Druckartikel: Damit das Ehrenamt nicht zum Trauma wird

Damit das Ehrenamt nicht zum Trauma wird


Autor: Ralf Dieter

Kitzingen, Montag, 11. Juli 2016

Die Verantwortung wird größer. Das Gefühl, gebraucht zu werden, nimmt zu - und damit auch der Stress und die Belastung. Das Koordinierungszentrum WirKT geht mit neuen Angeboten an die Öffentlichkeit und will gegensteuern.
Clemens Hartmann und Gerald Möhrlein wollen Ehrenamtlichen im Landkreis Kitzingen helfen. Ihr neuestes Angebot: Vorträge und Workshops zu so unterschiedlichen Themen wie Flucht und Rechtsextremismus oder „Die Vereinsfinanzen im Griff“.


Die Verantwortung wird größer. Das Gefühl, gebraucht zu werden, nimmt zu – und damit auch der Stress und die Belastung. Nicht alle Ehrenamtlichen, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren, kennen dieses Phänomen. „Aber viele“, weiß Gerald Möhrlein, Vorsitzender im Kreisverband der AWO. Zusammen mit dem Leiter des Koordinierungszentrums Bürgerschaftliches Engagement in Kitzingen (WirKT), Clemens Hartmann, will er gegensteuern.

Seit Januar dieses Jahres ist Hartmann im Amt. Er hat sich eingearbeitet, er hat neue Akzente gesetzt. „Die Vermittlung von Ehrenamtlichen bleibt weiter ein Schwerpunkt“, versichert er. Und natürlich sollen auch erfolgreiche Projekte wie „Die kleinen Entdecker“ oder „Das freiwillige engagierte Schuljahr“ fortgesetzt werden.

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„Jetzt geht es mehr um die Migrationsarbeit.“
Gerald Möhrlein Vorsitzender im AWO-Kreisverband

Gerade das Letztgenannte ist für Hartmann mehr als sinnvoll, werden dort doch junge Menschen an das Ehrenamt herangeführt. Rechnet man alle ehrenamtlichen Stunden zusammen, die Schüler aus dem Landkreis Kitzingen 2015 investiert haben, kommt man auf 150 Tage a 24 Stunden. „Das ist unglaublich“, sagt Hartmann.

Einen dritten Schwerpunkt seiner Arbeit will er jetzt im Bereich Bildung setzen. Alle Ehrenamtlichen sind eingeladen, an kostenlosen Vorträgen oder Workshops teilzunehmen. Im Juli liegt der Schwerpunkt auf dem Thema Flüchtlingsarbeit.

„Die Akutversorgung der Flüchtlinge ist nicht mehr der Schwerpunkt der Arbeit“, sagt Möhrlein. „Jetzt geht es mehr um die Migrationsarbeit.“ Wie kann eine interkulturelle Begegnung gelingen? Dieser Frage widmet sich ein Workshop am Donnerstag, 14. Juli, im Mehrgenerationenhaus. Susanne Lindner, Jugendreferentin beim AWO Kreisverband Roth-Schwabach, diskutiert mit den Teilnehmern, wie Integration gelingen kann – und welche Hürden und Grenzen es gibt. „Die Ehrenamtlichen sollen von ihren Erfahrungen berichten“, sagt Möhrlein. „Es geht um einen Austausch.“

Um die psychischen Folgen einer Flucht und der Kriegssituation im Heimatland geht es am Dienstag, 26. Juli, ab 17 Uhr, im Paul-Eber-Haus. „Wir wollen Verständnis für die Betroffenen entwickeln“, erläutert Möhrlein, der die Weiterbildung zum Fachpädagogen für Psychotraumatologie selbst absolviert hat, seine Motivation. Traumata sind viel weiter verbreitet, als allgemein angenommen. „Posttraumatische Belastungsstörungen treten bei Kindern so häufig auf wie ADHS“, sagt Möhrlein. Zwischen zwei und drei Prozent aller Kinder seien betroffen. Die Dunkelziffer dürfte noch viel höher liegen.

Bei einer Umfrage unter Lehrern aller Schularten gaben 90 Prozent an, schon einmal mit dem Phänomen Trauma konfrontiert worden zu sein. „Ursächlich für Traumata sind einschneidende schlimme Erlebnisse“, erklärt Möhrlein. Entsetzen, Machtlosigkeit und Kontrollverlust gehen mit einem Trauma einher. „Man kann diese Erinnerung nicht löschen“, sagt Möhrlein.

„Ursächlich für Traumata sind schlimme Erlebnisse.“
Gerald Möhlein Fachpädagoge

„Sie ist im Körpergedächtnis gespeichert“. Ein Trauma lässt sich nur lindern. Um so wichtiger, dass auch Ehrenamtliche einen Einblick in die Grundzüge von Traumata gewinnen – und lernen, wie sie damit umgehen können. Damit die Freude am Helfen nicht einer Ohnmacht weicht.

Termine: Donnerstag, 14. Juli, ab 17 Uhr im Mehrgenerationenhaus in der Kapuzinerstraße: „Meine, deine, unsere Kultur - Workshop über unterschiedliche Werte und eine gelingende interkulturelle Begegnung.“

Dienstag, 26. Juli, ab 17 Uhr im Paul-Eber-Haus: Vortrag „Trauma und Flucht“.

Weitere geplante Themen bis Jahresende: Flucht und Rechtsextremismus, Interkulturelles Training, Typisch syrisch – Gibt es das überhaupt?, Grundschulung Kleine Entdecker, Aufbauschulung Kleine Entdecker – Mensch und Ernährung, Durch Vorlesen begeistern, Der christliche Glaube und die interreligiöse Vielfalt, Ehrenamt und Rechtssicherheit, Vereinsfinanzen im Griff.