Ein Herz für den Spenderausweis
Autor: Ralf Dieter
Rüdenhausen, Freitag, 03. Juni 2016
In der Klinik hatte sie einen Spitznamen. "Stehaufmännchen" haben die Ärzte und Pfleger zu ihr gesagt. Brigitte Fischer aus Rüdenhausen hat eine Herztransplantation überlebt.
In der Klinik hatte sie einen Spitznamen. „Stehaufmännchen“ haben die Ärzte und Pfleger zu ihr gesagt. Kein Wunder: Brigitte Fischer hat einiges überstanden und ist immer wieder aufgestanden.
Der erste Samstag im Juni ist deutschlandweit der Tag der Organspende. Brigitte Fischer weiß, wie wichtig jedes einzelne gespendete Organ ist. Seit 2012 trägt sie ein Spenderherz in sich.
In Mannheim ist sie geboren worden, als Jugendliche kam sie mit ihren Eltern nach Marktbreit. Sie heiratete, bekam Kinder, arbeitete mit ihrem damaligen Mann in dessen Tankstelle, später als Arzthelferin. Ein normales Leben bis ins Jahr 2003. Brigitte Fischer ging es gesundheitlich immer schlechter, ein Internist stellte schließlich mehrere Wassereinlagerungen fest. Am Herzschleimbeutel, in der Lunge. „Ich hatte wohl einige schwere Erkältungen nicht richtig auskuriert“, erinnert sie sich. Mit einem Schlag änderte sich ihr Leben.
Brigitte Fischer ist kein Einzelfall. Mehr als 10 000 schwer kranke Menschen hoffen laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) derzeit auf die Transplantation eines Organs. Für diese Menschen ist es die einzige Möglichkeit, um zu überleben oder die Lebensqualität erheblich zu verbessern. Nach den Organskandalen von 2010 und 2011, als Mediziner in mehreren deutschen Krankenhäusern Akten fälschten, um ausgewählte Patienten bevorzugt zu versorgen, sank die Zahl der Spender von rund 1300 auf 864 im Jahr 2014 rapide ab. Jetzt hat sich die Zahl auf niedrigem Niveau stabilisiert. 877 Spenden waren es 2015. Statistisch gesehen kommen in Deutschland 10,8 Spender auf eine Million Einwohner. Kein Ruhmesblatt, wie auch der Leiter des Kitzinger Gesundheitsamtes, Dr. Walter Koch weiß. „Seit Jahren gibt es das Problem, dass der Bedarf an Organen die Zahl der gespendeten Organe bei Weitem übersteigt“, sagt er.
Brigitte Fischer würde ohne ihr Spenderherz nicht mehr leben. Am 1. Dezember 2003 bekam sie ihren ersten Defibrillator eingesetzt. „Das war mein bester Freund“, sagt sie heute und lächelt. Im Bedarfsfall gibt das kleine Gerät elektrische Impulse ab, die den normalen Herzrhythmus wieder herstellen. Überraschend schnell hatte ihr Körper den Eingriff überstanden. Fischer gründete eine „Defi-Gruppe“, ging ihrer Arbeit nach und ließ sich nach sechs Jahren problemlos den zweiten Defi einsetzen. „Die Batterie war leer“, erklärt sie. „Auch das ging ganz schnell und problemlos.“
Etwa zwei Jahre später war es mit schnellen Lösungen vorbei. Etliche Todesfälle im Freundeskreis, die Mutter mit einer Krebserkrankung. in der Klinik: „Das alles hat mich stark belastet“, erinnert sie sich. Der Körper reagierte, das Herz machte nicht mehr richtig mit. Im August 2011 erschien ihr Name auf der Warteliste für eine Herztransplantation. Normalstufe. Jede Woche ließ sie sich untersuchen, die Wassereinlagerungen nahmen wieder zu. „Ich wog zum Schluss fast 100 Kilo“, erzählt sie. Die Herzleistung sank auf zehn Prozent ab. Brigitte Fischer rutschte auf der Warteliste weit nach oben. Hochdringlichkeitsstufe. Sie schrieb eine Patientenverfügung und ihr Testament – und übte sich in Geduld.