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Hochzeit auf der Weltreise


Autor: Frank Weichhan

Kitzingen, Montag, 15. Februar 2016

Annika Wachter (29) und Roberto Gallegos Ricci (32) überwintern auf ihrer seit September 2011 dauernden Weltumradlung im mexikanischen Tijuana, wo Robertos Eltern wohnen.
Das Ja-Wort ist in Sichtweite: Für die Weltumradler Annika und Roberto sind die Sonnenuntergänge derzeit besonders romantisch – demnächst steht die Hochzeit an.


Annika Wachter (29) und Roberto Gallegos Ricci (32) überwintern auf ihrer seit September 2011 dauernden Weltumradlung im mexikanischen Tijuana, wo Robertos Eltern wohnen. In der Winterpause heißt es vor allem: Geld verdienen. Annika zum Beispiel ist nebenher Deutschlehrerin. Dazu kommen Präsentationen ihrer Abenteuer-Reise an Unis oder Schulen. Spätestens im April soll die letzte Etappe der Reise starten.

Frage: Sesshaft zu sein – was ist das für ein Gefühl?

Annika Wachter: Das Radeln und das ständige Draußensein vermissen wir sehr, aber es muss eben erst einmal das Geld für die Weiterreise aufgetrieben werden. Trotz harter Arbeit geht das schleppend. Wie es aussieht, werden wir hier vor Mitte April nicht wegkommen, was ziemlich blöd ist, da es dann in der Baja California – so heißt der Bundesstaat hier – knalleheiß ist. Um Tijuana herum gibt es viele Wüsten.

Bei unserem letzten Kontakt hattest Du eine Überraschung angekündigt – dann mal raus mit der Sprache!

Wachter: Wir haben uns verlobt – und werden hier im April heiraten! Allerdings ganz simpel, sonst zieht sich das Geldsparen noch weiter hin.

1#googleAds#100x100 Glückwunsch! Jetzt haut's wahrscheinlich gerade die Eltern in Kitzingen vom Stuhl . . .

Wachter: Viele, viele Umarmungen nach Kitzingen – auch von der Familie hier. Und keine Sorge: Wir holen die Hochzeitsfeier in Deutschland nach! Das ist das Schwierige an einer solchen internationalen Beziehung: Egal in welchem Land man ist, es fehlt eine Hälfte der Familie.

Welche Nachricht aus Deutschland hat Dich zuletzt überrascht?

Wachter: Ich bin Tante! Mein Bruder und seine Frau haben ein Töchterchen.

Wie sehen die nächsten Wochen aus?

Wachter: Ich gebe weiterhin Deutschunterricht. Morgens gehen wir eine Stunde zum Sport, damit die Muskeln nicht gänzlich verschwinden. Und immer wieder halten wir gratis Präsentationen an Schulen, Unis und öffentlichen Orten. Wir wollen Kinder und Jugendliche motivieren, ihre eigene Radreise zu starten, für ihre Träume zu kämpfen und niemandem zu glauben, der sagt: 'Das kannst du nicht!' oder 'Das schaffst du nie!' Außerdem sind wir auf der Suche nach Partnern, die Anzeigen in unseren Präsentationen, auf unserem Blog oder im Radreiseführer auf spanisch schalten wollen. Damit wollen wir die Weiterreise nach Deutschland finanzieren. Unsere Freizeit verbringen wir mit Robertos Familie und genießen die leckere Baja-Med Küche für die Tijuana weltbekannt ist: Fisch, Meeresfrüchte, Wein, Käse und Obst.

Wie viel Geld habt Ihr bisher auf der Reise ausgegeben?

Wachter: Schwer zu sagen. Anfangs waren es durchschnittlich 13 Euro pro Tag für uns beide, inklusive Essen, Trinken, Eintritte, Schlafen, Reparaturen, neue Ausrüstung oder Arztbesuch. In Australien, Neuseeland, Hawaii, Alaska, Kanada und Teilen der USA hat sich dieser Tagesdurchschnitt locker verdoppelt. Schwierig, da genau mitzuzählen. Das liegt zum Großteil an den weitaus höheren Lebenskosten dort, aber auch daran, dass wir uns nach all der Zeit unterwegs öfters mit etwas 'normalem' Leben belohnen. Ein Kinobesuch oder ein warmes Motelzimmer motivieren für einen langen Tag auf dem Rad.

Was vermisst Ihr?

Wachter: Definitiv das Leben draußen. So eine Winterpause tut gut, aber das ständige Draußen sein, das an regnerischen Tagen oft nervig war, ist jetzt genau, was ich vermisse. Hier in Tijuana läuft der Alltag fast komplett drinnen ab. Aber wir wollen sehen, dass wir an den Wochenenden zumindest mal im Park Frisbee spielen oder im Umland wandern gehen. Natürlich vermisse ich auch die Heimat und ich würde gerne meine kleine Nichte kennen lernen!

Wann trefft Ihr wieder in Kitzingen ein?

Wachter: Geplant war Herbst, momentan sieht es eher nach Dezember aus.

Die Zahl der geradelten Kilometer . . .

Wachter: . . . liegt bei 25 890.

Die Zahl der platten Reifen bisher . . .

Wachter: . . . lag bei gefühlt sieben Millionen. Wir haben komplett den Überblick verloren.

Wie viele Tage seid Ihr jetzt unterwegs?

Wachter: 1625.

Was hat sich bei Euch verändert?

Wachter: Seit Start 2011 haben wir uns zu extrem anpassungsfähigen Menschen entwickelt. Es kam vor, dass wir zum pompösen Mittagessen eingeladen wurden und dann die Nacht im Geräteschuppen einer netten Bauernfamilie verbracht haben. Außerdem haben wir viel übereinander und uns selbst gelernt und sind toleranter geworden. Für viereinhalb Jahre 24 Stunden am Tag zusammenzukleben und jede noch so kleine Entscheidung gemeinsam treffen zu müssen, kann Zunder sein oder die Beziehung stärken. Wir kennen einander nun in- und auswendig.

Tolle Erfahrungen. . .

Wachter: Wir haben gelernt, dass Erfahrungen am Ende wertvoller sind, als Dinge, denn Dinge können kaputt gehen, verloren gehen, gestohlen werden – Erfahrungen bleiben.