Hubert Karl wirkt selbst überrascht von seiner Antwort. "Eher emotionslos" sei er gewesen bei der Zielankunft, sagt er nach einigem Nachdenken über diesen Moment - kaum zu glauben angesichts dessen, was er hinter sich gebracht hatte. Zum 20. Mal erreichte der Zeiler Ultraläufer das Ziel des Spartathlons, eines Laufes von Athen nach Sparta nach historischem Vorbild über 246 Kilometer. Bei Rennkilometer 213 absolvierte der 58-Jährige seinen 5000. Kilometer auf der Spartathlon-Strecke. Und schließlich brachte Karl bei diesem Wettbewerb seinen insgesamt 160 000. Laufkilometer hinter sich. Und dann emotionslos? "Vielleicht war die Anspannung im Vorfeld einfach zu groß", sagt er, "aber trotzdem hat jeder, der ins Ziel kommt, Tränen in den Augen."

Große Worte, große Gesten, große Show, das ist nicht die Welt des Hubert Karl. "Ich bin eher unauffällig", sagt er über sich, und beim Start des Spartathlons stehe er auch nie in der ersten Reihe. Doch dass er ihn zufrieden macht und ein bisschen stolz, der erste Oktobertag dieses Jahres, das ist schon zu spüren. 20 Mal diesen Wettbewerb beendet zu haben, das war sein großes Ziel, das hat vor ihm noch keiner geschafft. Dass er in den kommenden Monaten ein Buch veröffentlichen wird über sein Läuferleben und seine vielfältigen Erfahrungen, habe den Druck erhöht, denn der Spartathlon-Rekord wird der krönende Abschluss des Buches.


Erste Teilnahme 1992

Begonnen hat Hubert Karls persönliche Spartathlon-Geschichte im Jahr 1992, zehn Jahre nach der Premiere des Wettbewerbs. Zweimal, 1994 und 2012, stieg er aus, 1995 und 1996 startete er stattdessen beim Friedenslauf in Japan von Hiroshima nach Nagasaki (457 Kilometer), den er im zweiten Jahr auch gewann. "Danach wurde er nicht mehr ausgetragen, und 1997 war ich dann wieder beim Spartathlon dabei", erzählt der 58-Jährige.

Die Herausforderung, die Atmosphäre, vor allem auch die Verbindung zur Antike - das fasziniert den Zeiler. Der Spartathlon soll an ein Ereignis aus dem Jahr 490 v. Chr. erinnern. Athen wurde von den Persern angegriffen und sandte einen Hilferuf nach Sparta, den der Bote Pheidippides überbrachte - zu Fuß, einen Tag nach seinem Aufbruch in Athen. 1982 wollte der britische Langstreckenläufer und Hobby-Historiker John Foden überprüfen, ob dies überhaupt zu schaffen sei. Er und vier Kameraden probierten es aus - der Spartathlon war geboren.
"Der Start an der Akropolis in Athen, das hat schon was. Und die letzten 300 Meter, auf der Hauptstraße in Sparta, wenn man schon das Ziel zu Füßen der Leonidas-Statue sieht, das ist einfach überwältigend", schildert Karl die Faszination, die der Spartathlon auf ihn ausübt.


Persönlicher Rekord bei 28:59 Stunden

In 33:45:42 Stunden (erlaubt sind 36 Stunden, um in die Wertung zu kommen) legte er diesmal die für den Normalsportler unvorstellbare Distanz zurück. Der Sieger benötigte 23:02:23. Sein persönlicher Rekord liegt bei 28:59 Stunden aus dem Jahr 1998, was damals einen Platz unter den ersten zehn bedeutete.

Doch auf Zeiten und Siege komme es ihm nicht an, sagt Karl, "ich laufe mit einer ganz anderen Einstellung". Im Mittelpunkt für ihn stehen die Gesundheit und sein Körper. Trainingsumfänge, wie sie manche seiner Konkurrenten im Vorfeld des Spartathlons absolvieren, pro Woche bis zu 300 Kilometer, sind nichts für ihn: "Ich habe mir noch Freizeit und meine Freiheit bewahrt. Mir geht es vor allem um Beständigkeit." Deshalb lege er großen Wert auf die Kräftigung und das Dehnen der stark beanspruchten Muskeln und schreibt dem großen Anteil an seinen Erfolgen zu.


