Wie das duftet! So richtig nach Frühling, nach Blüten, Gras und Erde. Die Nachmittagssonne lässt all die jungen Pflanzentriebe hellgrün leuchten. Eine junge, blonde Frau schreitet in einem langen Leinengewand über die Wiese. An ihrem Handgelenk baumelt ein Weidenkorb. Die Szene wirkt wie aus der Zeit gefallen. Wie aus dem Mittelalter. Die Kräuterfrau ist unterwegs.

Kriege, Unglücksfälle, Krankheiten: Leicht hatten sie es nicht, unsere Vorfahren. Und zimperlich durften sie auch nicht sein: Bei Knochenbrüchen strichen sie eine Tinktur aus der Beinwell-Wurzel auf die Bruchstelle. Wenn sie von einem Insekt gestochen wurden, sammelten sie Wegerich-Blätter und legten sie auf die schmerzende Stelle. Und wenn sie unter Erkältung litten, gab es einen schleimlösenden, schweißtreibenden Tee aus Lindenblüten. Als man noch nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit den Arzt oder Apotheker fragen konnte, war die Natur ein guter Freund und Helfer. Das kann sie auch heute noch sein – wenn man sie kennt.

Stefanie Roßmark tut das. Die 27-Jährige aus Rödelsee interessiert sich seit Jahren für die Heilkräfte der Natur. Sie sammelt mit Leidenschaft Kräuter, kocht und isst sie oder verarbeitet sie zu Salben und Tinkturen. Lachend erzählt die gelernte Bankkauffrau, die auch als „Gästeführerin Weinerlebnis Franken“ aktiv ist: „Meine Eltern sagen, dass ich mir schon als Kind beim Spazierengehen immer alles in den Mund gesteckt und probiert habe.“ Dass sie die Prüfung zur Wildkräuterfachfrau ablegte und allerhand Zusatzausbildungen absolvierte, ist aber einem Spreißel zu verdanken. „Das war ein ganz dickes Trumm. Es steckte in meiner Ferse und tat höllisch weh. Mein Mann wollte mich zum Arzt fahren, aber ich hab' lieber Wegerich gesammelt. Und innerhalb von drei Tagen war alles wieder gut.“

Drei Wegeriche für die Gesundheit

Das hat die junge Frau, die mittlerweile in der Kitzinger Stadtverwaltung arbeitet, so beeindruckt, dass sie sich intensiver mit Kräutern und Naturheilkunde befasst hat. „Das ist dann zu einer richtigen Sucht geworden.“ Einmal habe sie sich bei einer Wanderung im Wald an Spitzahorn-Blüten und -Blättern so satt gegessen, dass sie anschließend in der Wirtschaft gar nichts mehr bestellen wollte.

„Probier' doch mal!“, fordert sie die achtjährige Davina auf. Das Mädchen hat zusammen mit seiner Mama, seiner Schwester und anderen Interessierten eine Kräuterführung gebucht. Nun, auf dem Weg durch den Schlosspark am Schwanberg, hält Stefanie Roßmark der Grundschülerin ein hellgrünes Buchenblatt hin. Davina schaut ihre Mutter fragend an. Als diese nickt, kostet sie. „Jaaaa – geht schon“, meint sie kauend. „Schmeckt ein bisschen nach Zitrone.“

„Und schaut mal da – kennt Ihr das?“ Stefanie Roßmark deutet auf ein grünes Gewächs, das bei den allermeisten Menschen Wehklagen auslöst: Giersch. Doch die Rödelseerin adelt das hartnäckige Garten-„Unkraut“: „Junge Gierschblätter haben mehr Vitamin C als Zitronen. Man kann sie unter jeden Salat mischen. Auch die Blüten.“

Lieber als Giersch mag Stefanie Roßmark Brennnesseln. „Ich zupfe die oberen, zarten Blätter mit einem Handschuh ab und rolle daheim mit dem Nudelholz darüber – dadurch entfernt man die Brennhaare. Die Samen röste ich und gebe sie über den Salat – lecker!“ Das Gleiche macht sie mit Sauerampfer-Samen.

