Das kriminelle Netzwerk soll systematisch Kraftstofflieferungen manipuliert haben. Laut Anklage wurden die Warntafeln an den Tanklastwagen geändert, um den Kunden die Qualität des Kraftstoffs vorzutäuschen. Der nicht der Norm entsprechende Kraftstoff wurde an firmeneigenen Tankstellen verkauft oder direkt an Großkunden geliefert. Schäden an Fahrzeugen, die durch den minderwertigen Kraftstoff entstanden sind, wurden laut Anklage häufig durch Versicherungen beglichen, während der Händler weiterhin unversteuerten Kraftstoff einkaufte, so das Landgericht Hof weiter.
Steuerbetrug mit Schmieröl in Oberfranken
In unserer vorangegangenen Berichterstattung aus den Jahren 2024 und 2025 war noch davon die Rede gewesen, dass ein Unternehmen aus Oberfranken im Verdacht stehe, steuerfreies Schmieröl aus Osteuropa zu Dieselkraftstoff umdeklariert und damit einen Steuerbetrug in Millionenhöhe begangen zu haben. Seit Anfang 2023 sollen bis zu 16 Tanklaster mit Schmieröl an das Unternehmen geliefert worden sein, das anschließend unter falscher Deklaration an Empfänger im gesamten Bundesgebiet verkauft wurde, hieß es damals. Der Unternehmer soll den unversteuerten Kraftstoff zudem über firmeneigene Tankstellen im Raum Hof und Vogtlandkreis verkauft haben. Laut Zoll und Staatsanwaltschaft sei der Kraftstoff technisch geeignet gewesen, Dieselmotoren zu betreiben. Der geschätzte Steuerschaden beläuft sich auf mindestens 18 Millionen Euro, zusätzlich sollen 3,6 Millionen Euro Umsatzsteuer hinterzogen worden sein, wurde damals mitgeteilt.
Eine großangelegte Razzia in vier Bundesländern führte dazu, dass am 14. November 2024 Wohn- und Geschäftsräume an 32 Standorten, darunter Berlin, Hamburg, Saarbrücken, Amberg und Hof, durchsucht wurden. Rund 230 Fahnder stellten Geschäftsunterlagen, digitale Datenträger, 30.000 Euro Bargeld und 12.500 Euro Falschgeld sicher. Außerdem wurden zahlreiche Fahrzeuge, darunter Tanklastwagen und Autos, beschlagnahmt, um den möglichen Steuerschaden abzusichern. Insgesamt sollen nach Angaben der Behörden rund 37 Millionen Liter Kraftstoff über diese Masche verkauft worden sein – das entspricht etwa 1.230 Tanklastern mit durchschnittlich 30.000 Litern Befüllung.
Kuriose Randnotiz: Einer der Verdächtigen soll während eines Fluges vom Zugriff erfahren und versucht haben, belastende Dokumente zu vernichten. Laut Zoll und Staatsanwaltschaft wollte der Verdächtige Aufzeichnungen über die Bordtoilette, den Mülleimer der Bordküche und die Taschen umliegender Sitze verschwinden lassen. Nach der Landung in Frankfurt am Main sicherten Zollfahnder die entsprechenden Beweismittel und führten den Verdächtigen ab.
Herausforderungen des Mammutverfahrens
Die Europäische Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass noch weitere Personen in den Fall verwickelt sind. Einige Beteiligte sollen sich derzeit auf der Flucht befinden, was die Komplexität der Ermittlungen zusätzlich erhöht. Laut EUStA-Mitteilung aus dem August 2025 bestehe der Verdacht, dass das Netzwerk weit über die bereits identifizierten Personen hinausgehe.
Nun steht das Landgericht Hof vor einem enormen organisatorischen Aufwand, da bis zum 22. Oktober 2026 insgesamt 59 Verhandlungstage angesetzt sind. Die betroffene Firma wies die Vorwürfe zunächst zurück und erklärte, selbst Opfer krimineller Machenschaften geworden zu sein. Nach einer Durchsuchung im August 2025, die unter der Leitung der EUStA stattfand, äußerte sich das Unternehmen nicht mehr öffentlich.
Die Europäische Staatsanwaltschaft betont, dass es sich bei "Water into Wine" um eines der komplexesten Verfahren handelt, die von ihr jemals koordiniert wurden. Zudem unterstreiche sie die Bedeutung von grenzüberschreitender Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität. Der EUStA zufolge zeigt der Fall die Dimensionen und die Auswirkungen von international organisiertem Steuerbetrug. sl/mit dpa
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