Haben Sie gewusst, dass jede Cashew-Nuss an einer Frucht hängt, die aussieht wie eine Birne? Haben Sie je ein Aguti gesehen? Oder den Pilz mit dem schönen Namen Schleierdame? Wenn nicht: Jetzt ist die Chance da. Andreas Leyrer, forstlicher Leiter des Steigerwald-Zentrums, hat den „Wald der Welt“ nach Handthal geholt. Am heutigen Samstag beginnt die „Wald der Welt“-Ausstellung, die mitten in den tropischen Regenwald einlädt: in das geheimnisvolle Reich des daumennagelgroßen Erdbeerfröschchens ebenso wie ins Riesenrefugium alter Urwaldbäume. Mit allen Sinnen kann man bis zum 8. April erleben, „dass in den verschiedenen Stockwerken des Regenwaldes so allerhand los ist“, wie Organisatorin Susanne Scheer es formuliert.

Woher kommt Ihre Leidenschaft für den Regenwald?

Susanne Scheer: Sowohl Katharina Fittkau als auch ich haben den tropischen Regenwald mehrfach besucht. Ich hatte zuletzt das Glück, im Januar 2017 an einer Bürgerreise nach Nicaragua teilnehmen zu können. Ich hatte das Gefühl, dem Urzustand der Natur auf der Spur zu sein. Dieses wunderbare Naturgefühl ist im tropischen Regenwald sehr, sehr stark, wenn man zum Beispiel nachts die Brüllaffen hört oder ein seltenes Tier beobachten kann.

Was wollen Sie mit der Ausstellung „Wald der Welt“ bewirken?

Die Ausstellung ist vielschichtig angelegt. Zum einen möchten wir die Schönheit des tropischen Regenwaldes zeigen und erklären, wie die wichtigsten ökologischen Zusammenhänge funktionieren. Dieses Verständnis ist wichtig für die Erkenntnis, wie groß die Gefährdung tatsächlich ist. Ein wesentlicher Aspekt ist auch unsere Abhängigkeit vom funktionierenden tropischen Regenwald. Denn er liefert nicht nur wertvolle Rohstoffe und Arzneien, er beherbergt auch 90 Prozent aller Tierarten der Welt. Und er ist ein Garant für Klimastabilität. Natürlich wollen wir auch – mal wieder – auf die Gefährdung des tropischen Regenwaldes aufmerksam machen, denn diese ist vor allem durch die Klimadiskussion in den Hintergrund gerückt. Die zunächst gute Idee, nachhaltige Rohstoffe für unsere Automobilität zu nutzen, hat sich als fataler Irrtum erwiesen.

Als fataler Irrtum? Inwiefern?

Wer Biodiesel tankt oder E10, tut dies vielleicht, um die Natur zu schützen – und macht damit genau das Gegenteil. Wir zeigen, wie wir als Verbraucher immer wieder hinterfragen müssen, was Schein und was Sein ist.

Sie möchten die Menschen aber vor allem zum Staunen bringen. Wie?

Mich fasziniert, wenn ich erkennen kann, wie die Dinge zusammenhängen. Es gibt unglaublich spannende Geschichten von Co-Evolutionen zwischen Tieren und Pflanzen. Warum ist das kleine Aguti so wichtig für den riesigen Paranussbaum? Warum entlauben Blattschneideameisen nicht den ganzen tropischen Regenwald? Wieso ist es für den Baumsteigerfrosch von Vorteil, seine Nachkommen in die Kronenschicht der Bäume zu schleppen? Wir haben in der Ausstellung einige dieser Geschichten zusammengestellt. Ein weiteres Highlight sind sicher die Gespenstschrecken. Wir haben Terrarien mit lebenden Exemplaren aufgebaut, an denen man sieht, wie weit Anpassung im Tierreich geht.

Viele Menschen denken mit Sorge daran, dass täglich große Regenwaldflächen abgeholzt werden, um Platz zu schaffen für Monokulturen der Öl-, Papier- und Soja-Industrie. Was passiert, wenn sich daran nichts ändert?

Wenn der Regenwald in diesem Tempo weiter verschwindet, wird das zu dramatischen Klimaveränderungen führen. Große Regenwaldregionen liegen auf Torfböden, die sehr viel CO2 und CH4 (Methan) gespeichert haben. Die Abholzung setzt also nicht nur das im Wald selbst gespeicherte Kohlendioxid frei, sondern auch Methan, ein Gas, das noch viel klimaschädlicher ist als Kohlendioxid. Es kommt also zu einer Zunahme des Treibhauseffektes.

Was heißt das letztendlich?

Als Biologe darf ich das sagen: Die Welt wird weiter bestehen, in der Natur wird sich wieder ein Gleichgewicht einstellen, aber wir Menschen werden wohl nicht mehr bestehen können.

Was kann jeder von uns für den Erhalt des Ökosystems Regenwald tun?

Man muss die Zusammenhänge kennen, dann ergibt sich vieles von allein. Wieso ist nur ein Drittel des verkauften Toilettenpapiers und nur ein Zwanzigstel aller Schulhefte aus Recyclingpapier? Wieso werden hauptsächlich Gartenmöbel aus Tropenholz angeboten? Woher kommt das Rindersteak, das wir uns auf den Grill legen? Wie wäre es, weniger Fleisch zu essen? Und müssen wir uns wirklich alle paar Jahre ein neues Handy leisten? Viele Rohstoffe, die dafür nötig sind, kommen aus Regionen, in denen tropischer Regenwald wachsen könnte.

Wie ergeht es den Menschen, die in den Abholzungsgebieten leben?

Das ist eine ganz schwere, weil vielschichtige Frage. Wir müssen bedenken, dass manche Völker seit Generationen ihre Lebensgrundlage aus dem Regenwald beziehen. Abholzung dieser Natur bedeutet den Verlust der Heimat und Identität. Die große Mehrheit der Bewohner dieser Regionen lebt aber in Armut. Das Abholzen des Regenwaldes bringt vielleicht eine Verdienstmöglichkeit. Ein paar Jahre kann man auf Regenwaldboden Ackerbau betreiben, aber dann ist der Boden ausgelaugt. Wir müssen sehr, sehr aufpassen, dass wir die Menschen, die Regenwald vernichten, nicht verteufeln. Der Motor für die Vernichtung liegt in unserem Lebensstil.

Info: Wald der Welt

Die Macherinnen: Die Diplom-Biologinnen Katharina Fittkau und Susanne Scheer haben die Ausstellung „Wald der Welt“ zusammen mit Erlanger Schülern konzipiert und gestaltet, finanziell unterstützt vom Verein Bandena (Band der Nationen), der Stadt Erlangen und dem Agenda21-Förderverein der Stadt Erlangen.

Ausstellung: In den „Wald der Welt“ lädt das Steigerwald-Zentrum (Handthal 56, 97516 Oberschwarzach) bis Ende März von Donnerstag bis Sonntag je zwischen 11 und 16 Uhr ein; ab dem 1. April gelten erweiterte Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. Für Klassen- und Gruppenführungen können auch Termine außerhalb der Öffnungszeiten vereinbart werden: Tel. 09382/ 319980, info@steigerwald-zentrum.de