Druckartikel: „Ein Herz von einem Baum“

„Ein Herz von einem Baum“


Autor: KTldk

Kitzingen, Freitag, 15. Juli 2016

Was hat die Liebe mit der Linde zu tun? Mit Gastfreundschaft und Bescheidenheit? Klaus Behr, Bereichsleiter Forsten am Amt für Landwirtschaft und Forsten Kitzingen, weiß es.
Die Gerichtslinde in Castell bietet zu allen Jahreszeiten ein imposantes Bild. Der ursprüngliche Baum ist um 1900 abgestorben. Die jetzige Baumgruppe ist durch den Austrieb aus dem alten Wurzelstock entstanden.


Was hat die Liebe mit der Linde zu tun? Mit Gastfreundschaft und Bescheidenheit? Klaus Behr, Bereichsleiter Forsten am Amt für Landwirtschaft und Forsten Kitzingen, weiß es.

Von der imposanten Allee im Schlosspark auf dem Schwanberg bis hin zu etlichen Dorfmittelpunkten: Linden sind im Kreis Kitzingen – wie in ganz Deutschland und Mitteleuropa – die häufigsten Bäume auf Plätzen, in Alleen, Parks und Gärten. Die bekanntesten Vertreter aus der Familie der Malvengewächse liegen Klaus Behr besonders am Herzen. „Es sind zwei Schwestern“, erklärt der Förster. „Die starkwüchsige Sommerlinde – Tilia platyphyllos – und die bei uns weiter verbreitete und etwas zierlichere Winterlinde – Tilia cordata).“ Letztere wurde in Deutschland zum Baum des Jahres 2016 gewählt.

„Die Heimat der Winterlinde ist, den hohen Norden ausgenommen, ganz Mitteleuropa. Ihre Krone hat aus der Ferne betrachtet die Form eines Herzens mit der Spitze nach oben. Auch ihre Blätter sind herzförmig“, beschreibt Behr die besonderen Kennzeichen des Gewächses. Der Stamm könne mehrere Meter dick werden und eine Höhe von fast 40 Metern erreichen.

Die Wurzeln entwickeln ein sogenanntes Herzwurzelsystem, das unterirdisch zur Gestalt der Kronenform passt. Wird eine Linde gefällt, so treibt sie sehr stark aus dem Stock wieder aus. „Aus diesem Grund war die Winterlinde auch in den Mittelwäldern Frankens stets mit nennenswerten Anteilen vertreten“, berichtet der Fachmann.

Zur Freude der Imker öffnen sich die Blüten der Winterlinde erst im Juli. Sie sind dann eine wertvolle Bienenweide. Wenn Linden blühen, kann man oft schon aus der Ferne das Summen der Bienen hören und ihren charakteristischen Honigduft wahrnehmen. Bereits im Juli findet man unter blühenden Winterlinden allerdings auch auffällig viele tote Hummeln. Der Grund ist erstaunlich: „Da zu dieser Zeit die sonstigen Nahrungsquellen für die Hummeln schon stark abnehmen, üben die spätblühenden Winterlinden eine magische Anziehungskraft auf alle Hummeln der Umgebung aus. Diese starke Konzentration führt dann wiederum zu Nahrungsengpässen und zum Absterben zahlreicher Hummeln in der Nähe der Linden.“ Klaus Behr hat den Nahrungskampf der Insekten schon oft beobachtet. Und er weiß auch: „Die Autofahrer, die im Frühsommer unter den Linden parken, ärgern sich nicht selten über die schmierige Masse, die den Lack überzieht.“ Schuld daran sind nicht die Linden, sondern die Blattläuse. „Mit ihrem Saugrüssel zapfen sie die Pflanzen an, um an deren Säfte zu kommen. Der klebrige Saft ist ihr Kot.“ Anfang August, wenn in Franken im Schatten der Linden viele Weinfeste beginnen, ist dieser Spuk meist auch schon wieder vorbei.

Ein Blick in die Baumkrone entschädigt für manchen Schmutz: Dort oben leben höhlenbrütende Vogelarten, Pilze und die Laubholzmistel. Behr betont, dass die Winterlinde als relativ anspruchslose Baumart, die auch mit mittlerer Nährstoffversorgung, geringen Niederschlägen und hohen Temperaturen noch ganz gut zurecht kommt, auch eine wichtige Mischbaumart beim Waldumbau im Zuge des Klimawandels ist. Das Holz der Winterlinde ist hell, leicht und sehr weich. Deshalb ist es auch das beste Schnitzholz. „Aus Lindenholz sind die meisten Altar- und Wandfiguren in den Kirchen. Es wird daher auch als Sakral- oder Heiligenholz' bezeichnet.“

In der Naturheilkunde haben vor allem die Lindenblüten große Bedeutung: Lindenblütenhonig, Lindenblütentee oder auch Öle aus Lindenblüten stehen hoch im Kurs.

Nicht zuletzt ist die Linde aber auch der Baum mit der größten Bedeutung in der Mythologie. Die Linde ist das Symbol der Liebe, der Güte, der Gastfreundschaft und der Bescheidenheit. Kein Wunder, dass der Treffpunkt unter der Dorflinde im Ortszentrum so beliebt war – und lange vor Telefon und Internet den wichtigsten Kommunikations- und Informationsort für die Bevölkerung darstellte. So mache Beziehung soll unterm grünen Dach der Linden begonnen haben...

„Etwas ganz besonders Schönes sind die sogenannten Tanzlinden“, findet Klaus Behr. Bei diesen wurden die Zweige der Krone so geleitet, dass man einen Tanzboden in die Krone einbauen konnte, um dort oben Festveranstaltungen abhalten zu können. „Zum Beispiel in Effeltrich in der Fränkischen Schweiz kann man das heute noch sehen.“

Unter Linden wurde in früheren Jahrhunderten aber auch Gericht gehalten, so zum Beispiel unter der sogenannten Gerichtslinde in Castell, die auf einem markanten Hügelchen zwischen dem Schloss- und Herrenberg steht. Dieser ehemalige Gerichtsplatz der Grafschaft Castell geht auf die Verleihungsurkunde des Reichslehens aus dem Jahre 1417 zurück. Es handelte sich um ein Hoch- und Blutgericht, dessen Urteile am nahegelegenen Kugelspielberg vollstreckt wurden.

Die Verhandlungen fanden unter freiem Himmel und nur bei schönem Wetter statt, so dass jeder teilnehmen konnte; sie waren also öffentlich, wie man heute sagen würde. „Oft lagen diese Gerichtsplätze zu früherer Zeit auf Burgen, öffentlichen Plätzen oder Anhöhen“, weiß Behr. „Kaum ein Angeklagter kam früher freiwillig zu diesen heute oft als besonders schön bezeichneten Plätzen...“ Apropos bezeichnet: Auch in der Namensgebung spielten die Linden schon immer eine herausragende Rolle. So ist der häufigste Gasthausname in Deutschland mit weit mehr als 1000 Nennungen das Gasthaus „Zur Linde“.