Große Sorgfalt bei der Ernährung

Noch wichtiger ist Karl aber die Ernährung. "Ich ernähre mich fast ausschließlich vollwertig und habe meine Ernährung immer mehr optimiert", sagt er. Im Gegensatz zu seiner Frau Christine, die ihn in Sachen Ernährung sehr unterstütze und Vegetarierin sei, esse er durchaus auch Fleisch. Wichtigster Ernährungsbaustein aber sei frisches Gemüse. Ausnahmen macht Karl nur bei den Wettkämpfen. "Da esse ich schon mal ein paar Powerriegel, denn ein Honigbrot reicht da nicht." In diesen wenigen Tagen des Jahres könne dies sein Körper allerdings auch verkraften. Seitdem er weitestgehend vollwertig und natürlich esse und künstliche Zutaten wenn möglich meide, habe er auch bei seinen Ultraläufen keine Magen-Darm-Probleme mehr.

Neben der richtigen Ernährung legt Hubert Karl in einer rund achtwöchigen Vorbereitung die Grundlage für einen erfolgreichen Start beim Spartathlon. "Der 1. August ist für mich immer der Stichtag", sagt er. Dann richtet er sein Training ganz auf diesen Wettkampf aus. Eine Wochen-Kilometerzahl von etwa 150 oder dazwischen mal ein Wettkampf, "da gibt es mehrere Wege". Diesmal startete Karl bei den deutschen 100-Kilometer-Meisterschaften in Leipzig, mit den entsprechenden Regenerationsphasen davor und danach. Als zweite "längere Trainingseinheit" (die "normalen" dauern zwei bis drei Stunden) ist er den Rennweg von Dörfleins bei Bamberg nach Sulzfeld in den Haßbergen über rund 60 Kilometer gelaufen.


Zwei Blasen kosten viel Zeit

Beim Wettkampf selbst habe er ein gutes Laufgefühl gehabt, "mittlerweile habe ich ja viel Erfahrung, und schon nach rund 80 Kilometern in Korinth war ich sicher, dass ich ankomme, wenn ich nicht etwas ganz Dummes mache". Zwei Blasen am Fußballen machten dann doch Probleme. "Bei Kilometer 154 habe ich sie mir aufstechen lassen, sie haben mich bestimmt zwei Stunden gekostet", sagt er. Auf das traditionelle Auslaufen nach der Rückkehr nach Athen am Montag hat Karl wegen der Blasen verzichtet, an der Siegerehrung am Abend aber teilenommen - und da kamen die Emotionen dann doch noch. "Eine Standing Ovation von 800 geladenen Gästen, das war schon ergreifend", erzählt Hubert Karl von diesen Momenten.

So konzentriert war der Zeiler Ultraläufer darauf, seinen 20 Spartathlon uu laufen, dass er sich, bis er danach gefragt wurde, noch gar keine Gedanken darüber gemacht hatte, ob er weiter in Griechenland starten möchte. Will er aber schon, wie er sich dann überlegt hat, denn: "Wenn ich im nächsten Jahr wieder am Start stehe, bedeutet das, dass sich mein Körper dieser Herausforderung wieder stellen kann. Und das zeigt doch, dass ich vieles richtig gemacht habe."


Autor und Läufer

Hubert Karl ist Lauftherapeut. "Bei meinen Kursen sind viele Leute auf mich zugekommen und haben gesagt, ich solle mal ein Buch schreiben", beschreibt er den Anlass, seine Erfahrungen zu Papier zu bringen. Dieses Buch soll in den nächsten Monaten im Eigenverlag erscheinen. Natürlich verrät der Autor nicht alles, worüber er schreiben wird. Doch er sagt, dass das Buch nach einem Abriss zur menschlichen Evolution zum einen seine läuferische Laufbahn behandeln wird, zum anderen seine Lauf-Philosophie. Es geht um die Ernährung ebenso wie um die Trainingsgestaltung. "Ich sage nicht, die Leute müssen das so oder so machen. Ich gebe meinen Erfahrungsschatz aus 160 000 Laufkilometern weiter."