Immer wieder fehlen ihnen die Worte. Der Schock sitzt tief. Darüber, mit welcher Geschwindigkeit sich die Lage in ihrer Einrichtung so dramatisch veränderte. Die Angst ist groß. Davor, dass diese tückische Krankheit das Leben der infizierten Kinder, Eltern und Mitarbeiterinnen des Kindergartens Friedenskirche komplett verändert. Einrichtungsleiterin Kathrin Stamm und Pfarrer Michael Bausenwein blicken traurig zurück – und trotzdem hoffnungsvoll in die Zukunft.

Nach und nach werden sie in den evangelischen Kindergarten zurückkehren. Seit dem gestrigen Montag gibt es zwei Notgruppen, für weitere reicht das Personal noch nicht aus. Neun von 20 MitarbeiterInnen sind mit dem Corona-Virus infiziert, größtenteils mit der britischen Mutante. Dass diese auch für Kinder hochgradig ansteckend ist, dafür ist der Ausbruch im Siedlungs-Kindergarten das beste Beispiel. 33 Kinder haben sich infiziert und das Virus dann unerkannt in ihren Familien verbreitet – ausgehend von einem einzigen positiv getesteten und dabei völlig Symptom-freien Kind. Die Chronologie kann Michael Bausenwein, zuständig für das Pfarramt Kitzingen Friedenskirche, nahezu lückenlos nachzeichnen. Nach Bekanntwerden des positiven Falls wurde die Gruppe, in Absprache mit Landrats- und Gesundheitsamt, sofort geschlossen, die betroffenen Kinder, ebenfalls durchgängig ohne Symptome, und das pädagogische Personal in Quarantäne versetzt. In den folgenden Tagen zeigten sich schließlich bei den Mitarbeiterinnen erste Anzeichen, andere waren schon vorher im Krankenstand. Und so musste, eine Woche nach dem ersten Corona-Auftritt, der Kindergarten komplett geschlossen werden. „Wir konnten die Betreuung nicht mehr sicherstellen“, sagt Michael Bausenwein – ganz zu schweigen von der Gesundheit.

Kindergarten fühlt sich alleingelassen: "außerhalb unserer Kompetenz"

In den wenigen Stunden der Entscheidungsfindung hätte nicht nur der Kitzinger Pfarrer sich mehr eindeutige Unterstützung gewünscht. „Vielleicht hätten wir schneller reagiert, wenn wir eindeutige Informationen für solche Fälle bekommen hätten“, mahnt auch Kindergartenleiterin Kathrin Stamm das Fehlen klarer Leitlinien an. Zwar gab es ausführliche Beratungen, heißt es auf Anfrage aus dem Gesundheitsamt. Die Entscheidung oblag aber den Verantwortlichen vom Pfarramt und der Kindergartenleitung, obwohl sie „eigentlich außerhalb unserer Kompetenz“ liegt, findet Kathrin Stamm.

Grundsätzlich habe man sich korrekt verhalten, schreibt jedenfalls Dr. Jan Allmannritter, Leiter der Kitzinger Gesundheitsbehörde. „Ausbrüche in Kindergärten können (...) nie vollständig verhindert werden“, erklärt der Mediziner. Die kurze Zeitspanne zeige, dass die britische Variante mit ihrer höheren Ansteckungsfähigkeit beim Ausbruch im Kindergarten Friedenskirche die zentrale Rolle gespielt habe. „In Kindergärten sind die Kontakte nicht so strikt zu verhindern, wie es manchmal notwendig wäre. Das liegt in der Natur der Sache.“ Wichtig sei, Kinder, aber auch die Erwachsenen, immer wieder zur Einhaltung der Hygienemaßnahmen zu sensibilisieren. „Eltern sollten auf mögliche Symptome ihrer Kinder achten und sich entsprechend des Rahmenhygieneplans für Kindertageseinrichtungen verhalten.“ Vermehrte Tests und die zunehmende Zahl an geimpften Personen werde sich früher oder später positiv auf das Infektionsgeschehen auswirken, ist Allmannritter zuversichtlich.

