Das Ideal der Bibel wäre also: kein Töten von Tieren. Aber weil die Welt nicht ideal ist, darf Fleisch auf den Tisch?
Rosenberger: Es bringt nichts, ein Ideal mit aller Gewalt durchzusetzen. Vielmehr muss man versuchen, Schritte in die richtige Richtung zu gehen. Das heißt: Wir dürfen unter bestimmten Umständen Fleisch essen, aber sollten das Ideal in Erinnerung behalten. Im Christentum gab es nie eine Verpflichtung, vegetarisch zu leben. Die Kirche schätzt es, wenn Menschen das tun, es ist jedoch keine Pflicht. Durch die für alle verpflichtenden Abstinenzzeiten, wie Karfreitag oder die Fastenzeit, signalisiert sie aber, dass jeder seinen Fleischkonsum begrenzen sollte.
Viele religiöse Ernährungsregeln – im Judentum besonders – klingen aus unserer heutigen, rationalen Sicht ja sehr vernünftig. Was Hygienevorschriften angeht zum Beispiel.
Rosenberger: Bei der Kaschrut, den jüdischen Speisegesetzen, stimmt das zu einem guten Teil. Da gibt es durchaus sehr vernünftige Hintergründe, wie man zu diesen Regeln kam. Allerdings nur zum Teil. Die Tatsache zum Beispiel, dass keine Beutegreifer verzehrt werden dürfen, weder Greifvögel noch Landtiere, die andere Tiere fressen– das hat nicht unmittelbar mit Vernunftgründen zu tun. Da spielen Symbole eine starke Rolle. Man sieht den Beutegreifer als „Jagdkollegen“, und dem tut man nichts. Tiere, die wir als uns sehr nahe stehend und ähnlich erleben, essen wir nicht.
Kleine Zwischenfrage: Essen Sie Fleisch?
Rosenberger: Ja, aber sehr, sehr wenig. Zu Hause koche ich komplett vegetarisch. Und wenn es im Restaurant ein gutes vegetarisches Gericht gibt, wähle ich das. Wenn ich eingeladen bin und es wird mir Fleisch auf den Tisch gestellt, dann esse ich es – ganz entspannt.
Verzichten Sie bewusst, aus ethischen Gründen?
Rosenberger: Das spielt für mich eine große Rolle. Das ist sicher der wichtigste Grund.
Früher gab es sehr viele Fastentage, über das ganze Kirchenjahr verteilt. Aber die wurden gerne umgangen und das Hackfleisch wurde in der Maultasche versteckt. Ist die Fleischlust zu groß?
Rosenberger: Die Regeln der Fastenzeit wurden ja großteils im mediterranen Raum „erfunden“ und dann für das Christentum vorgeschrieben. Nördlich der Alpen bestand in der vormodernen Welt natürlich das Problem, dass man in den sehr harten Wintern kaum pflanzliche Nahrung zur Verfügung hat. Im Mittelmeerraum kann man auch im Winter ganz passabel auf Pflanzen zurückgreifen. Im Christentum nördlich der Alpen konnte man von den überlieferten Vorschriften vieles wirklich nur sehr schwer einhalten. Dort konnte man im Winter ohne Fleisch praktisch nicht überleben. Da hat man versucht, legale Wege zu finden.
Legale Tricks?
Rosenberger: Man hat Wege gebraucht, sich Eiweiß und Fette zuzuführen. Dazu hat gehört, dass der Fisch als Fastenspeise galt – aber erst seit dem elften Jahrhundert. Oder dass man viel Käse produziert hat. Die ganze Vielfalt unserer europäischen Käsesorten wäre ohne die Fastenvorschriften des Christentums gar nicht denkbar. Es gibt ja heute noch sowohl in Österreich als auch in Frankreich eine ganze Reihe Klöster, die Käse herstellen. Das hat mittelalterliche Wurzeln und entstand tatsächlich daraus, dass man irgendwie im Winter an seine Nährstoffe kommen musste. Und illegale Praktiken wie mit den Maultaschen – die sind normal, wenn man sich mit etwas schwertut. Dann sucht man Schlupflöcher und Tricks. Die Fastenzeit war vor 300, 400 Jahren für die Menschen eine wirklich harte Zeit.
Allen Statistiken nach gibt es vor allem Veganerinnen und Vegetarierinnen. Denken Frauen ethischer?
Rosenberger: Ich erkläre es mir so: Fleisch ist immer noch sehr stark eine Geschlechtsmarkierung. Der durchschnittliche deutsche Mann isst doppelt so viel Fleisch wie die durchschnittliche deutsche Frau, und das seit Jahrzehnten. Und nicht nur in Deutschland, sondern in fast allen Industrieländern, obwohl der Durchschnittsmann seit Jahrzehnten auch nicht härter arbeitet als die Frauen.
