Sie legte ihn in die blassblaue Plastikwanne. Den Schatten eines schwarzen Katers. „Mir war eine tote Katze gemeldet worden. Aber als ich den Körper in Mainbernheim von der Bundesstraße aufhob, war er noch warm.“ Alexandra Schorr stellte die Wanne mit dem blutig-nassen Fell in den Kofferraum und fuhr zum nächsten Tierarzt.

Die erfahrene Tiermedizinerin Dr. Gesa Oppelland-Störk (Iphofen) meinte nach ausführlicher Untersuchung: „Eine kleine Chance hat das Kerlchen, aber es braucht eine Intensivbehandlung.“ Während Oppelland-Störk Wunden, Brüche und die gerissene Zunge versorgte – „wahrscheinlich hatte ein Laster den Kater erwischt“ –, gab Alexandra Schorr dem Kleinen einen Namen. „Wenn er es nicht schafft, soll er wenigstens nicht namenlos sterben“, sagte die Fränkin und nannte „das Häufchen Elend“, dessen Blut und Kot ihren Pulli bedeckte, Frodo – nach dem tapferen Hobbit aus dem Roman „Der Herr der Ringe“.

Der Kater machte seinem Namen Ehre. Nach zwei Wochen unter tierärztlicher Aufsicht konnte er wieder auf eigenen Beinen stehen. Alexandra Schorr, die ihn fast täglich besucht hatte, freute sich riesig. Anders als bei den meisten verunglückten Katzen hatte sie für Frodo keinen Besitzer finden können. „Er hatte weder einen Mikrochip noch ein Tattoo. Offensichtlich war er ein wilder Streuner.“

Alexandras Lebensgefährte Heinrich Rückel lacht. „Ich habe vom ersten Tag an gewusst, dass die Alex ihn mit heim nach Scheinfeld nehmen wird, wenn er es schafft. Ihre Augen haben so gestrahlt, wenn sie von ihm erzählt hat!“ Auch Oppelland-Störk freute sich, als Frodo in Scheinfeld ein liebevolles Zuhause fand. Dem Einsatz von Alexandra Schorr zollt sie Respekt: „Ohne ihr beherztes Eingreifen wäre Frodo gestorben. Und auch, wenn Frau Schorr tote Katzen birgt, finde ich das sehr gut, denn irgendwo ist ein Besitzer, der das Tier sucht und vermisst.“

Handschuhe, Warnweste, Desinfektionsmittel, Baumwolltücher, Verbandszeug und die blaue Plastikwanne: All das findet sich im Kofferraum von Alexandra Schorrs Auto. Die 45-jährige Versandmitarbeiterin einer großen Sportfirma hat es sich zur Aufgabe gemacht, verunglückte Katzen zu ihren Besitzern zurückzubringen. „Wenn sie tot sind, ist das zwar schlimm für den Besitzer, aber so hat er zumindest Gewissheit und kann sich von seinem Tier verabschieden.“

Begonnen hat der Einsatz der Katzenfreundin aus Scheinfeld vor drei Jahren. „Ich bin schon lange in allen möglichen Foren im Internet präsent“, erzählt sie. „Im September 2017 hat eine Bekannte angefragt, ob ich in Neustadt/Aisch eine rot-weiße Katze, die aus dem Mund blutet, von der B8 holen könnte.“ Alexandra fuhr hin. Das Tier war tot. „Ich habe gezittert wie verrückt, als ich die Kleine von der Straße geklaubt habe. Sie hat nicht mehr gut ausgesehen. Aber ich habe auch gemerkt: Ich hätte sie nicht einfach liegen lassen können.“

Alexandra Schorr erlebte die Dankbarkeit der Katzenbesitzer. Und sie erkannte: „Tag für Tag werden Katzen angefahren. Aber kaum einer schafft es, sich um sie zu kümmern. Die meisten Leute schauen weg.“ Also kaufte sie sich ein Chiplesegerät, um Tiere über die Haustier-Registrierungsstelle (Tasso e.V.) identifizieren zu können. Von nun an wurde sie immer öfter alarmiert – über Whatsapp, Facebook, Instagram.

Von Scheinfeld aus fahren Alexandra und Heiner sowie manchmal auch die Töchter der beiden pro Woche zwischen 200 und 300 Kilometer, um Katzen zu retten oder – viel öfter – zu bergen. Sie fahren Richtung Bamberg, Höchstadt, Forchheim, Volkach, Emskirchen, Kitzingen, Dettelbach und Würzburg. „Wir sind immer in Kontakt mit einem Online-Netzwerk.“ Dort veröffentlicht Alexandra, wo sie Tiere mitgenommen oder auch nur an den Straßenrand gelegt hat.

„Wir handeln immer nach unserem Herzen, unserem Gefühl. Wenn das Tier ohnehin gerade aktiv gesucht wird, nehmen wir es natürlich nicht mit.“ Solche Katzen bettet Alexandra sanft ins Gras, damit nicht noch mehr Autos darüber rasen. „Ich poste dann eine Lagebeschreibung im Internet.“

Gar nicht selten kommt es vor, dass Tierbesitzer Alexandra bitten, ihren Liebling „schön zu machen“, bevor sie von ihm Abschied nehmen. „Ich mache das dann auch, wasche die Tiere und bette sie in eine Kiste. Schlimme Stellen decke ich mit Tüchern ab.“

Innerhalb von drei Jahren hat Alexandra hunderte tote Katzen zu ihren Besitzern zurückgebracht. Einige schwerstverletzte Streuner musste sie einschläfern lassen, auf eigene Kosten. Sie hat Dramen erlebt, schreiende Katzen im Todeskampf, halb verweste Körper, und ab und zu ein Happy-End wie bei Frodo. „Das ganze Programm des Lebens halt.“

Wie Alexandra Schorr das erträgt? „Manchmal kann ich nachts nicht schlafen. Aber seit ich meine krebskranke Mama begleitet habe, verkrafte ich einiges.“ Wenn sie sich etwas wünschen dürfte, wäre es, „dass die Menschen ihre Tiere registrieren lassen und dass sie unsere Arbeit nicht belächeln“.

Viele Polizisten und die Mitarbeiter der Autobahnmeisterei unterstützen Alexandra Schorr mittlerweile bei ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit. Wenn sie den silbernen Seat SEF HA-20 sehen, wissen sie: Hier sind Menschen unterwegs, deren Liebe zu Tieren über den Tod hinausgeht.

Info/Kontakt/Spende: Wer Alexandra Schorr unterstützen möchte: Tel. 0162/4321226 oder per PayPal-Spende: Sonja_Schorr@yahoo.de

80 Prozent...

...der Fundtiere können Alexandra Schorr und ihr Team zu ihren Besitzern zurückbringen. Nur bei nicht gechippten, nicht registrierten Katzen wird es schwierig.