Gänsehaut: Verlassene Burgen und Bahnhöfe, Kirchen und Kasernen ziehen nicht nur Fotografen an. Sondern auch ganz andere Geister.
„Du bist so lost“, sagen die Teenager und meinen: Du bist verloren oder zumindest desorientiert. Der englische Begriff „lost“ ist das Jugendwort des Jahres. Aber auch immer mehr Erwachsene können ihm etwas abgewinnen: „Lost Places“ – verlorene, verlassene, gruselige und gespenstische Orte – locken viele Menschen fast magisch an. Jetzt zu Halloween ganz besonders. Warum das so ist? Der Autor des kürzlich erschienenen Buches „Lost & Dark Places Franken“, der im oberfränkischen Stadtsteinach aufgewachsene Benedikt Grimmler, hat einen Selbstversuch unternommen und dabei auch der Region um Kitzingen einen Besuch abgestattet.
Mögen Sie Spukgeschichten?
BENEDIKT GRIMMLER: Oh ja! Schon seit Kindertagen. Sie waren sogar meine erste Begegnung mit der „großen“ Literatur. Ein altes Buch aus dem Regal meiner Eltern mit Geistergeschichten unter anderem von Kleist, Dickens und natürlich E. A. Poe hat sozusagen als eine der ersten Leseerfahrungen den Weg zum späteren Literaturstudium geebnet. Alpträume hatte ich nach der Lektüre natürlich trotzdem…
… aber auch den Hang, „Lost & Dark Places“ aufzusuchen?
Das hat sicher eine Rolle gespielt. Auch Sagen fand ich schon immer sehr faszinierend. Zudem bin ich unweit einer Burgruine aufgewachsen. Das prägt.
Sie haben verfallene Burgen und Bahnhöfe, Kasernen und Kirchen besucht. Welcher Ort war wirklich unheimlich und hat Ihnen eine richtige Gänsehaut beschert?
Bei den meisten verfallenen Objekten überfällt einen ja eher Melancholie oder Nostalgie, unheimlicher sind da schon einige Friedhöfe, besonders solche mit vielen älteren, ungepflegten Grabmalen, oder Kirchenruinen. Schon auch ziemlich gruselig ist der wieder errichtete Galgen im oberfränkischen Kupferberg – an historischer Stätte... Und wenn man sich dann daran erinnert, dass an solchen Orten Schwerverbrecher, Selbstmörder oder auch ungetaufte Kinder im Erdboden verscharrt wurden, lässt einen das nicht kalt.
Gab es einen Ort, dessen Geschichte Sie richtig tief berührt hat?
Die Geschichte des in den letzten Kriegstagen abgebrannten Schlosses von Wässerndorf im Landkreis Kitzingen ist ziemlich tragisch. Bewegend ist auch die Ruine des Klosters Unterzell, insbesondere in Verbindung mit dem Wissen um den letzten Hexenprozess, der an diesem Ort stattfand. Steht man heute in den etwas heruntergekommenen Ruinen, könnte man tatsächlich an einen Fluch der unschuldig verurteilten Nonne denken.
Wie haben Sie von den verschiedenen „Lost Places“ in ganz Franken erfahren?
Für meine Bücher komme ich natürlich viel in Franken herum, viele Orte kannte ich deshalb schon und wollte sie in dem Band unbedingt mit dabei haben. Bei den Recherchen bin ich aber auch immer wieder auf neue Objekte gestoßen – das Buch hätte weitaus dicker werden können. Das ist dann etwas für eine hoffentlich erscheinende 2. Auflage…
Welche fränkische Region weist besonders viele „Lost Places“ auf?
Das ist, was die typischen „Lost Places“ angeht – also alte Fabrikbauten, Bahnstrecken, Kasernen und so weiter – , eindeutig Oberfranken, das natürlich stark vom Strukturwandel betroffen wurde. Man denke nur an die Textil- und Porzellanindustrie, aber auch an stillgelegte Infrastruktur. Die gibt es allerdings auch in anderen Regionen. Die Bahn etwa ist ein fleißiger Produzent von „Lost Places“. Die eher unheimlichen Orte dagegen sind in ganz Franken als alter Kulturregion – man denke nur an die vielen Burgen – einigermaßen gerecht verteilt.