Wenige Schritte weiter ziehen lanzettförmige, krokodilgrüne Blätter die Aufmerksamkeit auf sich. „Das ist Spitzwegerich. Daraus wird Hustensaft hergestellt.“ Die Heilwirkung der drei „Wegeriche“ – neben dem Spitz- gibt es auch den Breit- und den mittleren Wegerich, die nach ihrer Blattgröße so getauft wurden – dürfe man nicht unterschätzen, meint Roßmark. „Wenn mich im Wald ein Insekt sticht, dann suche ich einen Breitwegerich und wickle ein Blatt um die Stichstelle. Das wirkt antiseptisch und stillt den Juckreiz.“ Da der Wegerich keinen giftigen Doppelgänger habe, könnten auch Laien die Wegerich-Kraft bedenkenlos nutzen.

Immer wieder bückt sich die 27-Jährige. Sie zeigt auf die winzigen, herzförmigen Blättchen des vermeintlich unscheinbaren Hirtentäschels, den man früher zur Blutstillung verwendet hat, und auf sonnengelb blühendes Schöllkraut, dessen senfgelber Blattsaft noch heute gerne zur Warzenbehandlung verwendet wird. Sie hält ihren Gästen Knoblauchsrauken hin, die ähnlich schmecken wie Knoblauch – ein bisschen bitterer vielleicht – und wirft ihnen voller Übermut „Kleine Kletten“ zu: Rankgewächse, die an der Kleidung haften und sich auch „als Rohkost super machen, weil sie nach Erbsen schmecken“.

Nur Erfahrenen empfiehlt sie indessen, Wiesenbärenklau zu sammeln. Die Blätter, die wie eine kleine Bärentatze aussehen, sind essbar. Allerdings hat der Wiesenbärenklau im Riesenbärenklau einen sehr giftigen Gegenspieler.

Dann kommt Stefanie Roßmark zum Höhepunkt der aktuellen Kräuterführung: zur Unterscheidung von Bärlauch und dem – giftigen, aber sehr ähnlich aussehenden – Maiglöckchen. „Dass das Bärlauch ist – und nicht etwa das giftige Maiglöckchen – , ist anhand mehrerer Kriterien zu erkennen“, erklärt sie. „Die Blattunterseiten des Bärlauchs sind matt, nicht glänzend, und die Blätter wachsen einzeln aus dem Boden, anders als beim Maiglöckchen, dessen Blätter vom Stiel abzweigen.“ Zudem weisen die Bärlauchblätter Parallelstreifen auf.

„Es stimmt übrigens nicht, dass man Bärlauch nicht mehr essen darf, sobald er blüht. Er ist dann nur nicht mehr so kräftig im Geschmack.“ Die Blüten seien, eingelegt in Öl und Essig, sehr lecker. „Sie müssen aber immer von Flüssigkeit umschlossen sein, sonst schimmeln sie.“

Hat man den Bärlauch sicher bestimmt und geerntet, rät Stefanie Roßmark, ihn daheim gründlich zu waschen oder zu erhitzen, damit eventuell vorhandene Fuchsbandwurm-Eier beseitigt beziehungsweise vernichtet werden. „Durch Einfrieren tötet man die Eier leider nicht.“

Und dann gibt Stefanie Roßmark ihren Gästen noch etwas mit auf den Weg, was schon unsere Vorfahren im Mittelalter wussten – vielleicht durch leidvolle Erfahrung: „Wenn's glänzt, Finger weg!“

Und auf keinen Fall nach Geruch sammeln: „Es kann sein, dass die Finger schon nach Bärlauch riechen und man ein Maiglöckchen dann gar nicht im Sammelgut merkt!“

INFO: Am Samstag, 19. Mai, laden Wanderführer Peter Hess und Kräuterfee Stefanie Roßmark ein, mit ihnen die Rödelseer Traumrunde entlang zu wandern; Treffpunkt ist um 13:30 Uhr am „Elfleins-Häusla in Rödelsee“. Am 2. und 3. Juni, dem Festwochenende 1100 Jahre Hüttenheim, heißt es „Kräuter küssen Wein“; Infos: stefanie.rossmark@web.de.