Der Ort ist wunderschön. Libellen fliegen über den Schenkensee bei Dornheim, der Ruf des Eichelhähers ist zu hören und aus dem Wasser wachsen Schilf und Kleefarn. Einen Bewohner dieser Idylle kann man nur erahnen. Die Spuren, die er bei seinen nächtlichen Streifzügen hinterlässt, sind bei genauem Hinsehen zu erblicken. In Dornheim ist der Biber bislang wohlgelitten. In anderen Gemeinden schaut das ganz anders aus.

Frank Stierhof weiß um die Thematik. Seit etwa sieben Jahren ist er Biberberater und für die Reviere im südlichen Landkreis Kitzingen zuständig. Die Aufregung um den Biber in Marktsteft und im Raum Volkach hat er natürlich mitbekommen. In Marktsteft ist ein Angler von einem Biber gebissen worden, in Obervolkach klagt Teichwirtin Michaela Gerstner-Scheller über massive Schäden. Die Gefahren, die durch Biber ausgelöst werden, seien nicht von der Hand zu weisen, gibt Stierhof zu. Hinter den Dämmen bauen die Tiere ein verzweigtes Röhrensystem. Für Radfahrer, Wanderer und/oder Reiter kann das gefährlich werden. Auch für Lkw oder landwirtschaftliche Maschinen.

Mähdrescher im Biberloch

Auch Stierhof weiß von ähnlichen Problemen mit dem Nager zu berichten. In Nenzenheim sind zwei Hunde von einem Biber gebissen worden und mussten mit mehreren Stichen genäht werden, in Kleinlangheim ist ein Mähdrescher in ein Loch eingebrochen, das durch einen Biber gegraben worden war. „Der Lohnunternehmer wollte die Fläche nicht mehr befahren“, erinnert sich Stierhof. Auch nicht mehr für die Ernte. „Auf der anderen Seite“, sagt Stierhof und lässt seinen Blick über den Schenkensee schweifen, „schafft der Biber halt auch faszinierende Lebensräume für Flora und Fauna“.

Der Ort für den Pressetermin ist mit Bedacht gewählt. Im nahen Wolfsee ist vor etwa 17 Jahren der erste Biber im Landkreis Kitzingen gesichtet worden – nach mehr als hundert Jahren, in denen die Tiere in Mitteleuropa als ausgestorben galten. „In den 1970er-Jahren sind ein paar Biber im Nürnberger Reichswald ausgesetzt worden“, berichtet der Dornheimer. Seither haben sie sich fächerartig ausgebreitet. Im Schnitt gibt es 3,5 Tiere pro Revier. Erreichen die Jungtiere ein Alter von zwei Jahren werden sie vertrieben. Aber wohin? „In unserem Landkreis sind mittlerweile alle Reviere besetzt“, sagt Stierhof.

Natürliche Auslese

Einige Tiere werden überfahren, andere sterben eines natürlichen Todes oder werden bei den Kämpfen ums Revier getötet. Viruserkrankungen und Infektionen sorgen ebenfalls für eine natürliche Auslese. „Noch reguliert sich die Population von selbst“, sagt Stierhof. Er weiß aber auch, dass sich das schnell ändern kann. Natürliche Feinde hat der Biber nicht. „Höchstens den Wolf“, sagt Stierhof. Aber der ist – zumindest momentan – höchst selten zu Gast im Landkreis Kitzingen. „Irgendwann muss der Mensch regulierend eingreifen“, gesteht der Biberberater nach reiflicher Überlegung. Leichter gesagt als getan. Eine „Entnahme“, wie es beschönigend für einen Abschuss heißt, wird nur in Ausnahmefällen erlaubt. An den Karpfenteichen in Mittelfranken und der Oberpfalz werde so eine Abschussgenehmigung relativ häufig erteilt, hat der Dornheimer von seinen Biberberater-Kollegen erfahren.

Im Landkreis Kitzingen weiß er nur von der Genehmigung in Obervolkach. Die bringt Michaela Gerstner-Scheller aber auch nicht weiter. Die nachtaktiven Tiere zu erwischen sei schwierig, berichtete sie gegenüber dieser Zeitung. Der Zeitaufwand enorm.

Regelmäßige Kontrolle

Die Sorgen von Michaela Gerstner-Scheller, die bereits einige Gewässer aufgegeben hat, kann Stierhof gut verstehen. Gerade an künstlich angelegten Wasserflächen wie Fisch- oder Löschteichen, aber auch an Biotopen hinterlässt der Biber seine nicht so schönen Spuren. Auch in Dornheim ist nicht alles eitel Sonnenschein. In einem Biotop hat der Biber einen Damm durchstoßen, das Wasser ist in die angrenzende Wiese gelaufen. „Da hätten wir konsequenter vorgehen müssen“, sagt Stierhof im Rückblick. Hinter dem Schenkensee liegt ein Trockengebiet, auf dem seltene Enzian-Arten wachsen. Frank Stierhof muss schauen, dass diese Fläche nicht vom Biber geflutet wird. „Sonst ist es vorbei mit dem Enzian. Für den Biberberater heißt das: Den Damm regelmäßig kontrollieren und bei Bedarf abtragen.

Zweimal pro Woche ist der 40-Jährige in Sachen Biber gefordert. Auch anderswo beschäftigen die Nager gut bezahlte Arbeitskräfte. In Iphofen müssen ein bis zwei Mitarbeiter des Bauhofs an durchschnittlich eineinhalb Tagen in der Woche Schäden beheben, die der Biber verursacht hat. „Überall, wo bei uns Wasser ist, lebt mittlerweile der Biber“, berichtet Stadtförster Rainer Fell. Alle Weiher und Bäche sind besiedelt. Alle Ausläufe der Kläranlagen und alle am Bach liegenden Mühlen hätten ihre Probleme. „Wir müssen dran bleiben“, meint Fell.

Aufwändiges Zusammenleben

Am besten ist es, möglichst frühzeitig mit dem zuständigen Biberberater, der Kommune oder der Unteren Naturschutzbehörde Kontakt aufzunehmen, rät Frank Stierhof. „Möglichst noch, bevor ein Schaden aufgetreten ist.“ Dort wo es nötig ist, lassen sich Biber auch mal durch gezielte Maßnahme vergrämen. Ein Zusammenleben mit dem Biber ist möglich, versichert Stierhof. „Wenn auch aufwändig.“ Zum Beispiel müssen Dämme immer wieder zurückgenommen werden, Drainagen eingebaut werden und Bäume vor den scharfen Zähnen des Nagers geschützt werden. „Eine langwierige Geschichte“, weiß Stierhof. Aber eine, die sich lohnt.

Wo der Biber lebt, da staut sich das Grundwasser auf, erinnert Stierhof. Und er schafft ideale Bedingungen für bedrohte Arten. In den abgestorbenen Bäumen im Wolfsee nisten die seltenen Nymphenfledermäuse, am Rehberggraben hält sich dank der Feuchtigkeit die Bachmuschel. „Der letzte Bestand in ganz Unterfranken“, sagt Stierhof. Auch am Schenkensee bei Dornheim lässt sich gut beobachten, wie Artenschutz funktionieren kann. Der Biber kann in Ruhe werkeln, weil der Mensch vorausschauend und bedarfsgerecht eingegriffen hat. So konnte ein Idyll entstehen.