Aber es gibt doch sicher typische, oft vorkommende Probleme?
Tatsächlich geht es oft um Defizite in Sachen Selbstvertrauen und um Aufmerksamkeitsstörungen. Viele Sportler leiden auch unter Verkrampfungen.
Wie kann man ihnen helfen?
Jemandem, der immer kurz vor seinem Einsatz verkrampft, kann es schon helfen, wenn man ihm im richtigen Moment einen Witz erzählt. Ein anderer Sportkegler ließ sich immer ablenken. Um ihn zu fokussieren, habe ich Rechenaufgaben für ihn entworfen, eine Art Kegel-Sudoku. Einmal habe ich einen Vorhang neben die Bahn gehängt, damit der Sportler lernte auszublenden, was rechts und links geschieht. Wieder ein anderer hatte Probleme, sich den Bewegungsablauf beim Wurf zu verinnerlichen. Ihm hat es geholfen, mit verbundenen Augen zu trainieren. Oft geht es darum, das Selbstvertrauen zu stärken. Das kann man mit Traumreisen tun: Der Trainer erzählt dem Sportler wiederholt eine Erfolgsgeschichte, die er auf sich beziehen kann. So entsteht künftig schon beim Gedanken an den Wettkampf ein richtiges Wohlgefühl.
Das klingt, als bräuchten Sportler beim Mental-Training ein großes Vertrauen zum Trainer.
Ohne Frage! Ehrlichkeit und Vertrauen sind die Grundpfeiler für die gemeinsame mentale Arbeit. Ohne diese Basis braucht man nicht anzufangen.
Wie gehen Sie vor, wenn ein Sportler Sie bittet, mit ihm gemeinsam an mehr mentaler Stärke zu arbeiten?
Zuerst machen wir eine Ist-Aufnahme: Wie fühlt der Mensch sich? Welche Ziele hat er? Wie steht es um seine Work-Life-Balance? Aus den jeweiligen Antworten leite ich passende Maßnahmen ab.
Welchen Anteil haben kognitive Prozesse auf sportlichen Erfolg?
Je nach Sportart und Einfluss des Trainers zwischen 30 und 80 Prozent.
So viel? Wenn das so wäre, hätten doch alle berühmten Sportler längst Mental-Trainer!
Wer es sich finanziell leisten kann, hat in der Tat regelmäßig mentales Training. Nur reden die meisten nicht darüber. Da intime Lebensbereiche berührt werden – individuelle Bedürfnisse, Gefühlswelten –, schweigen die Leute lieber.
Wie ist das bei Mannschaftssportarten wie Fußball?
Genauso. In Trainerkreisen weiß man zwar, dass viele Fußball-Teams auch mental trainieren. Oft ist vor oder nach Spielen von „Kopfsache“ die Rede. Aber kaum jemand geht darauf ein, was das bedeutet.
Sagen Sie es uns?
Gehen wir etliche Jahre zurück. Heimspiel Champions-League-Finale 1990. Der FC Bayern München verliert zuhause gegen Manchester United, obwohl die Bayern stärker sind. Aber sie kassierten in der Nachspielzeit zwei Tore. Ob ihnen das heute noch passieren würde? Inzwischen ist auch der Kopf beim FCB gut trainiert.
Aber jedes Spiel ist doch anders, neu, und es ist unvorhersehbar, was passiert. Man kann sich doch gar nicht auf alle möglichen Situationen einstellen.
Das stimmt, aber man kann jedem Spieler helfen, zur optimalen Leistungsfähigkeit zu finden. Das ist genau die Zone zwischen Über- und Untermotivation, die zum Erfolg führt. Untermotivierte reizt man verbal und körperlich. Mit Übermotivierten trainiert man, die Emotions-Spitzen, die zu viel Energie verbrauchen, wegzunehmen – dazu zählt auch zu ausgeprägter Jubel, der zu einem Spannungs- und Leistungsabfall führt.
Kann der Trainer auch während des Spiels oder Wettkampfes noch regulierend eingreifen?
Natürlich. Oft sind es Kleinigkeiten in der Körpersprache des Coaches, die dem Sportler sagen, wo es jetzt langgehen soll.
Apropos langgehen: Was soll Ihr Buch bewirken?
Ich hoffe, dass ich Feuer gelegt habe, sich mit mentalem Training intensiver zu befassen. Ich bin sicher, dass die verschiedenen Sportarten mit ihren vielfältigen Erfahrungen voneinander profitieren können, wenn man über den Tellerrand schaut – professionelle Methoden dazu zu entwickeln, fände ich sehr reizvoll. Ansonsten glaube ich: Effektive „Kopfsache“ ist etwas, das uns auch privat und im Beruf weiterbringt.
ZUR PERSON: Harald Rüger, 1958 in Oberfranken geboren, ist Kommunikationsspezialist für Telefonie. In seiner Jugend war er leidenschaftlicher Fußballer und erfolgreicher Sportkegler. Später hat er als Bundes- und Klubtrainer sowie Sportmental-Trainer Erfahrungen gesammelt. Die Frage, wie man optimale Leistungsfähigkeit erreicht, trieb ihn jahrelang um. Die Antwort darauf gibt der verheiratete Vater zweier Söhne in einem Genre-übergreifenden Buch „Brauchen wir nicht alle ein bisschen mental?“, 52,65 Euro, 424 Seiten, ISBN: 978-3-7469-4678-8.