„Nach den bisherigen Erfahrungen mit dem Kitzinger Kindergarten, und auch allen anderen Kindergärten im Landkreis, liegen dem Gesundheitsamt keine Hinweise vor, dass das Hygienekonzept nicht eingehalten wurde.“ Diese Aussage wird nicht nur Pfarrer Bausenwein erleichtern. Er betont, dass die Absprachen mit dem Gesundheitsamt, aber auch den Verantwortlichen für Kindertageseinrichtungen im Landratsamt, Lydia Worschech und Bernhard Hornig, sehr konstruktiv verlaufen seien.Hornig selbst steht nicht erst seit Beginn der Pandemie landkreisweit mit den Einrichtungen in engem Kontakt, hat unzählige Gespräche geführt, Empfehlungen ausgesprochen, Vorgehensweisen abgesegnet. In den letzten Wochen habe er bei den Beschäftigten eine Mischung aus Angst vor einer möglichen Ansteckung und der Freude, dass die Kinder wieder in ihre Kindergärten zurückgekehrt sind, erlebt.

"Bin überzeugt, dass wir nicht schuld sind"

Dafür, dass im Kindergarten Friedenskirche ein solcher Ausbruch passiert ist, während andere Einrichtungen komplett verschont bleiben, hat er keine Erklärung – und wird sich genauso wie Kathrin Stamm wünschen, dass die Kindergärten irgendwann wieder im Normalzustand laufen können. Eine Grundvoraussetzung dafür müsse aber ein Impfangebot für die pädagogischen Kräfte sein – bisher hätten gerade einmal drei Mitarbeiterinnen ein solches erhalten. Pfarrer Michael Bausenwein sieht nicht nur dafür, sondern vor allem auch für den konkreten Fall höhere Entscheidungsebenen in der Pflicht. Es brauche eine offene Kommunikation, damit betroffene Einrichtungen „die Regeln für die Situation angemessen“ einsetzen können. „Ich bin überzeugt davon, dass wir nicht schuld sind an dem, was passiert ist. Und trotzdem ist es aus menschlicher Sicht schwer zu ertragen.“

Manche Mitarbeiterin, manches Familienmitglied habe nach wie vor schwer mit dem Virus zu kämpfen, es seien teilweise schwere Verläufe zu beklagen – von den Folgen noch gar nicht zu sprechen. Die getroffenen Entscheidungen und die daraus resultierende, vorübergehende Schließung der Einrichtung stieß indes bei der Elternschaft auf breites Verständnis. Viele hätten ihr Mitgefühl ausgedrückt, dem Team per Mail oder auch per Post Mut zugesprochen und versucht, sie aufzumuntern. „Dafür sind wir sehr dankbar“, sagt Kathrin Stamm. Eine solche Anerkennung ihrer Arbeit würde sie sich auch von höherer Stelle wünschen. „Wenn die Politiker zusammensitzen, dann dreht sich immer alles um die Schule, die Kindergärten werden vergessen.“ Dabei sei gerade hier der Körperkontakt nicht zu vermeiden, im Gegenteil. Er ist fester Bestandteil des pädagogischen Arbeitens mit Kindern im Vorschulalter – das im Übrigen durch den großen Aufwand, der für Hygienemaßnahmen und deren Dokumentation betrieben werden muss, ohnehin nicht so stattfinden könne, wie sie es sich eigentlich vorstellt. „Normalerweise haben die Kinder bei uns ganz viel Mitbestimmungsrecht, was die Gestaltung ihrer Kindergartenzeit betrifft“, berichtet die Erzieherin. „Im Moment können wir aber sehr viele Wünsche nicht erfüllen.“

Trotzdem gibt sie die Hoffnung nicht auf. „Ich wünsche mir, dass das, was uns passiert ist, keiner anderen Einrichtung passiert. Dass alle wieder gesund zurückkommen. Und dass sie regelmäßig wiederkommen können.“ Und auch Pfarrer Michael Bausenwein will den tief sitzenden Schock verarbeiten und zuversichtlich in die Zukunft blicken. In einem gemeinsam aufgesetzten Brief, der an alle beteiligten Stellen gehen soll, zeichnet er zusammen mit Kathrin Stamm die Vorgänge, Entscheidungen und Maßnahmen rund um den Corona-Ausbruch in „seinem“ Kindergarten nach, beschreibt mögliche Schwachstellen, findet Verbesserungsvorschläge. Das alles soll helfen, solche Ereignisse zukünftig zu vermeiden, bzw. möglichst schnell individuelle Lösungen zu finden. „Es wird gerade in einer sehr guten Weise sehr viel geschultert, obwohl alle Beteiligten bis über die Belastungsgrenze hinaus eingespannt sind“, lobt der Geistliche. Und er ruft dazu auf, durchzuhalten und zusammenzustehen. „Das enge Regulieren kann ein Ende haben, wenn die Menschen vorsichtig und rücksichtsvoll bleiben. Dafür wünsche ich mir eine gesunde Nachdenklichkeit.“

 

Foto: Diana Fuchs

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