Dann mal mit Ihrem Buchtitel gefragt: Wie viel Tier darf?s sein?
Rosenberger: Wenn man fragt, wie viel ist das richtige Maß – aus den gesundheitlichen, den ökologischen, den tierethischen Gesichtspunkten heraus, würde ich sagen: etwa ein Viertel des momentanen Fleischverbrauchs in Deutschland. Also etwa 15 Kilogramm pro Person und Jahr. Dann kommt es natürlich darauf an, dass ich für diese 15 Kilo nicht wesentlich weniger Geld ausgebe als jetzt für die 60 Kilo. Ich würde also das Drei- oder Vierfache für das Fleisch zahlen. Und der Bauer könnte dafür den Tieren, die er dann noch hält, ein entsprechend gutes Leben bieten. Ohne importierte Futtermittel aus der Regenwaldzone, ohne künstliches Kraftfutter, sondern mit Gras und Heu. Gute Haltung bedeutet bessere Fleischqualität, bedeutet mehr Genuss.
Die Menge begründet sich also aus der Tierhaltung?
Rosenberger: Aus der Tierhaltung, aber auch aus den ökologischen Aspekten. Momentan verfüttern wir von den Ackerpflanzen wie Mais oder Soja, die der Mensch auch essen könnte, fast die Hälfte an Tiere. Das ist einfach indiskutabel in einer Welt, in der eine knappe Milliarde Menschen immer noch hungert. Das können wir nicht verantworten. Aber wenn Sie Ernährungswissenschaftler fragen, hören Sie diese Zahl auch: 15 Kilo Fleisch im Jahr, das wäre ideal für die Gesundheit des Menschen, da wäre man mit Fetten und Eiweißen optimal versorgt.
Nur noch ein Viertel Fleisch – klingt ehrgeizig.
Rosenberger: Man wird nicht innerhalb von drei Wochen auf 15 Kilogramm herunterkommen. Aber es ist wichtig, dass man damit beginnt. Mit ein oder zwei fleischfreien Tagen in der Woche zum Beispiel. Und man kann statt Billigfleisch höherwertiges Fleisch aus besserer Tierhaltung kaufen, zum Beispiel aus ökologischer Tierhaltung oder von einem lokalen Bauern. Man kann auch probieren, in der Fastenzeit ganz auf Fleisch zu verzichten.
Sind Veganer aus ethischer Sicht die besseren Menschen?
Rosenberger: Nur weil man sich vegan ernährt, ist man noch nicht im grünen Bereich. Man muss genauso schauen, was man konsumiert und woher die Nahrung kommt. Soja aus Übersee, womöglich noch von eigens gerodeten Flächen, hat vielleicht eine schlechtere Bilanz als das Fleisch vom Biobauern in der Nachbarschaft.
Also dann: Was kommt bei Ihnen an Weihnachten auf den Tisch?
Rosenberger: Bei mir selber etwas Vegetarisches. Ich bin da unkonventionell und pflege keine Traditionen mehr.
Der Theologe und Buchtipps
Michael Rosenberger, 1962 in Würzburg geboren und in Kitzingen aufgewachsen, ist Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie an der Katholischen Privatuniversität Linz. Der Priester der Diözese Würzburg ist seit 2004 Mitglied der Gentechnik-Kommission beim österreichischen Bundesministerium für Gesundheit und Vorsitzender der Arbeitsgruppe zur Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung. Rosenberger beschäftigt sich mit Schöpfungsethik und Spiritualität und untersucht Grundeinstellungen und Haltungen wie Demut, Ehrfurcht, Empathie und Verzichtbereitschaft auf ihr spezifisch religiöses Potenzial hin. Mediale Aufmerksamkeit hat in Österreich vor einigen Jahren seine Stellungnahme gefunden, der Einsatz von Schneekanonen könne unter bestimmten Umständen auch „sündhaft“ sein. • „Wie viel Tier darf?s sein? Die Frage ethisch korrekter Ernährung aus christlicher Sicht“. Echter Verlag Würzburg 2016, 160 Seiten, 14,90 €
• „Der Traum vom Frieden zwischen Mensch und Tier“, Kösel Verlag München 2015, 240 Seiten, 17,99 € • „Im Brot der Erde den Himmel schmecken: Ethik und Spiritualität der Ernährung“, Oekom Verlag München 2014, 443 Seiten, 34,95 €