Alles ist wie immer. Fast alles. Auf dem Boden steht griffbereit der Roller, mit dem Engelbert Scherer so oft durch die Fahrzeughalle düst. An der Wand hängt das Bild lachender Feuerwehrdamen, die ihren freundlich grinsenden Kommandanten in die Mitte genommen haben. "Ein Chef zum Verlieben" steht über dem Foto. Auf dem Schreibtisch türmen sich Briefe, Zettel, Ordner. Und das Telefon im Büro des Kitzinger Feuerwehrhauses klingelt ständig. Alles wie eh und je.

Scherer lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. "Eins nach dem anderen", sagt er, während er den Hörer abhebt. Beim Telefonieren massieren die Finger seiner rechten Hand einander gegenseitig.

"In den Fingerspitzen bitzelt's manchmal noch ein bisschen", sagt er, nachdem er aufgelegt hat. Aus dem Schlaganfall, der ihn vor gut einem Jahr überraschend getroffen hat, macht der 56-Jährige keinen Hehl.
"Warum sollte ich das verheimlichen?", fragt er. "Das wäre doch Quatsch. So kann es jedem gehen."

Nie etwas Auffälliges

Er hat sein Schicksal nicht herausgefordert. Scherer raucht nicht, hat kein Übergewicht, trinkt nur maßvoll Alkohol und gehört auch sonst keiner Risikogruppe an. Im Gegenteil: Regelmäßige Blutspenden und ärztliche Untersuchungen sind für den Stadtbrandinspektor und Kreisbrandmeister selbstverständlich. "Da ist nie was Auffälliges gewesen."

Warum sich ein Blutgerinsel gebildet hat, ausgerechnet in den Morgenstunden des 1. Januar 2012, kurz nach dem alle einander Glück und Gesundheit gewünscht haben?

"Ganz sicher kann das niemand wissen", meint Scherer - und schon wieder unterbricht ihn das Läuten des Telefons. War es vielleicht der Stress?

Der gelernte Elektriker, der früher bei Fehrer gearbeitet hat, antwortet auf diese Frage weder mit Ja noch mit Nein. Aber eins stellt er klar: "Als verantwortlicher Feuerwehrmann bist du ständig in Alarmbereitschaft. Richtig abschalten kannst du da nicht - das Funkgerät ist immer an." In Zukunft jedoch will "Florian Kitzingen Stadt 1" - so sein FFW-Ruf - nicht mehr fortwährend auf Empfang sein: Am 23. März, bei der Hauptversammlung der Wehr, wird er seine aktiven Führungsaufgaben in andere Hände legen. "Ich muss mich selbst bremsen."

Ihm geht es gut, keine Frage. Mit festem Willen, "einer starken Familie, meiner tollen Frau Emmi und super Kollegen" hat er es geschafft, Sprache und Motorik quasi vollständig wiederherzustellen. "Manchmal vergesse ich noch Sachen. Und bei Tätigkeiten mit der rechten Hand tue ich mir schwerer als mit links. Wenn ich ganz ehrlich bin, fühle ich mich immer noch zehn Jahre älter als vor dem Schlaganfall. Doch ich kämpfe dagegen an."

Nicht schleifen lassen

Dranbleiben, ist Scherers Motto. Sowohl in der Feuerwehr, wo er es beim Personal, dessen Ausbildung und der Fahrzeugtechnik nie schleifen ließ, als auch privat: Ergo- als auch Physiotherapie führt er fleißig fort. Außerdem spricht er seinen Trainingsplan mit einer Neuropsychologin ab. Und er nimmt ein Medikament zur Blutverdünnung, damit sich nicht nochmal ein Blutstau bildet. "Ich tue, was ich kann. Aber ein Restrisiko bleibt im Leben immer. Es sei denn, man setzt sich daheim auf die Couch und spielt nur noch Halma." Nach kurzer Pause fügt er hinzu: "Und selbst dann kann was passieren."

Dabei sein ist die beste Therapie

Am Faschingsdienstag vor einem Jahr kam er von der Reha zurück - und war gleich am nächsten Abend bei der Mainstockheimer Feuerwehrversammlung dabei. "Das war für mich die beste Therapie: Hingehen und rausfinden, wo ich noch Schwächen habe." Seither trägt Scherer ein kleines, rot-schwarzes Notizbüchlein in der Tasche - "zur Sicherheit, damit alle wichtigen Namen präsent sind".

Scherer ist Feuerwehrmann durch und durch. Seit er als Jugendlicher zur FFW Kitzingen kam, hat er zahlreiche Ehrenämter dort ausgefüllt und die Wehr entscheidend geprägt. Er hat die Jugendarbeit aus- und eine kameradschaftliche Zusammenarbeit mit THW und Rotem Kreuz aufgebaut. In Absprache mit den Ärzten hat er sich nun aber dazu entschlossen, seine Aktivitäten zu begrenzen - vorwiegend auf den Innendienst, etwa als Gerätewart oder Elektroprüfer. "Auch um den vorbeugenden Brandschutz und um organisatorische Aufgaben kümmere ich mich weiter, außerdem bleibe ich Schiedsrichter bei Leistungsprüfungen."

Für die Stelle des Kommandanten kandidieren drei FFW-Männer, darunter Scherers Stellvertreter Markus Ungerer - "wir haben ein super Vertrauensverhältnis". Scherer wird seinem Nachfolger eine gut aufgestellte Wehr übergeben. Lediglich die "Bürokratisierung der Vereine durch den Gesetzgeber" macht ihm Kopfzerbrechen. Doch er weiß, dass der beste Kommandant an EU-Vorgaben - zum Beispiel zu Versicherungen oder Vereinsfesten - nichts ändern kann.

Leicht fällt ihm das Kürzertreten nicht. Scherer sagt: "Wenn man mal vom Feuerwehr-Virus befallen ist, kriegt man es nie mehr los. Das ist halt was anderes als ein normaler Beruf." Wenn es hart auf hart kommt, wird sich "Florian Kitzingen Stadt 1" also auch künftig nicht taub stellen.