Paukenschlag in der Kitzinger SPD-Fraktion: Astrid Glos erklärt in einem Schreiben ihren sofortigen Austritt. „Ich sehe meine sozialpolitischen und integrativen Ziele, für die ich mich zur Wahl gestellt habe (...), im derzeitigen Handeln der SPD-Stadtratsfraktion nicht mehr“, schreibt sie zur Begründung. Ein Satz, der bei ihren bisherigen Fraktionskollegen auf Unverständnis stößt.

„Diese Begründung kann ich nicht nachvollziehen“, sagt Fraktionsvorsitzender Manfred Paul auf Nachfrage. Die Begründung impliziere, dass die SPD die Arbeit von Astrid Glos in letzter Zeit nicht mehr unterstützt habe. „Das ist aber nicht der Fall“, betont Paul. Den Schritt bezeichnet er als bedauerlich – aber nicht besonders überraschend.

„Meine Wurzeln liegen in dieser Partei. Das ist meine Prägung.“
Astrid Glos über die SPD

Seit der Wahl im März 2020 besteht die SPD-Fraktion in Kitzingen aus Manfred Paul, seiner Frau Brigitte Endres-Paul, Klaus Heisel und Astrid Glos. Letztere hat ihren Schwerpunkt schon immer auf soziale Themen gelegt, ob im Kirchenvorstand der evangelischen Kirche, als Referentin für Integration im Stadtrat, beim Kitzinger Arbeitslosenfrühstück oder im Vorstand des Fördervereins der St. Hedwig-Grundschule. Die sozialen Themen der SPD waren ihr sozusagen in die Wiege gelegt. Der Vater war SPD-Stadtrat in Marktbreit, die kleine Astrid hat die Prospekte ausgetragen. „Meine Wurzeln liegen in dieser Partei“, sagt sie. „Das ist meine Prägung.“ Ein Parteiaustritt sei deshalb auch nie in Frage gekommen, auch im Kreistag will Glos in der SPD-Fraktion bleiben.

Der menschliche Aspekt fehlte

Bezüglich der Stadtratsfraktion habe sie sich aber immer wieder mal Gedanken gemacht, vor allem im letzten Vierteljahr. Besprechungen hätten nur noch virtuell stattgefunden, den persönlichen Austausch habe sie sehr vermisst. „Da fehlt einfach der menschliche Aspekt“, sagt sie. Die Arbeit in einem Team habe ihr während der gesamten Corona-Zeit gefehlt, mitunter fühlte sie sich nur als „halber Mensch“.

„Ob es der bessere Weg ist, wird sich erst in ein paar Jahren zeigen.“
Klaus Heisel über den Austritt von Astrid Glos

„Diese Telefonkonferenzen sind natürlich zielgerichteter“, bestätigt Klaus Heisel. Da herrsche schon ein anderes Klima als bei persönlichen Treffen. Die Argumente für den Austritt kann Heisel aber trotzdem nicht nachvollziehen, zumal Glos kein klärendes Gespräch mit der Fraktion gesucht habe. „Sie hat es anscheinend so empfunden“, sagt er.

Immer wieder Frauen

Heisel nimmt die Entscheidung stoisch. Im Laufe seiner langjährigen Tätigkeit habe er immer wieder Fraktionsaustritte erlebt. Interessanterweise häufiger von Frauen. Heisel erinnert an Heidemarie Gold, Jutta Wallrapp und Andrea Schmitt, die alle ihre Fraktion wechselten. Jetzt habe Astrid Glos diesen Schritt gewählt. „Ob es der bessere ist, wird sich erst in einigen Jahren zeigen“, meint er. Auch Manfred Paul möchte die Entscheidung in der Öffentlichkeit nicht ausführlich kommentieren. Für ihn persönlich sei das Thema durch, für die Fraktion sei es „soweit okay.“ Die SPD in Kitzingen habe schon „einige Häutungen“ erlebt, erinnert er. Die heutigen Fraktionen von KIK und UsW hatten ihren Ursprung in der SPD. Was dabei mitschwingt, aber Manfred Paul nicht explizit sagt: Der Austritt von Astrid Glos ist zu verschmerzen – auch wenn die SPD künftig in jedem Ausschuss nur noch mit einem Mitglied vertreten sein wird. Diese zusätzliche Arbeit sei schmerzlos zu bewältigen, versichert Heisel. Zu keinem Zeitpunkt habe sie in Erwägung gezogen, einer anderen Fraktion beizutreten, betont Astrid Glos. Mit Uwe Hartmann von der Bayernpartei wird sie allerdings eine Ausschussgemeinschaft bilden. „Ich kann gut mit ihm“, sagt sie. In sozialen Themen sei man sich weitgehend einig. Wer in welchem Ausschuss vertreten ist, wollen die beiden noch vereinbaren. Sowohl im Verwaltungs- und Bauausschuss als auch im Finanz- und Kulturauschuss und im Bau- und Umweltausschuss haben Glos und Hartmann damit künftig Rede- und Stimmrecht.

„Ich gehe nicht im Bösen und werde auch nicht anklagen.“
Astrid Glos

Große Veränderungen für die Stadtpolitik erwartet OB Stefan Güntner deshalb nicht. Ihr Amt als Bürgermeisterin werde Astrid Glos selbstverständlich behalten. Das Vertreter-Team mit Glos und Manfred Freitag funktioniere sehr gut, es gebe keinen Grund, diesbezüglich etwas in Frage zu stellen, betont Güntner Die Plätze in den Ausschüssen würden in der nächsten Sitzung am 8. Juli neu verteilt. Ansonsten sei das eine SPD-interne Angelegenheit, die nach dem Willen der Beteiligten möglichst schnell abgehackt sein soll. „Ich gehe nicht im Bösen und werde auch nicht anklagen“, sagt Astrid Glos. Bis zum Ende dieser Legislaturperiode im April 2026 wolle sie sich mit ganzer Macht für ihre Themen engagieren. Ein neuer Ausländerbeirat schwebt ihr vor. „Ich habe noch fünf Jahre Zeit“, sagt Glos. Danach werde sie definitiv auf keiner Parteiliste mehr zu finden sein. „Dann ist Schluss“, sagt Glos. Mit 69 Jahren sei es an der Zeit abzudanken und Jüngeren die Chance zu geben, politische Erfahrungen zu sammeln. „Das ist mir ganz wichtig.“