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Der Tod kam mit dem grauen Bus


Autor: Siegfried Sebelka

Kitzingen, Montag, 26. Sept. 2016

Ausstellungen des Fördervereins ehemalige Synagoge sind selten leichte Kost. Das gilt auch für „erfasst, verfolgt, vernichtet“ - demnächst in der Rathaushalle.
Das Organisationsteam vom Förderverein Alte Synagoge, der Lebenshilfe und dem Armin-Knab-Gymnasium bei der Vorbereitung der Ausstellung „erfasst, verfolgt vernichtet“. Im Bild von links: Doris Frank und Margret Löther vom Förderverein, Claudia Oerter-Roß vom AKG sowie Manfred Markert und Johann Bittner von der Lebenshilfe und (hinten von links) Margrit Endreß und Werner Kappelmann vom Förderverein.


Die Ausstellungen des Fördervereins ehemalige Synagoge sind selten leichte Kost. Im Herbst 2016 geht es nicht um das Auslöschen der Juden in der Stadt, deren Kultur und Geschichte der Verein bekannt machen will. Der Titel der Ausstellung „erfasst, verfolgt, vernichtet“ über den Umgang des Nazi-Regimes mit Behinderten zeigt aber, dass sich der Verein erneut schwere Kost vorgenommen hat.

Lebenshilfe und AKG

Für die Präsentation der Wanderausstellung der Gesellschaft mit dem etwas sperrigen Namen „Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN)“ hat sich der Förderverein die Lebenshilfe und das Armin-Knab-Gymnasium (AKG) mit ins Boot geholt.

Blick in die Zukunft

Der Hintergrund: Nicht nur die Grausamkeiten des Nazi-Regimes sollen zu sehen sein. Man will bewusst die heutige Situation der Menschen mit Behinderungen zeigen, zu der die Lebenshilfe mit ihren Wohn- und Bildungsangeboten seit über 60 Jahren entscheidend beiträgt. Dazu kommt am Beispiel des AKG-Projekts „Mission Gemeinschaft“ ein hoffnungsvoller Blick in die Zukunft.

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Ganz nahe dran

Die Organisatoren greifen in der Rasthaushalle ein Thema auf, das weit weg scheint, es aber nicht ist. Das machte Manfred Markert von der Lebenshilfe deutlich. „In einem unserer Wohnheime lebt mit Josef ein 80-Jähriger, der die NS-Zeit nur mit viel Glück in einem kleinen Dorf im Steigerwald überlebt hat.“ Was zeigt, dass die Fördervereinsvorsitzende Margret Löther Recht hat, wenn sie sagt: „Was die Ausstellung zeigt, hat es auch hier gegeben.“

200000 Tote

So viel Glück wie Josef hatten viele Menschen in den 30er- und 40er Jahren nicht. Ein paar Zahlen aus der Ausstellung zeigen die Dimensionen: Bis zu 400 000 Menschen sind zwischen 1933 und 1945 zwangssterilisiert, mehr als 200 000 ermordet worden.

Was dahinter steckt, zeigt die Ausstellung in fünf Kapiteln. Dabei wird deutlich, was die Presseinformation so beschreibt: Bei der Selektion der Patienten wurde der vermeintliche Wert des Menschen zum leitenden Gesichtspunkt. Ärzte, Pflegende und Funktionäre urteilten nach Maßgabe von Heilbarkeit, Bildungsfähigkeit oder Arbeitsfähigkeit über die ihnen Anvertrauten. Dabei fand die Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung auffälliger, störender und kranker Menschen innerhalb des damaligen Anstalts- und Krankenhauswesens statt.

Mehr Informationen Das gilt auch in und um Kitzingen. Wie Löther sagte, liefere die Ausstellung selbst dafür zwar keine Belege. Klar sei aber, dass der gefürchtete graue Bus auch Menschen aus dem Landkreis Kitzingen direkt in die Tötungsanstalten brachte. Mehr Informationen gibt es bei der Ausstellungseröffnung (21. Oktober, 19.30 Uhr), wenn unter anderem der Würzburger Professor Dr. Jürgen Deckert ins Thema einführen wird.

Mit dabei ist die Lebenshilfe und das AKG. Dort gibt es ein Projekt-Seminar Inklusion und engen Kontakt St. Martin-Schule. Die Schüler von Claudia Oerter-Roß und ihrem Kollegen Christian Gabold werden vorstellen, wie das Zusammenleben von Behinderten und Nichtbehinderten heute funktionieren kann.

Synagoge ist eine Baustelle Dass die Ausstellung wegen der Baustelle (Brandschutz in der Alten Synagoge) in der Rathaushalle stattfindet, muss kein Nachteil sein. Die richtet sich nach eigenem Verständnis gezielt an ein breites Publikum. Das könnte in der Fußgängerzone leichter zu erreichen sein, als in der etwas abseits gelegenen Synagoge. Zwei weitere Ausstellungen

Noch mal zur schweren Kost: 2017 hat sich der Förderverein in Zusammenarbeit mit dem Landkreis (Kulturzeichen zum Thema Wasser) und dem Fastnachtmuseum (Narrischkajten – Fastnacht und Judentum) zwei Themen vorgenommen, die leichter verdaulich sein werden, versprach zumindest die Vorsitzende Margret Löther.

erfasst, verfolgt, vernichtet – Ausstellung im Rathaus

DGPPN: Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) ist eine medizinische Fachgesellschaft. Sie wurde 1842 gegründet und zählt mehr als 8500 Mitglieder.

Ausstellung: Die Ausstellung wurde im Januar 2014 im Bundestag eröffnet, steht unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Joachim Gauck und war in Parlamenten, Gedenkstätten, Kongressen oder Kliniken präsentiert worden. Zuletzt war sie in Bremen und Bochum zu sehen, nach Kitzingen ist Kapstadt (Südafrika) dran.

Inhalt: Leitlinie ist die Frage nach dem Wert des Lebens. Die Ausstellung fasst das Geschehen von Ausgrenzung und Zwangssterilisationen bis hin zur Massenvernichtung zusammen. Sie beschäftigt sich mit Opfern, Tätern, Tatbeteiligten und Opponenten und fragt nach der Auseinandersetzung mit dem Thema nach 1945.

Rahmenprogramm: Am 29. Oktober wird im Casablanca in Ochsenfurt um 17 Uhr der Film „Nebel im August“ gezeigt. Die Finnissage findet am 6. November um 11 Uhr in der Rathaushalle statt. Öffnungszeiten: Vom 17. Oktober bis 6. November, von 10 bis 17 Uhr. Eintritt ist frei.