Druckartikel: „Gesundheits-Check für den Wald“

„Gesundheits-Check für den Wald“


Autor:

von unserem Redaktionsmitglied

Karl Gattenlöhner



Biebelried, Freitag, 03. August 2018

„Es ist quasi Notwehr“, erklärt Peter Aichmüller. „Wir können jetzt schon sehen, dass nach Trockenheit und Hitze die Bäume ihre Blätter abwerfen.“ Der Forstbeamte vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kitzingen begutachtete am vergangenen Donnerstag den Zustand des Kaltensondheimer Forsts. Er spricht von einem „Gesundheits-Check für den Wald“.
Peter Aichmüller im Kaltensondheimer Forst. KARL GATTENLÖHNER


„Es ist quasi Notwehr“, erklärt Peter Aichmüller. „Wir können jetzt schon sehen, dass nach Trockenheit und Hitze die Bäume ihre Blätter abwerfen.“ Der Forstbeamte vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kitzingen begutachtete am vergangenen Donnerstag den Zustand des Kaltensondheimer Forsts. Er spricht von einem „Gesundheits-Check für den Wald“.

Offiziell nennt sich die Untersuchung „Waldzustandserhebung“. Diese findet jährlich in ganz Europa statt. Vorreiter in der Forschung zum Waldzustand waren 1983 Bayern und Baden-Württemberg. Mittlerweile werden in 36 Ländern Europas Daten zum Zustand der Wälder gesammelt und ausgewertet. Mit seinen Kollegen Frank Bohla und Karl Weitzel sammelt Peter Aichmüller Informationen für Unterfranken.

Dazu überprüfen sie, wieviel Laub ein Baum trägt, die Menge an Samen und Früchten, Schäden am Stamm oder etwaigen Schädlingsbefall. Per GPS werden vorab festgelegte Punkte eines deutschlandweiten Rasters lokalisiert und innerhalb eines bestimmten Umkreises stichprobenartig ausgewählte Bäume untersucht. 30 Bäume pro Punkt und zwei bis drei Punkte pro Tag. Bei den aktuellen Temperaturen eine schweißtreibende Arbeit. Doch nicht nur dem Menschen setzen die Temperaturen zu.

„Wenn die Hitze zu extrem ist, kann der Baum die Blätter nicht mehr ausreichend mit Wasser versorgen. Er wirft sie ab“, sagt Aichmüller. „Ab 60 bis 65 Prozent Blattverlust wird es kritisch. Dann kann es sein, dass der Baum sich nicht mehr davon erholt.“ Meist ist es aber nicht die Hitze alleine, die die Bäume in Gefahr bringt: „Wir richten unser Augenmerk auch auf Schädlinge“, fährt Aichmüller fort. „Der Borkenkäfer beispielsweise liebt die Hitze. Vor allem Fichten müssen kontrolliert werden.“ Ist ein von der Dürre ohnehin geschwächter Baum befallen, muss er aus dem Wald entfernt werden um eine Ausbreitung des Schädlings zu verhindern. Dabei spielt dem Menschen dessen natürliche Entwicklung in die Hände: Aichmüller zufolge hat der Käfer einen sechswöchigen Zyklus, von der Fortpflanzung bis zum Schlüpfen der Jungkäfer. Innerhalb dieses Zeitraums kann der Baum gefällt und aus dem Wald geschafft werden. Ein Befall weiterer Bäume wird so verhindert. Im Kaltensondheimer Forst fanden Aichmüller und seine Kollegen glücklicherweise keine Hinweise auf den Käfer.

Auch von einem anderen Schädling, der momentan vor allem in Mittelfranken auftaucht, blieb dieser Wald verschont: „Die Kollegen dort haben sehr viele Misteln“, erklärt Aichmüller.

„In Unterfranken generell gibt es weniger davon, aber im Landkreis Wiesentheid haben sie momentan sehr viele.“ Misteln sind Halbschmarotzer, die sich an den Ästen festsetzen und dem Baum Wasser entziehen. In der aktuellen Dürre zählt für die Wälder jeder Tropfen, einen zusätzlicher Mitesser können manche Bäume nicht verkraften. Besonders perfide: „Gerade die höheren, über das restliche Kronendach hinausragenden Bäume sind für Vögel attraktiv. Diese verbreiten den Samen der Misteln. Es werden also die vitalen Bäume öfter befallen“, erläutert Peter Aichmüller.

Auch der Mensch kann dem Wald gefährlich werden. Deshalb läuft in Unterfranken die „vorbeugende Waldbrandbekämpfung“: Aus der Luft wird nach Rauchfahnen gesucht. In ganz Unterfranken herrscht aufgrund der anhaltenden Trockenheit eine hohe Waldbrandgefahr. So sollen Waldbesucher keine Zigarettenkippen in die Natur werfen, auf Feuer in der Nähe der Wälder verzichten und keinesfalls Glasflaschen im Wald „entsorgen“. Diese können im Sonnenlicht wie ein Brennglas wirken. Außerdem gilt innerhalb der Wälder ein absolutes Rauchverbot bis zum 31. Oktober.

Für den Zustand des Waldes in Kaltensondheim sind die nächsten Wochen und das nächste Jahr entscheidend: „Der Laubverlust kann sehr schnell gehen, innerhalb von wenigen Tagen schmeißen manche Bäume viel Laub ab“, meint Aichmüller.

„Es gibt Resignationsphasen wie jetzt und es gibt Regenerationsphasen. Wenn nächstes Jahr gut wird, können die Bäume wieder Fuß fassen.“ Während der Bestandsaufnahme weist Aichmüller auf eine positive Entwicklung hin: „Eichenprozessionsspinner sind erfreulicherweise nicht zu sehen.“