Buchstäblich verliebt
Autor: Diana Fuchs
Kitzingen, Mittwoch, 23. Juli 2014
Kann man sich in Worte verlieben? Kann man sich verlieben, wenn das Gegenüber eben nicht gegenüber, sondern meilenweit außer Sicht-, Hör- und Riechweite ist?
Kann man sich in Worte verlieben? Kann man sich verlieben, wenn das Gegenüber eben nicht gegenüber, sondern meilenweit außer Sicht-, Hör- und Riechweite ist?
Raffael Di Gioia aus Gaibach ist Bauzeichner – und Musiker aus Leidenschaft. Vor Jahren suchte er eine Sängerin. Doch das Demo, das ihn erreichte, überzeugte ihn nicht. Er erteilte der jungen Frau eine Absage. „Es gingen ein paar unschöne Worte rüber und nüber.“ Ein halbes Jahr verging. Dann bekam er eine Mail von der ehemaligen Bewerberin um die Stelle am Mikrofon. Sie wollte den Streit aus der Welt räumen.
„Dann haben wir hin- und hergeschrieben“, berichtet Di Gioia, der damals 34 Jahre alt war. „Wir waren immerzu online.“ Irgendwann beschlossen die beiden, einander persönlich zu treffen. Eine Liebesgeschichte begann. Sechs Jahre ist Raffael inzwischen mit seiner Kathi zusammen, seit vier Jahren sind die beiden verheiratet. „Jetzt haben wir bald drei Kinder, ein Haus und sind immer noch super glücklich miteinander.“
Glücklich sind auch Gudrun und Markus Lechner. Die Eltern zweier Söhne haben sich im „Millenniumsjahr“ 2000 kennen gelernt – in einem Chat-Room auf „flirt.de“. Die heute 38-jährige Gudrun, eine gebürtige Obernbreiterin, erzählt: „Ich habe damals in der Nähe von Regensburg eine Umschulung zur Mediengestalterin gemacht. Nach Unterrichtsschluss haben alle gechattet. Also hab' ich auch mal in verschiedene Räume reingeklickt. In einem hatte Markus gerade einen Link gepostet, mit Werbung für seine neue Website.“ Als angehende Mediengestalterin besah Gudrun sich den Online-Auftritt kritisch. Markus erinnert sich: „Sie hat mich ganz frech angeschrieben und mir mitgeteilt, was ich ihrer Meinung nach verbessern müsste.“
So fing es an. „Wir haben dann immer öfter und länger gechattet“, berichtet der Reutlinger. Zwar steckten beide in einer Beziehung. Aber besser als mit dem Partner konnten sie miteinander online reden.
„Auflegen war ganz schwer“
Nach fast fünf Monaten Internet-Kontakt griff Markus zum Telefonhörer. Zuerst waren da leichte Sprachprobleme: „Fränkisch und Schwäbisch trafen aufeinander. Lustig“ Doch die Barriere fiel schnell. „Wir haben oft telefoniert. Irgendwann wurde es jedes Mal schwerer, auch mal wieder aufzulegen.“
Ein halbes Jahr nach dem Online-Kennenlernen machte Gudrun Nägel mit Köpfen. Sie setzte sich ins Auto und düste 350 Kilometer quer durch Bayern bis ins schwäbische Reutlingen. Dort schrieb sie Markus eine SMS: „Steh' vor der Tür.“