Druckartikel: Ein Bikini-Höschen und der resolute Bademeister

Ein Bikini-Höschen und der resolute Bademeister


Autor: Dagmar Ungerer-Brams

Kitzingen, Freitag, 07. August 2015

Für viele Kitzinger hieß das Urlaubsziel einst Mondseeinsel. 1955 wurde das Kitzinger Freibad eröffnet. Viele erinnern sich - an die Ami-Wiese, legendäre Sprünge und etliche nette Anekdötchen.
Blick ins Familienalbum: Als junge Mutter besuchte Ingrid Rüth (rechts) mit ihrer Tochter Daniela gerne das Kitzinger Freibad. Das Foto entstand Anfang der 60er Jahre.


Vor 60 Jahren wurde das Kitzinger Freibad eröffnet. Zahllose Besucher waren seitdem Gast auf der Mondseeinsel, um sich an heißen Sommertagen Abkühlung zu verschaffen. Ganze Generationen von Schülern verbrachten dort ihre Sommerferien. Manch einer erinnert sich noch an seinen ersten Sprung vom Zehn-Meter-Turm. Oder an die ersten Schwimmzüge mit dem stolzen Vater im Schlepptau. Anlässlich des runden Geburtstages haben prominente und weniger prominente Stadt- und Landkreisbewohner ihre Erinnerungen an das Kitzinger Freibad erzählt.

Für die 78-jährige Ingrid Rüth ist das Kitzinger Freibad fast so etwas wie ein zweites Zuhause. Wenn die Witterung es zulässt, geht sie in den Sommermonaten jeden Tag zum Schwimmen – und das nun schon seit 60 Jahren. „Als junge Mutter bin ich jeden Morgen um 9 Uhr mit dem Fahrrad zur Mondseeinsel gefahren“, erzählt sie. „Vorne im Kinderkörbchen saß meine kleine Tochter, hinten die Nichte und rechts und links hing eine Tasche.“ Bis in die Nachmittagsstunden hinein war sie mit den Kindern im Schwimmbad, solange, bis der Ehemann von der Arbeit nach Hause kam.

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Amüsiert erinnert sich die Kitzingerin noch an eine kleine Episode aus jenen Jahren. „Auf der Mondseeinsel standen damals drei kleine Birkenbäume“, berichtet sie. Zum Trocknen hängte sie das Bikini-Höschen ihrer kleinen Tochter – das sie übrigens selbst genäht hatte – an einen Ast auf. Dem damaligen Bademeister Slani, der als sehr ordnungsliebend galt, gefiel das gar nicht. „Nehmen Sie sofort das Höschen weg! Da bricht der Ast ab“, rief er die junge Mutter zur Räson. Noch heute muss die 78-Jährige darüber schmunzeln.

„Wir sind in der Sonne gelegen, haben Fußball gespielt und uns mit unseren Freundinnen getroffen.“
Alt-Oberbürgermeister Bernd Moser erinnert sich

Mit Bekannten hat Ingrid Rüth im Kitzinger Freibad viele schöne Stunden verbracht. „Wir waren eine Gruppe von zehn bis zwölf Frauen und ein paar Männer, die sich dort jahrelang getroffen haben“, erzählt sie. Die muntere Truppe hatte ihren Stammplatz auf zwei Sitzbänken und war im Schwimmbad bekannt. Jedes Jahr wurde ein Foto gemacht. „Da konnte man sehen, wer einen neuen Badeanzug anhatte und wer nicht“, meint die rüstige alte Dame augenzwinkernd.

Aus Altersgründen können zwar nicht mehr alle regelmäßig zum Schwimmen kommen, aber noch immer trifft sich die „Schwimmbad-Clique“ nach Ende der Badesaison einmal im Monat zum Kaffee.

Auch Oberbürgermeister Siegfried Müller war in seiner Kindheit und Jugend ein fleißiger Schwimmbadgänger. Wenn das Wetter schön war, ist er jeden Tag nach der Schule ins Freibad. Zur Stärkung gab?s von der Mutter ein paar belegte Brote, „meist mit Schweinefett bestrichen“. „Wir haben bis zur Erschöpfung Fußball gespielt. Danach ging?s zur Abkühlung ins Wasser, bis die Lippen blau waren. Zum Aufwärmen haben wir uns dann auf die Steinplatten gelegt, die von der Sonne schön warm waren“, erzählt das Stadtoberhaupt.

