Lebensrettender Ungehorsam
Autor: Diana Fuchs
Kitzingen, Donnerstag, 22. Februar 2018
Das ist er, der kleine Schlawiner von damals. Hätte Adolf Prechtlein den Befehl seiner Mutter nicht missachtet, hätte er die Bombardierung vor 73 Jahren nicht überlebt.
Das ist er also. Der kleine Schlawiner von damals, der eigentlich längst tot sein müsste. Hätte Adolf Prechtlein den Befehl seiner Mutter nicht missachtet, hätte er die Bombardierung Kitzingens heute vor genau 73 Jahren nicht überlebt.
Der Mann, der einem in der Rosenstraße in Rüdenhausen die Tür öffnet, ist groß, hat volles, weißes Haar und blitzende blaue Augen. Er lächelt und gibt einem mit festem Druck die Hand. „Schön, dass Sie sich für meine Geschichte interessieren“, sagt er. Drinnen im Esszimmer duftet es nach frisch gebrühtem Tee. Auf dem Tisch liegt ein kleines, querformatiges Fotoalbum bereit. Man sieht dem Einband an, dass er viele Jahrzehnte alt ist. „Meine Mutter hat das Büchlein Ende Februar 1945 aus den Trümmern unseres Hauses in der Alten Poststraße in Kitzingen gezogen. Und einen Karton voller Bilder auch noch dazu“, berichtet Adolf Prechtlein.
Der gebürtige Kitzinger hat die Fotos sorgsam beschriftet und ins Album geklebt. Es sind Schicksalszeugnisse, die viele Gefühle hervorrufen: Trauer, Freude, Staunen... „Wissen Sie“, sagt Prechtlein, während er das Buch aufschlägt. „Meine Mutter hat damals gesagt, ich hätte einen siebten Sinn gehabt.“
Kleine Punkte am Himmel
Adolf Prechtlein war ein kleiner Bub von sechseinhalb Jahren, als am 23. Februar 1945 am strahlend blauen Kitzinger Vorfrühlingshimmel plötzlich kleine, schwarze Punkte auftauchten und sich schnell näherten. Größer wurden. Sich in die Silhouetten von Flugzeugen verwandelten, in Bomber, die der Stadt den unheil- und schmerzvollsten Tag ihrer Geschichte brachten. 700 Menschen starben in den Trümmern der Stadt. „Wenn alles normal gelaufen wäre, wäre ich auch unter den Toten gewesen“, sagt Adolf Prechtlein.
Auf dem Weg ins Holz
Seine Mutter Babette und seine Schwester Helene, vier Jahre älter als das Nesthäkchen Adolf, hatten im Rathaus Holzlegescheine erworben. „Die brauchte man, um im Klosterforst Holz machen zu dürfen. Damals haben ja fast alle mit Holz geheizt“, erinnert sich der 79-Jährige. Mit einem Leiterwägelchen machten sich Mutter und Tochter also auf in den Klosterforst, während Klein-Adolf den mütterlichen Befehl erhalten hatte, bei einer alten Dame zu bleiben, die auf ihn aufpassen sollte.
Durchgegangen
„Ich bin der Frau aber durchgegangen“, erinnert sich Prechtlein. „Ich wollte auch mit ins Holz.“ Der Kleine schlich also hinter Mutter und Schwester her. An der Kreuzkapelle flog er allerdings auf. „Ich hab' rechts und links eine Backenschelle gekriegt. Und dann hat die Mutter gesagt: 'Von hier aus können wir ihn nicht mehr allein heimschicken, wir müssen ihn wohl mitnehmen.'“
So kam es, dass Familie Prechtlein – mit Ausnahme von Vater Martin, der als Kraftfahrer in der Flak-Kaserne arbeitete – gemeinsam im Klosterforst Holz sammelte, als das erste Bomben-Geschwader seine tödliche Fracht über der Stadt abwarf. „Der Himmel hat sich rot gefärbt. Wir haben die vielen, dumpfen Einschläge gehört und Flammen gesehen.“