"Behandelt wie eine Aussätzige" - Eine Bewohnerin des Notwohngebiets berichtet

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„Für Kinder ist das Notwohngebiet nicht die richtige Umgebung.“ Monika Kusak lebt mit ihrem Sohn Elias seit einem Jahr dort.
Diana Fuchs
Trio mit mehr als vier Fäusten: Sandra Lussert, Marion Warschecha und Michelle Roth setzen sich vehement für das Wohl der Notwohner ein. Unser Bild zeigt sie am Eingang zum roten Block.
Foto: Diana FUchs
Ein eigenes Bad haben sie nicht, geschweige denn eine Dusche. Uche Nonye und Wolfgang Schermer, genannt „Silver“, vor ihrem Zuhause in der Egerländer Straße ...
Fotos: Diana Fuchs
Der 43-jährige Ralf Scheller kam schon als Jugendlicher ins Notwohngebiet. Seine Mutter verlor damals ihren Job und rutschte in die Sozialhilfe ab ...
Diana Fuchs

Die 28-jährige Monika Kusak lebt seit einem Jahr mit ihrem Kind im Notwohngebiet.

Der kleine Elias ist ein aufgewecktes Kind. Während Mama sich unterhält, bewacht der Viereinhalbjährige sein Fahrrad. Man weiß ja nie… Im Kitzinger Notwohngebiet bekommen selbst Räder manchmal Füße. Das will der kleine Pirat – im Kindergarten war heute Kinderschminken angesagt – auf jeden Fall verhindern.

Monika Kusak liebt ihren Sohn. Es schmerzt sie, ihn hier vor einem der heruntergekommenen Wohnblocks zu beobachten. Sie weiß: Er hat schon zu viel gesehen und miterlebt. Einbruch, Randale, Sachbeschädigung – selbst Erwachsene können so etwas nicht leicht verarbeiten.

„Unsere Wohnungstür ist eine ganz normale Zimmertür – ein fester Tritt und sie steht offen. Einmal ist schon eingebrochen und Geld gestohlen worden. Ein anderes Mal hat man unseren Schuhschrank, der vor der Tür stand, über die Brüstung hinunter auf den Boden geworfen.“ Wer das war? Monika Kusak zuckt mit den Schultern: „Weil der Zugang zu den Wohnungen über einen Gemeinschaftsbalkon erfolgt, kann da im Prinzip jeder hin.“ Die 28-Jährige schluckt. Dann sagt sie leise: „Ich traue nicht vielen hier und ich habe Angst. Für ein Kind ist das kein Zustand. Am allermeisten wünsche ich mir eine Wohnung, in der Elias sich entfalten und ganz normal aufwachsen kann.“

Eine solche Bleibe sucht die alleinerziehende Mutter seit einem Jahr. Vergebens. Fehlendes Vermögen und das Stigma „Notwohnerin“ tun ihr Übriges, um die Suche zu erschweren. „Je länger man hier im Notwohngebiet lebt, desto schlimmer wird es. Man fühlt sich ausgeliefert, schutzlos“, sagt Monika Kusak, der mittlerweile Depressionen schwer zu schaffen machen.

„Wer einmal hier wohnt, kommt schwer wieder raus.“ Umgekehrt war der Weg vom „normalen Leben“ in die Notwohnung gar nicht so weit. Alles begann vor gut einem Jahr. Die junge Mutter verlor ihre „schöne, geräumige Wohnung“. Aus Mitleid hatte sie ihren Bruder aufgenommen, was sich jedoch als keine gute Idee erwies. Am Ende bekam sie eine Räumungsklage, musste ausziehen. Sie landete mit dem damals dreijährigen Elias im Notwohngebiet. „Wir haben hier ein Zimmer – ohne Dusche, was ich sehr schlimm finde, auch für mein Kind“, berichtet Monika Kusak.

„Schrecklich ist auch der Schimmel überall. Und das Loch im Fenster, das noch von den Vormietern stammt und das nur mit einem Pappkarton abgedeckt ist.“ Die Kälte von draußen kriecht beständig in den Raum hinein.

Ob sie das der Stadt Kitzingen als Vermieterin der Wohnung gesagt hat? Monika Kusaks Augen werden feucht. „Ja, ich bin hingegangen. Aber die behandeln einen wie einen Aussätzigen. Sie haben mir gesagt, ich sei ja wohl selbst schuld an meiner Lage.“

Dabei ist das mit der Schuld so eine Sache. Natürlich wäre es besser gewesen, wenn Monika Kusak ihre Konditorlehre nicht abgebrochen hätte oder wenn sie im Einzelhandel eine Ausbildung „komplett durchgezogen“ hätte. Aber damals ist eben einiges in ihrem Leben nicht ganz glatt gelaufen; und nicht jeder hat starken familiären Rückhalt, der ihn auffängt. „Jetzt würde ich so gerne arbeiten, in Teilzeit, egal ob in einem Hotel oder in einem Laden, ich bin flexibel und möchte Geld verdienen, während Elias im Kindergarten ist.“ Bei Elias‘ Betreuung kann Monika Kusak stundenweise auch auf ihre Mutter zählen. „Sie hilft mir schon, wo sie kann.“ Wohnraum hat die Mutter jedoch nicht zu bieten. „Ich muss das selbst irgendwie schaffen.“

Am Schlimmsten ist es für die 28-Jährige, dass „man von anderen Leuten nicht mit Respekt behandelt wird“. Wenn Menschen auf sie herunterschauen, fühlt sie sich elend – so, als würden Körper und Seele gleichzeitig frieren. So etwas soll Elias nicht erleben. Nachts schläft er – eingemummelt in viele Decken – neben seiner Mama. Auf der Couch. Die ist tagsüber Sitzgelegenheit, nachts Bett.

Im Kindergarten läuft gerade das Projekt: „Zeig dein Zimmer!“ Die Kinder sollen Bilder ihres Zimmers mitbringen. Monika Kusak fragt sich, was sie Elias für ein Foto geben soll. Sie wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel und sagt: „Bis Elias in die Schule kommt, müssen wir spätestens hier weg sein. Hierher kann er ja nie Freunde einladen oder Geburtstag feiern – und wenn, dann würde niemand kommen.“