Er: „Du könntest nie unentdeckt einen Mord begehen.“

Sie: „Aha.“

Er: „Ja, irgendwo würdest Du auf jeden Fall ein Haar rumliegen lassen, oder sonst was.“

Sie: „Den perfekten Mord zu begehen, ist eigentlich auch nicht mein Ziel. Höchstens literarisch. Das schon!“

Postkartenidylle in Rüdenhausen. Ein altes Sandsteinhaus, eine Holztür mit quietschenden Eisenscharnieren. Es duftet nach frisch aufgebrühtem Tee. Auf dem Tischchen in der gemütlichen Küche stehen eine dampfende Kanne und bunte Tassen. Zwei Kater, ein großer schwarzer und ein kleiner rot-weißer, streifen mit anmutigen Bewegungen um die Tischbeine. Ist das der Ort für einen Mord?

„Pause!“ Christian und Tessy Klier eilen herbei, nehmen jeder einen großen Schluck Tee und atmen erst mal tief durch. Die beiden sehen aus, als kämen sie gerade von ganz weit her. Und irgendwie stimmt das auch.

Eben waren die Autoren noch 60 Jahre in der Vergangenheit, in John F. Kennedys Zeit, in der ihr neuer Thriller „Operation JFK“ spielt. Tessys Gedanken waren heute zudem schon in Paris, am Montmartre, dem Schauplatz eines tierischen Kriminalfalls. „Die Katzen von Montmartre“ wird 2016 erscheinen.

Als Christian 13 Jahre alt war, zog seine Familie aus Rüdenhausen weg. Abitur, Lehramtsstudium und eine Steinmetz-Lehre führten den jungen Mann nach Augsburg, Nürnberg, Bamberg, Paris, Dinkelsbühl, Würzburg. Nirgendwo wurde er richtig sesshaft. Dann verschlug es ihn zurück nach Rüdenhausen.

„Ich habe gedacht, dieser Ort muss ein Märchenland sein“, erzählt Tessy und lacht. „So sehr hat Christian geschwärmt.“ Ob Märchenland oder nicht: Seit einem Jahr fühlen sich sowohl Christian als auch Tessy, gebürtige Rheinland-Pfälzerin, in Rüdenhausen sehr wohl.

Tessy hat sich im Erdgeschoss ihren Schreibtisch eingerichtet, Christian ein Stockwerk höher. Wenn sie gemeinsam ein Buch verfassen – etwa den Nachfolger ihres Zeitreise-Thrillers „Jack“ –, dann schicken sie einander ihre Passagen per Mail. Tessy schreibt vor allem die Frauen-Parts, Christian bringt die Männer zum Reden und Denken. „Unsere Mahlzeiten sind die Team-Besprechungen.“ Da wird diskutiert, korrigiert, verworfen und neu zusammengebaut.

Ob das nicht manchmal komisch ist, wenn man dort, wo man wohnt, auch arbeitet – und das dann noch gemeinsam? „Für uns passt das genau“, sagt Tessy. Die Literaturwissenschaftlerin und der Lehrer, der am Scheinfelder Gymnasium unterrichtet, haben einander 2010 kennen gelernt – beim Krimi-Autoren-Stammtisch in Fürth.

Tessy war damals schon eine erfolgreiche Autorin, die vom Schreiben leben konnte. Christian feierte als Autor gerade erst Premiere. Jahrelang hatte er für die „Kommissar Klotz“-Reihe recherchiert und konstruiert. „Ich habe die Szenen mit Fotokartons und Karteikarten aufgebaut“, erzählt der 44-Jährige. „Als das Buch fertig war, war ich richtig zufrieden. Eigentlich wollte ich immer schon Schriftsteller werden.“

„Er war frech“, erinnert sich Tessy. „Zuerst war ich von seiner ungenierten Art gar nicht angetan.“ Das änderte sich aber mit dem näheren Kennenlernen. Heute sei Christian „ein super Lektor“ ihrer Texte. Umgekehrt freue er sich aber auch, wenn Tessy ihm etwa eine kreative Idee für einen Handlungsstrang schenkt.

