Würzburg
Fachwissen

Die Experten der heilenden Stoffe

Damit Medizin wirklich hilft, gibt es die Arzneimittelinformation der Uni-Apotheke. Sie beantwortete in zehn Jahren über 3000 Anfragen - und informiert Apotheker vor Ort.
Die vier Experten der Arzneimittel-Informationsstelle diskutieren über eine knifflige Anfrage: Tobias Egger, Johann Schurz, Wilhelm Brodschelm und Tim Göbel.  Foto: Pat Christ
Die vier Experten der Arzneimittel-Informationsstelle diskutieren über eine knifflige Anfrage: Tobias Egger, Johann Schurz, Wilhelm Brodschelm und Tim Göbel. Foto: Pat Christ
Wer zu lax mit Arzneimitteln umgeht, kann durch die Medizin kranker werden als zuvor. Darum lesen viele Menschen den Beipackzettel ganz genau durch. "Oft verstehen sie die Informationen jedoch nicht", sagt Dr. Johann Schurz von der Würzburger Universitätsapotheke. In diesem Fall wird der Apotheker um Rat gefragt. Weiß der nicht weiter, kann er sich an die von Schurz geleitete Arzneimittel-Informationsstelle wenden, die vor zehn Jahren in der Uni-Apotheke etabliert wurde.

Nebenwirkungen zu vermeiden, die auch nach Absetzen der Arznei nicht reversibel sind, ist Ziel jeder ärztlichen Verordnung. Dabei haben es Ärzte mit einer komplizierten Materie zu tun. Welches Medikament darf auch in der Schwangerschaft gegeben werden? Welche Wechselwirkungen können bei verschiedenen Arzneien auftreten? Was muss bei einer zusätzlichen organischen Erkrankung beachtet werden? Johann Schurz und seine Kollegen Dr. Wilhelm Brodschelm, Dr. Tobias Egger und Dr.
Tim Göbel beantworteten seit 2003 rund 3830 Anfragen bayerischer Apotheker zu diesen und vielen weiteren Themen. In jedem zweiten Fall wurde eine Patientenanfrage direkt weitergeleitet.

Die Negativlisten der Krankenkassen, die Arzneimittel mit nicht ausreichend belegter Wirtschaftlichkeit enthalten, sind für die Analysen der Uni-Apotheker nicht relevant. "Wir suchen in Primär- und Sekundärquellen", erläutert Brodschelm. In erster Linie werden Fachzeitschriften und Datenbanken, über die Apotheker normalerweise nicht verfügen, zur Infosuche herangezogen.

Die von Brodschelm benutzten Datenbanksysteme kosten eine hübsche Stange. Zu den teuersten gehört "Drugdex", mit 1800 Arzneistoffmonographien eine der größten pharmakologischen Volltextdatenbanken der Welt. Um eine Anfrage zu beantworten, wird oft eineinhalb bis zwei Stunden lang recherchiert. Die meisten Anfragen können innerhalb eines Zeitraums von bis zu drei Tagen beantwortet werden.

Kaum ein Arzt negiert heute noch, dass "Pflanzliches" wirkt, und auch Patienten haben einen starken Hang zu Phytotherapeutika. Pflanzenextrakte gelten als harmlos. Das sind sie jedoch keineswegs, warnt Brodschelm: "Sie können etliche Inhaltsstoffe haben, wobei deren genaue Zusammensetzung meist nicht bekannt ist."
So kann auch nicht rezeptpflichtiges "Pflanzliches" allergische Reaktionen oder andere toxisch und pharmakologisch ungewollte Effekte auslösen. Aus diesem Grund muss zum Beispiel genau abgewogen werden, ob und unter welchen Bedingungen - so eine Anfrage aus der jüngsten Zeit - ein nicht insulinpflichtiger Typ-2-Diabetiker von den derzeit populären Zimtextrakt-Kapseln profitiert.

Viel Zeit wenden die Uni-Apotheker für die Studentenausbildung auf. Über 700 angehenden Apothekerinnen und Apothekern brachten sie seit Bestehen der Informationsstelle bei, wie man Informationen zu Medikamenten in Büchern, Magazinen und im Internet wissenschaftlich fundiert recherchiert.

Auch die kompetente Interpretation der Daten sowie die Weitergabe und Dokumentation der gewonnen Informationen sind Teil der Ausbildung. "Geübt wird anhand tatsächlich eingegangener, von uns ausgewählter Anfragen", erläutert Tim Göbel. Eine kürzlich an die Studierenden gerichtete Frage lautete zum Beispiel, ob ein bestimmtes Medikament zur Verhütung von Thrombosen in der Schwangerschaft eingesetzt werden darf.
Das Engagement der Uni-Apotheker optimiert die Beratung in den Apotheken vor Ort. Ihr Wissen geben die vier Arzneimittelexperten der Uni außerdem bei Vorträgen und Seminaren zur Fortbildung von Apothekern weiter. Besonders interessante Anfragen werden für die Rundschreiben der Apothekenkammer zusammengestellt, so dass möglichst viele Kollegen von den recherchierten Ergebnissen profitieren. Auch in der Fachpresse werden Rechercheresultate veröffentlicht. Die Zufriedenheit mit ihrer Arbeit ist groß, ergab eine Befragung anlässlich des zehnjährigen Bestehens. In 97 Prozent der Fälle lieferte das Team um Schurz eine für die Praxis nützliche Antwort.

Arzneimittelinformation:

Die Apotheke des Würzburger Universitätsklinikums ist seit zehn Jahren eine von drei Arzneimittelinformationsstellen der Bayerischen Landesapothekerkammer. Über alle bayerischen Apotheken werden Anfragen von Apothekern, Ärzten und Patienten mit Hilfe medizinisch-wissenschaftlicher Datenbanken auf der Grundlage validierter Informationen nach höchstmöglichen Qualitätskriterien beantwortet. Neben der Würzburger Einrichtung existieren auch Arzneimittelinformationsstellen an den Kliniken der Universitäten Regensburg und Erlangen.