Wenn es mich trifft, ist es eben so, das ist mir lieber als meine Familie.“ Aber es gab auch Leute, die haben sich regelrecht verschanzt aus Angst, sich anzustecken.

Wie konnten Sie als Seniorenseelsorger den Leuten helfen?

Kleinschnitz: Wir haben in Dettelbach und Schwarzach zum Beispiel Monatsbriefe verschickt, mit Geschichten, Witzen und Rätseln. Die Resonanz war sehr gut, viele haben angerufen und sich dafür bedankt, dass sie nicht vergessen werden. Und viele haben sich auch gegenseitig angerufen und zum Beispiel die Lösungen der Rätsel verglichen. Vom Seniorenforum der Diözese Würzburg gab es einen Monatsbrief für die Seniorenkreisleiter. Die Seniorenkreise selbst wurden mit den Monaten immer kreativer, um den Kontakt zu ihren Mitgliedern zu halten.

Standen Sie selbst als Ansprechpartner bereit?

Kleinschnitz: Wo es von den Regeln her möglich war, natürlich. Und manchmal war ich nach dem Einkaufen eineinhalb Stunden auf dem Parkplatz des Supermarkts gestanden, weil ich mit Leuten geredet habe.

Nochmal zur Angst: Ist die jetzt verschwunden?

Kleinschnitz: Ich glaube, inzwischen dominiert weniger die Angst, auch nicht die Angst vor dem Sterben, sondern eine Verunsicherung. Es ist eher Vorsicht, weil viele Leute inzwischen geimpft sind. Das ist schon ein Riesenunterschied im Vergleich zum letzten Jahr.

Welche Rückschlüsse muss die Gesellschaft aus diesem letzten Jahr ziehen?

Kleinschnitz: Man muss sich überlegen, wie wir mit den Senioren, mit dem Alter umgehen. Das haben auch die Kirche und die Gesellschaft nicht gewusst. Wir konnten keine Antworten auf die Fragen geben, sondern nur auf Regeln verweisen. Außerdem müssen wir mehr darauf schauen, was Lebensqualität im Alter eigentlich ausmacht. Früher hatten wir in den Gemeinden Wohnviertelhelferinnen, die gibt es heute nur noch selten. Gerade während Corona wären sie wichtig.

Sollte man sie wieder einführen?

Kleinschnitz: Ich denke da eher an so etwas wie die „Helfer vor Ort“ des BRK. Da ist jemand im Ort, der da ist, wenn es gesundheitlich eng wird. Das dann auf Caritas-Ebene, natürlich mit einer anderen Bezeichnung – also Ehrenamtliche, die vor Ort sehen, handeln, Hilfe vermitteln, für Gespräche bereitstehen und Seelsorge vermitteln. Nicht nur zu Corona-Zeiten, sondern immer.

Ziehen Sie weitere Lehren aus der Pandemie und dem Lockdown?

Kleinschnitz: Eigenverantwortung kann nicht verordnet werden. Nach der Impfung habe ich mich verhalten, als wäre ich ungeimpft. Es gibt seit März 2020 bei mir noch keinen Handschlag zur Begrüßung. Das führt oft zu Unverständnis. Doch meine Enkel haben 60 Jahre mehr Leben vor sich als ich, und ich will nicht, dass ich sie nicht durch Unbedachtheit in Gefahr bringe. Wir Älteren sollten alles für diejenigen tun, die noch ein ganzes Leben vor sich haben, unsere Kinder und Enkel, um sie zumindest durch unser Verhalten vor einer Gefahr zu bewahren. Wir wissen zu wenig über Übertragung durch Geimpfte. Vielleicht können wir mit unserer besonderen Achtsamkeit mithelfen, weitere Lockdowns zu verhindern. Man sollte auch über alternative Wohnformen für Senioren nachdenken, in denen Menschen in kleinen Einheiten eigenständig auf Abstand zusammen leben. Vielleicht ermutigen die Erfahrungen der jüngsten Zeit den einen oder anderen Träger oder die eine oder andere Gemeinde, über neue Wohnarten nachzudenken, wie eine Senioren-WG oder Tagespflege.

Was wurde falsch gemacht in den letzten eineinhalb Jahren?

Kleinschnitz: Im Nachhinein gesehen: Keiner wusste, was Not tut. Eine ganze Gesellschaft musste in Hab-Acht-Stellung gehen. Das Virus war für die Seniorinnen und Senioren das Eine, die Einsamkeit das andere. Auch die Not der pflegenden Angehörigen, die Angehörigen selbst, dieses Da-Sein für die Alten… dafür gab es keinen Begriff, das war nicht unbedingt im Fokus. Politik und Gesellschaft, waren völlig unvorbereitet und anfangs hat sich auch keiner getraut, etwas auszuprobieren, Regeln zu versuchen, einzuordnen. Auch die Kirchen waren lange in einem Schockzustand, es war heftig. Sich dann bei Seniorengottesdiensten wieder einmal sehen zu können, das war Happyness einer ganzen Generation. Zum Glück ist alles inzwischen wieder ein bisschen normaler.

Foto: POW

Wie der Seniorenkreis Willanzheim seine Mitglieder währen der Corona-bedingten Zeit unterstützt hat, lesen Sie auf

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