Christian erklärt: „Natürlich ist es wichtig, die Figuren, über die man schreibt, gut zu kennen und zu spüren. Aber man darf auch nie eine gewisse Distanz zu ihnen verlieren.“ Wenn man zu zweit arbeitet, sei der andere immer die Kontrollinstanz.

Schreiben Männer anders als Frauen? „Ich liebe es, Geschichten zu erfinden“, erzählt Tessy. „Irgendwann bin ich mittendrin, da denke ich nicht mehr, da mache ich einfach.“ Ihre Hände untermalen die Worte, die immer begeisterter klingen. „Da entsteht ein Flow! Der ist mindestens so gut wie Sex.“

„Da entsteht ein Flow!

Der ist mindestens so gut wie Sex.“

Tessy Klier, Autorin

Bei ihrem Mann klingt das mehr nach Arbeit. „Je länger ich schreibe, desto weniger Muße ist es. Es ist viel Disziplin nötig. Und gute Recherche – auch vor Ort an den Original-Schauplätzen, um die Atmosphäre zu spüren. Und Konzentration…“

In einem großen Karton hat der 44-Jährige Ideen gesammelt – vom Zeitungsausschnitt bis zur Notiz über ein zufällig mitgehörtes Gespräch. „Da ist Stoff für ganz viele Romane drin.“ Für einen „Stoff“ brennt Christian besonders: „Ich möchte einen Roman schreiben, der im atlantischen Ozean spielt.“

Tessy hat ihr „Herzensbuch“ schon veröffentlicht. Es ist eine autobiografische Schilderung des Lebens mit ihrem autistischen Sohn Simon, der heute 15 Jahre alt ist und dessen Verhalten das Familienleben während ihrer ersten Ehe maßgeblich bestimmt hat. „Ich liebe dich nicht, aber ich möchte es mal können“, heißt das Buch. Der Titel ist kein Zitat der Mutter.

Vielleicht, weil ihr eigenes Leben einige Untiefen hatte, schlüpft Tessy Klier, geborene Korber, gern in die Haut von Charlotte Winter, Sophia Palmer, Franka Villette, Serena Davis oder Tessa Korber. All das sind Pseudonyme, unter denen sie Bücher veröffentlicht hat; aus „Tessy“ hat der Verlag „Tessa“ gemacht, weil das angeblich besser klingt. „Jeder Name ist festgelegt auf ein bestimmtes Genre“, erklärt die Autorin. „Ich mag das. Man hat quasi verschiedene Schubladen in seinem Wesen.“

Und wenn aus einer Schublade plötzlich ein Weltbestseller herausfiele? Ein Buch, das Berühmtheit brächte, vielleicht verfilmt würde? Tessy sagt: „Finanziell hätte ich nichts dagegen. Aber auf der Straße erkannt zu werden, fände ich furchtbar.“ Ihr Mann kann da nur den Kopf schütteln: „Also ich hätte nichts dagegen!“

Nach kurzem Nachdenken nimmt Tessy erneut den Faden auf. „Ganz ehrlich, gegen einen Bestseller hätte wohl kein Autor etwas. Vor allem aber wünsche ich mir, dass ich bis ins hohe Alter einen klaren Kopf behalte und meine Ideen umsetzen kann.“ Gedankenversunken krault Tessy den kleinen Kater, den Christian nach dem Würzburger Nobelpreisträger „Heisenberg“ benannt hat und der nun interessiert an ihrer Teetasse schnuppert. „Ich glaube, ohne zu schreiben könnte ich gar nicht leben.“ Deshalb wird das Rüdenhäuser Sandsteinhaus sicher noch manches Mal (Entstehungs-)Ort für einen Mord sein. Einen erdachten, klar.

Er: „Schatz, ich hab‘ Dir?s noch nicht gesagt… Ich würde gern meinen Laptop mit in den Urlaub nehmen und zwischendurch ein bisschen schreiben.“

Sie: „Schatz, ich hab‘ Dir?s auch noch nicht gesagt. Mir geht?s genauso.“