von unserer Mitarbeiterin Sabine Weinbeer

Haßfurt — Wieder bei den Eltern oder in einem Behinderten-Heim zu leben, das können sich Alfons Bruch, Christof Ackermann und Matthias Freund nicht mehr vorstellen. Sie leben seit einigen Jahren selbstständig in eigenen Wohnungen - dank des ambulant unterstützten Wohnens (AUW) der Rummelsberger Diakonie. Regelmäßig kommen sie auch in deren Anlaufstelle, das "Mittendrin" in der Haßfurter Hauptstraße - heute zum Spielenachmittag und zum Gespräch mit der Zeitung.

"Ich bin ständig unterwegs" erzählt Matthias Freund schelmisch grinsend. Das stimmt natürlich nicht ganz, denn wie die beiden anderen auch geht er täglich zur Arbeit. In seiner Freizeit ist er aber viel auf Achse, ob mit dem Fahrrad oder dem Zug.
"Unsere Klienten arbeiten meist in beschützten Werkstätten, derzeit einer aber auch am ersten Arbeitsmarkt", erzählt Silvia Fischer, die gemeinsam mit Timo Streng das unterstützte Wohnen in der Region Haßberge betreut. Das AUW war quasi die Weiterentwicklung der ausgelagerten Wohngruppe, mit der die Rummelsberger den Weg heraus aus der Komplexeinrichtung antraten. Viele Behinderte, gleich ob geistig oder körperlich beeinträchtigt, können mit Unterstützung selbstständig leben.

Silvia Fischer und Timo Streng besuchen ihre Klienten regelmäßig und helfen vor allem bei organisatorischen Fragen. "Bei manchen Männern muss man auch ein bisschen auf die Ordnung achten", so Fischer. Die erste Unterstützung erfolgt bei der Suche nach einer geeigneten Wohnung. Die sollte sich bevorzugt in der Nähe einer Werkstätte oder des Arbeitsplatzes befinden - und möglichst in einem Ort mit Anbindung an den Öffentlichen Personnenahverkehr. Deshalb wohnen die derzeitigen Klienten auch ausschließlich in zentralen Orten, möglichst mit Bahnhof.

Vorbehalte bei Vermietern

Natürlich gelte es, bei Vermietern und eventuell auch Nachbarn Vorbehalte auszuräumen, "aber bisher gab es noch nie Probleme, auch nicht mit der Hausordnung", so Timo Streng. Außerdem gehöre das Überwinden von Barrieren mit zum Projekt und stärke die Klienten.

Angst vor dem Auszug habe er nicht gehabt, so Alfons Bruch. Er schätzt es, seine Ruhe zu haben, wenn er das möchte. Natürlich hätten die Klienten meist noch immer engen Kontakt zu ihren Familien, erklärt Silvia Streng, sie seien meist auch am Wochenende bei Eltern oder Geschwistern zum Essen eingeladen.

Auch Olga Wegner setzt sich am Wochenende gerne in den Zug und fährt nach Schweinfurt zu ihrer Tochter. Die 60-Jährige stammt aus Alma Mater in Kasachstan. Sie ist ausgesprochen selbstständig, "bei Frau Wegner müssen wir nicht nach dem Haushalt sehen, das hat sie bestens im Griff", erklärt Silvia Fischer bei einem Besuch in deren Wohnung. "Aber wir suchen mit ihr derzeit eine Wohnung mit Balkon, sie hätte so gern einen direkten Zugang nach draußen."

Olga Wegner nickt und erzählt, dass sie sich auf die Mallorca-Reise mit den Rummelsbergern freut. Während andere mit 60 der Rente entgegenfiebern, möchte sie nicht in den Ruhestand gehen - gerne aber die Arbeitszeit reduzieren. Von Montag bis Mittwoch zu arbeiten, das möchte sie ihrem Arbeitgeber vorschlagen, und da sie eine sehr geschätzte Arbeiterin ist, wird der wohl auf ihr Anliegen eingehen. Wie die meisten anderen arbeitet sie in der Lebenshilfe-Werkstätte Augsfeld.

Die Betreuer der Rummelsberger Diakonie helfen auf vielfältige Weise - je nach Bedarf - bei Einkauf, Waschen, Putzen und Kochen. Der Umgang mit Geld ist ein wichtiges Thema "die meisten kommen mit ihrem schmalen Budget aber gut zurecht", erklärt Timo Streng. Schriftverkehr und Behördengänge sind ebenso begleitet wie der Weg zum Arzt. Die Rummelsberger organisieren Freizeitaktivitäten, stellen für ihre Klienten aber auch Kontakte zu Vereinen her.

Stolz auf Selbstständigkeit

"Die Zufriedenheit unserer Klienten mit der Situation im AUW ist sehr hoch", erklärt Fischer. Sie seien stolz, dass sie eigenständig ihren Tagesablauf organisieren und planen können. Dass sie selbst entscheiden können, wann und wie sie bestimmte Dinge tun, wie und mit wem sie sich treffen und wer wann in ihre Wohnung kommt - denn natürlich kommen auch Fischer und Streng nicht unangemeldet.

Allerdings steht für Probleme jederzeit jemand bereit. So auch für den gehörlosen Klienten in Haßfurt, für den dank technischer Unterstützung die Kommunikation gut klappt. Unterstützt wird das Projekt des AUW von der Aktion Mensch, die Hauptlast trägt der Bezirk Unterfranken. Derzeit nehmen im Landkreis Haßberge acht Personen teil. Sie wohnen in Haßfurt, Hofheim, Ebern und Ebelsbach, zwei Heilerziehungspfleger eine Sozialpädagogin und ein ehrenamtlicher Mitarbeiter kümmern sich um sie.

Dankbar wären Fischer und Streng, wenn sich potenzielle Vermieter im "Mittendrin" melden würden (Telefon 09521/5048657), denn es gäbe weitere Klienten, die an dem Projekt teilnehmen möchten - und Olga Wegner hätte so gerne einen Balkon oder eine Terrasse.