Streitgespräch: Welche Lehren lassen sich aus der Corona-Krise für die Pflege ziehen?
Autor: Ralf Dieter
Kitzingen, Donnerstag, 14. Mai 2020
Landkreis Kt Der eine ist ist Sprecher der Diakonie in Unterfranken und Geschäftsführer in Kitzingen, die andere ist Politikerin und Mitglied der bayerischen Landessynode. Der eine will die medizinische Betreuung in Pflegeheimen verbessern, die andere auch. Das Interview mit Jochen Keßler-Rosa und Barbara Becker zeigt: Auch wenn die Ziele die gleichen sind, ist der Weg oftmals doch ein anderer.
Keßler-Rosa: Nicht wirklich. Es sind anfangs keine Materiallieferungen bei den Pflegeeinrichtungen angekommen. Träger wie die Diakonie oder die Caritas und die AWO mussten diesen Mangel durch eigene Aktivitäten kompensieren.
Becker: Diese Krise macht sichtbar, welche Mängel es in unserem System gibt. Die Vorratshaltung von Schutzkleidung und Masken ist allerdings die Aufgabe der Einrichtungen und nicht der Politik. Ich führe täglich Telefonate mit Leitern von Pflegeheimen und weiß, dass es große Unterschiede gibt. Manche sind auch schon in den ersten Wochen der Corona-Situation gut zurecht gekommen, andere hatten nur Vorrat für ein paar Tage. Da hat unser Bayerisches Gesundheitsministerium dann die Beschaffung und Verteilung des Materials für die Krankenhäuser und Pflegeheime übernommen.
Keßler-Rosa: Wissen Sie, wie schwer es ist, in diesen Zeiten an Material zu kommen? Und was das kostet? Die Produktion ist nach und nach ins Ausland abgewandert. Das ist auch ein Versäumnis der Politik.
Becker: Deshalb haben wir im Ausschuss Gesundheit und Pflege des Bayerischen Landtags schon im März 2019 die Forderung aufgestellt, die Produktion von medizinischen Produkten und Medikamenten wieder nach Deutschland zu holen. Es gibt diesen Maßnahmenplan. Corona kam uns zuvor.
Fühlen Sie sich von der Politik allein gelassen, Herr Keßler-Rosa?Keßler-Rosa: Ja, klar, aber Politik ist mir zu allgemein. Hier sind es besonders die medizinischen Institutionen, also Gesundheitsämter, Medizinische Dienste und auch Kliniken. Alle geben uns Anweisungen und stellen Forderungen, die oft nur mit medizinischer Kompetenz erfüllbar sind oder mit einer viel besseren Personalausstattung und Material. Und am Ende stehen wir dann in der Kritik. Das ist unfair und ein Schwarzer- Peter-Spiel zu Lasten der Pflegebedürftigen.
Wie lässt sich das ändern?Keßler-Rosa: Das gegenwärtige Hausarztsystem ist meiner Meinung nach nicht geeignet, um die medizinische Betreuung in Pflegeeinrichtung zu gewährleisten. Bewohner von Pflegeheimen finden oft keinen geeigneten Hausarzt, der in der Lage ist, zusätzliche Patienten aufzunehmen.