Druckartikel: Der Herr der Trauben

Der Herr der Trauben


Autor: Robert Wagner

Obernbreit, Donnerstag, 11. August 2016

"Ich bin süchtig", gibt Hartmut Schmidt unumwunden zu. Er sammelt Weintrauben aus aller Welt. Kunden wissen das zu schätzen. Der neuste Teil unserer Serie zum Thema lokale Unternehmen ganz global.
Dicht an dicht stehen in den Gewächshäusern von Hartmut Schmidt die Rebstöcke. Über 100 verschiedene Sorten züchtet er.


„Ich bin süchtig“, gibt Hartmut Schmidt unumwunden zu. Sonnengebräuntes, freundliches Gesicht, Brille, graues Poloshirt und ein Lächeln auf den Lippen – wie der typische Drogenabhängige sieht der 54-jährige Obernbreiter eigentlich nicht aus. Und es ist auch nicht Heroin, Crystal Meth oder Kokain, was Schmidt braucht. Auch nicht Alkohol – obwohl, indirekt irgendwie schon.

Denn Hartmut Schmidts „Sucht“ bezieht sich auf Weinreben. Die sind nicht nur eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt – sondern eben auch die Grundlage von Wein. Und der enthält bekanntlich Alkohol.

In Schmidts Rebschule werden jedes Jahr 250 000 Reben herangezogen und verkauft. Über 100 verschiedene Sorten vermehrt der Obernbreiter in seinen Gewächshäusern. „Wir haben jetzt schon eine große, wenn nicht die größte Auswahl von Rebsorten in Europa“, sagt Schmidt. Genug sei das aber noch lange nicht. Mindestens 150 sollen es schon noch werden. Das ist sein Ziel – und auch seine Sucht. 1#googleAds#100x100

Auf der Suche nach immer neuen Sorten blickt der 54-Jährige vor allem Richtung Osten – nach Moldawien, Polen, in die Ukraine und vor allem nach Russland. Das überrascht im ersten Moment: Als typisches Weinland ist Russland eher nicht bekannt. „Viele Menschen züchten an ihrem Haus schon seit vielen Jahrzehnten Tafeltrauben“, erklärt Schmidt. Eine Kultur, die in Westeuropa weniger verbreitet sei – daher gebe es einen schier unerschöpflichen Vorrat an neuen Sorten aus dem Osten.

Sorten aus Russland

Oft sitzt Schmidt vor dem Rechner, studiert Internetseiten und Foren. Manchmal muss er sich die Seiten aus dem Russischen übersetzen lassen. Er hat einen großen Bekanntenkreis, der ihn über Neuentdeckungen informiert und Pflanzen zu ihm bringt. Als Setzlinge oder als „Vermehrungsholz“. Aus diesen vermehrt er neue Reben. Widerstandsfähig sollen sie sein – und natürlich gut schmecken.

Die Rebschule Schmidt gibt es schon seit 1922. Unter Großvater Hans Schmidt war der Betrieb auch noch Baumschule. Hartmut Schmidt konzentriert sich hingegen nur noch auf Tafeltrauben. Warum? „Die sind spannender.“ Auf Dauer nur Silvaner, Müller-Thurgau und Co? Das sei nichts für ihn.

Die Sorten werden veredelt. Dafür werden sie auf eine reblausresistente Unterlagsrebe gepfropft. Schmidt greift dazu meist auf Unterlagsreben aus Italien oder Frankreich zurück. Es handelt sich um wilde Sorten – sie sind resistent gegen die Reblaus. Das sei heute unabdingbar, die Schädlinge stellen eine ständige Gefahr dar.

Das Kerngeschäft der Rebschule ist in Deutschland. Schmidt liefert die meisten Rebstöcke an Zwischenhändler. Noch lieber ist ihm aber der Onlinehandel. „Da bleibt mehr Gewinn bei uns hängen.“ Seit Jahren nimmt dieses Geschäft zu, ein Ende ist noch nicht abzusehen.

Abzusehen ist hingegen, dass Hartmut Schmidt nicht versuchen wird, in weitere Länder zu exportieren, solange der deutsche Markt so stabil und lukrativ bleibt. Und dass, obwohl Schmidt gute Erfahrungen mit dem Ausland gemacht hat. Besonders ins deutschsprachige Ausland liefert er schon heute.

Widerstandsfähig

Während das im EU-Land Österreich überhaupt kein Problem ist, sind beim Handel mit der Schweiz einige Dinge zu beachten. Man brauche ein Zertifikat, so etwas wie einen „Gesundheitsausweis“, um die Reben über die Grenze liefern zu dürfen. Hinzu kommt zusätzlicher Aufwand durch den Zoll. Lohnen tut sich das trotzdem: „In der Schweiz muss man fast doppelt so viel für eine Rebe zahlen.“ Der deutsche Markt ist deshalb für die Eidgenossen interessant.

Im März werden die Rebstöcke veredelt und bis in den August aufgezogen. Sie müssen gepflegt werden, gedüngt, gewässert und geschnitten. Auf Pflanzenschutzmittel kann Schmidt größtenteils verzichten – die Widerstandsfähigkeit der Weintrauben sei ja gerade das Hauptkriterium ihrer Auswahl.

Neues Projekt

Bis zu 13 Leute arbeiten in dieser Phase für Schmidt. Neben einem Festangestellten aus Brasilien und einem Saisonarbeiter aus Polen beschäftigt der Traubenexperte dann vor allem Hilfskräfte aus Obernbreit und Umgebung. Er gibt aber auch unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen die Chance, für ein paar Wochen in den Beruf reinzuschnuppern.

„Manchmal denke ich, das werden wir doch gar nicht alles los“, erzählt Schmidt mit Blick auf die vollen Gewächshäuser. Dicht an dicht stehen die Weinstöcke hier. Doch am Ende des Winters sei dann doch fast alles verkauft. Das Geschäft läuft.

Zum Abschluss führt Hartmut Schmidt noch zu seinem neuen Projekt. In einer Ecke stehen einige Stöcke. „Silvanertypen, Gutedeltypen, Burgundertypen und einige unbekannte Sorten“, schätzt der Experte. Die stammen weder aus der Ukraine noch aus Russland. Sie stammen aus einem Wald bei Obernbreit. „Die hat ein Jungwinzer beim Spazierengehen entdeckt.“ Völlig überwuchert und im schattigen Gestrüpp nach oben gewachsen, hat er einige Triebe abgeschnitten und zuhause vermehrt.

„Wahrscheinlich stammen die Reben noch aus dem 18. Jahrhundert“, sagt Schmidt. Einer Zeit, in der noch im gesamten Gebiet großflächig Wein gewachsen ist. Vor dem 19. Jahrhundert, seit Reblaus und Mehltau eine ständige Bedrohung darstellen. Dass die Reben noch gewachsen sind, deutet daraufhin, dass sie widerstandsfähiger gegen Schädlinge und Pilze sind als viele moderne Weinsorten. Er sei gespannt, was aus ihnen wird, sagt Schmidt. Ein Leuchten ist in seinen Augen zu sehen – die Sucht hat wieder zugeschlagen.