Er hatte sie fast alle durch. An nahezu jeder Tankstelle in und um Kitzingen hat er immer die gleiche Masche angewandt. Der 28-jährige Kitzinger fuhr stets an die Zapfsäule, tankte und tat an der Kasse so, als entdecke er jetzt erst, dass er kein Bargeld dabei hatte. Er unterschrieb eine Einzugsermächtigung und eine Schuldanerkenntnis, dann zog er von dannen. Dass auf dem Konto kein Cent mehr lag, dieses inzwischen gesperrt war, entdeckten die geprellten Tankstellenbesitzer erst später.

Manche Tankstellen hatte er sogar zwei Mal besucht. Erkannt hat ihn das Personal nie. Bei einigen Tankstellen hatte er zusätzlich noch sein Handy mittels Direktaufladung aufgetankt. Auch diese Beträge zahlte er nie zurück.
Acht nahezu identische Anklagefälle listete das Gericht dem Angeklagten auf. Mehr als genug für einen Prozess. In diesem aber war das Sündenregister damit noch lange nicht ausgeschöpft. Die dreisteren Vergehen sollten erst noch kommen.

Mitte Juni des vergangenen Jahres, als der Angeklagte erneut in Geldnot war, versah er einen Überweisungsträger mit der von ihm gefälschten Unterschrift seiner angeblich besten Freundin und warf diesen bei einem Geldinstitut ein. Kurze Zeit später wanderte dann das Geld auf sein Konto. So gesellte sich der Tatbestand der Urkundenfälschung zu Diebstahl und Betrug.

Weiter ging es mit zwei Fällen, in dem technisches Geschick erforderlich war: Im September 2012 fiel dem jungen Mann plötzlich auf, dass der Fernseher nicht mehr lief. Nach mehrmaligen Forderungen hatte ihm der Energieversorger den Strom gekappt. Der Zeitarbeiter brach daher umgehend die Plombe am Sicherungskasten im Keller auf, öffnete den Stromkasten des Nachbarn und legte von diesem eine Stromleitung in seine Wohnung. Die Nachbarn wurden auf das Gaunerstück aufmerksam und beendeten den Spuk. Beim zweiten Vorfall dieser Art zog dann die Polizei den Stecker.

Krebserkrankung vorgetäuscht

Da es im Herbst aber in der Wohnung auch noch kälter wurde, ihm aber neben dem Strom auch das Gas abgestellt worden war, ging der Angeklagte erneut in den Keller, hebelte ein Vorhängeschloss auf und öffnete gewaltsam die Gasleitung. "Das hätte auch ins Auge gehen können", bemerkte Richter Betz dazu. "Nicht wenige Häuser sind auf diesem Weg bereits in die Luft geflogen".

Um nicht selbst aufzufliegen, griff der Angeklagte nun zu einem Schurkenstück, das ihm schon einmal zuvor Luft verschafft hatte. Im Mai 2012 hatte er sich einer Gerichtsverhandlung entzogen, indem er mit einem gefälschten ärztlichen Attest glauben machte, er habe ein Geschwür im Bauchraum. Im letzten Oktober dann fälschte er ein ärztliches Attest mit Praxisstempel und Unterschrift seines Hausarztes. Dieser bescheinigte ihm darin angeblich, aufgrund eines weit vorangeschrittenen Bauchspeicheldrüsenkrebses nicht vernehmungsfähig zu sein.
Die Polizei, die ihn inzwischen verhaften wollte, ließ sich davon in der Tat vom Zugriff abhalten. So hatte der inzwischen arbeitslose Kitzinger schlussendlich auch noch die Möglichkeit, in eine Kitzinger Apotheke einzubrechen, wo er Schmerzmittel und Bargeld mitgehen ließ. Wie sich herausstellte, war der junge Mann seit dem Tod der Mutter abhängig von Schmerzmitteln, die er offenbar in der Zeit ihrer Erkrankung mit ihr geschluckt hatte.

Er kann nicht mit Geld umgehen

Als dem Arbeitslosen ein Betreuer zur Seite gestellt und ein medizinisches Gutachten in Auftrag gegeben wurde, flog der ganze Schwindel auf. Der Mann wurde in Haft genommen, um den Gerichtsprozess endlich möglich zu machen. "Wir erleben hier aber nur die Spitze des Eisberges", ließ sein Verteidiger durchblicken. Eine einfache Rechenaufgabe, die er ihm in der Haft gestellt hatte, habe der Angeklagte seinem Verteidiger nicht beantworten können. "Er kann weder rechnen, noch mit Geld umgehen", urteilte der Verteidiger. "Er ist in unserer Gesellschaft eigentlich verloren."

Bis zu 23.000 Euro Schulden habe er inzwischen vor allem bei Versandhäusern aufgehäuft. Viele Forderungen seien aber noch nicht einmal gestellt. Seine Wohnung sei inzwischen geräumt worden.
"16 immer dreistere Taten im Zeitraum von zehn Monaten", zählte Richter Betz zusammen. "Wie wäre das weitergegangen?". Damit war die zentrale Frage gestellt. Der Angeklagte wollte in ein Betreutes Wohnen eingegliedert werden und eine Therapie machen. Das Gericht aber kann letzten Endes nur Recht sprechen. "Wir können keinen Lebensplan für den Angeklagten entwickeln", so der Richter. So schien es dann, als wäre die Strafe von 22 Monaten Haft für den Angeklagten ein Gewinn. Strom und Heizung hat er damit schon mal sicher.