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Eine Frage der Barriere


Autor: KTlrd

Kitzingen, Dienstag, 17. Mai 2016

Sie haben sich getraut, ihre eigene Barriere überwunden. Acht Schüler der St. Martin-Schule in Kitzingen haben Passanten in Kitzingen zum Thema Barrierefreiheit befragt. Die Antworten haben sie in den vergangenen Tagen mit ihrem Lehrer Jürgen Baier ausgewertet. Es sind Antworten, die für die Stadt Kitzingen hilfreich sein können. Geben sie doch Hinweise, wo es in Sachen Barrierefreiheit Nachholbedarf gibt.
Zwei junge Männer aus der St. Martin-Schule befragen die Passanten in der Altstadt zur Barrierefreiheit in Kitzingen.


Sie haben sich getraut, ihre eigene Barriere überwunden. Acht Schüler der St. Martin-Schule in Kitzingen haben Passanten in Kitzingen zum Thema Barrierefreiheit befragt. Die Antworten haben sie in den vergangenen Tagen mit ihrem Lehrer Jürgen Baier ausgewertet. Es sind Antworten, die für die Stadt Kitzingen hilfreich sein können. Geben sie doch Hinweise, wo es in Sachen Barrierefreiheit Nachholbedarf gibt.

6. Mai, 11 Uhr, Kitzinger Innenstadt: Der VdK, der Senioren- und Behindertenbeirat und die Lebenshilfe haben zum gemeinsamen Aktionstag „Barrierefreie Stadt“ eingeladen. Mittendrin: Die jungen Männer und Frauen aus der Berufsschulstufe 2 der St. Martin-Schule. Zwei Stunden lang haben sie sich in Interviewer verwandelt. „Das war für uns eine Premiere“, erinnert sich Baier, der seit dem Jahr 2000 in der Berufsschulstufe unterrichtet. „Das erste Mal sind unsere Schüler auf Passanten zugegangen und haben sie befragt.“

61 ausgefüllte Bögen

Kein leichtes Unterfangen, wie die Schüler ein paar Tage später bei der Nachbesprechung zugeben. Aber in Zweierteams haben sie sich getraut – zumal sie im Vorfeld einen umfangreichen Fragenkatalog vorbereitet hatten. „Am Anfang war es schon komisch“, erinnert sich Timo Deublein. Aber die meisten Leute waren freundlich. Nur ein paar hatten keine Lust, unsere Fragen zu beantworten.“

61 ausgefüllte Bogen hat Jürgen Baier mit seinen Schülern ausgewertet. Viele Rentner waren dabei, die meisten Befragten zwischen 30 und 60 Jahren alt. Erste Überraschung: Mehr als die Hälfte ist mit dem Auto nach Kitzingen gekommen. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln dagegen so gut wie niemand.

Die wichtigste Erkenntnis aus den Fragebögen: Über die behindertengerechten Angebote in der Stadt wussten relativ viele Befragte gar nicht Bescheid. Gibt es ein barrierefreies Café in Kitzingen? Ein Drittel der Befragten musste passen. Gibt es eine öffentliche Behinderten-Toilette? 24 von 61 hatten keine Ahnung. Und ob es in Kitzingen gesonderte Wege für Blinde gibt, war vielen Befragten auch nicht klar.

Rollstuhl auf Probe

Die Schüler wollen jetzt weiter recherchieren. Weist die Stadt Kitzingen öffentlichkeitswirksam auf diese Angebote hin – beispielsweise auf ihrer Homepage? Wie sieht es in anderen Städten aus? Gibt es Ideen und Konzepte, die man übernehmen kann, um auf barrierefreie Angebote hinzuweisen – oder Barrieren am besten gar nicht erst entstehen zu lassen?

Wie schwierig manche alltägliche Situation sein kann, ist den Schülern der St. Martin-Schule nur allzu bewusst. Vor allem, wenn es um Klassenfahrten geht. „Der Bahnhof mit seinen Treppen ist ganz schlecht“, sagt Franziska Meßmann Eine Klassenkameradin, die auf den Rollstuhl angewiesen ist, muss von den kräftigen Jungs getragen werden. Ihren Rollstuhl packen zwei andere Schulkollegen. Auch die kleineren öffentlichen Busse sind nicht immer behindertengerecht ausgestattet. Wenn der vorgesehene Platz für den Rollifahrer belegt ist, wird es eng.

Ihren Interviewpartnern in der Kitzinger Innenstadt haben die Schüler angeboten, einmal selbst im Rollstuhl Platz zu nehmen oder mit dem Rollator über den Marktplatz zu laufen. Immerhin fünf Befragte nahmen das Angebot an. Als leichte Übung hat es niemand empfunden. „Mit den Pflastersteinen ist es ja auch sehr holprig“, weiß Nico Schmitt aus der Berufsschulstufe 2.

Sind die Recherchen abgeschlossen, werden die Ergebnisse ans Kitzinger Rathaus weitergeleitet. Vielleicht führen sie ja zu einer Verbesserung an der einen oder anderen Stelle. Von einer erfolgreichen Aktion lässt sich aber schon jetzt sprechen. Die Schüler der Berufsstufe hatten jedenfalls Spaß und haben gelernt, ihre ganz persönliche Barriere zu überwinden. Sie sind auf andere Menschen zugegangen und haben sie befragt. Sie waren in diesen Augenblicken die Fachleute für ein Thema. „Eine tolle Rolle für unsere Schüler“, sagt Baier.