Noch gut erinnert sich Müller an die waghalsigen Sprünge der amerikanischen Soldaten, die sich vom Zehn-Meter-Turm ins Becken stürzten. Für die GIs, die bis 2006 in Kitzingen stationiert waren, war das Freibad ein beliebter Treffpunkt. „Ami-Wiese“ wurde der Bereich hinter dem Sprungturm von den Kitzingern genannt, weil sich die Amerikaner dort besonders gerne aufhielten.

Auch Walter Vierrether machte dort des öfteren seine Runde. „Please, have you a botttle for me?“, haben er und die anderen Kinder die Soldaten gefragt. „Bitte, hast du eine Flasche für mich?“ Wurden die leeren Cola- und Bierflaschen zurückgebracht, gab?s „zehn oder zwanzig Pfennig“ Pfandgeld. „Davon konnten wir uns dann ein Eis kaufen“, so der Kitzinger Touristchef.

Einer der US-Soldaten, die regelmäßig die Mondseeinsel ansteuerten, war Ron Burgess. 1972 kam er als junger GI nach Kitzingen. Inzwischen hat er eine deutsche Frau geheiratet und lebt mit seiner Familie in Kaltensondheim. „Wir waren damals eine Clique von Amerikanern und Deutschen. Im Sommer sind wir oft ins Freibad“, berichtet der 63-Jährige. „Eine schöne Zeit“ sei das damals gewesen. Besonders im Gedächtnis geblieben ist ihm sein erster und einziger Sprung vom Zehn-Meter-Turm: „Meine Kameraden sind damals alle gesprungen. Da konnte ich schlecht kneifen.“

Nicht nur die waghalsigen GIs sind verschwunden. Auch das Aussehen des Freibads hat sich im Laufe der Zeit verändert. „In den 60er Jahren standen im nördlichen Teil der Mondseeinsel noch Heuböcke“, erinnert sich Walter Vierrether. Gemeinsam mit Freunden und Geschwistern spielte er dort Fußball – oder es wurden Feten gefeiert. Die Musik lieferte ein mitgebrachter Plattenspieler, der an eine Autobatterie angeschlossen wurde. Besonders stolz war der Touristchef damals auf seine lange Badehose, die bis zu den Knien reichte: „Ende der 60er, Anfang der 70er war das der letzte Schrei.“

Auch Dieter Mengler war in seiner Jugend oft und gerne im Kitzinger Freibad. Dafür schwänzten er und seine Schulkameraden auch schon mal den freiwilligen Englischkurs am Nachmittag: „Wenn wir über die Brücke gelaufen sind und die Badegäste gesehen haben, waren wir mit dem Englischkurs schnell fertig“, scherzt der 71-Jährige. Seine Frau Hildegard musste dagegen auf Badefreuden verzichten: „Auf dem Land durften junge Mädchen früher nicht alleine ins Schwimmbad“, weiß die Rödelseeerin noch. „Ich glaube, wir hatten nicht einmal einen Badeanzug.“

Karlheinz Frei hatte da mehr Glück. „Früher sind die Leute noch nicht so weggefahren wie heute. Da war die Mondseeinsel unser Urlaub“, erinnert sich der 45-Jährige. Sehr familiär sei es damals dort zugegangen, vor allem im Schwimmbad-Restaurant. „Die Pächter wussten, dass wir unsere Flaschen wieder bringen. Deshalb mussten wir auch kein Pfand bezahlen.“ Nur einmal war der Schwimmbadbesuch für den Kitzinger wenig erfreulich, als sein nagelneues Fahrrad gestohlen wurde. Das war ärgerlich, hielt ihn jedoch nicht davon ab, weiterhin ins Bad zu gehen.

Alt-OB Bernd Moser hat dagegen nur positive Erinnerungen. „Wir sind in der Sonne gelegen, haben Fußball gespielt und uns mit unseren Freundinnen dort getroffen“, erzählt er. Das Freibad sei damals ein „sozialer Treffpunkt“ gewesen, der Menschen unterschiedlichsten Alters zusammengebracht habe: „Kinder, Erwachsene und Jugendliche haben zusammen Fußball gespielt. Das war ganz selbstverständlich.“ Ab und zu machte der spätere Gymnasiallehrer sogar seine Hausaufgaben auf der Mondseeinsel – aber nur, „wenn?s nicht allzu schwierig war“.