Nicht nur der (Sonnen-) Schein trügt: Ein Schlosspark mit Strandkörben rund um einen kleinen See. Dazu freudige Heimbewohner, die zur Abwechslung vom heimischen Gewässer in die Obermain-Therme nach Bad Staffelstein geschippert werden. Zum Geburtstag kommt der Bürgermeister persönlich vorbei, gratuliert, und die Hausleitung tischt Kaffee und Torte auf.


Pflegeskandal Gleusdorf: Über den Tod hinaus ausgeplündert?



Doch die Fahrten nach Staffelstein fanden nur in Form von getürkten (Eigen-)Rechnungen statt, die Torte wurde dem Jubilar stets wieder abgenommen, aber in Rechnung gestellt.

Die Realität sah in der Seniorenresidenz im Itzgrund ganz anders aus. Es soll Schläge gesetzt haben für die, die nicht spurten. Die Heimbewohner wurden sanktioniert und drangsaliert, aktuell steht sogar ein Vorwurf des Missbrauchs im Raum.

Aus Protokollen von Personalversammlungen ist zu entnehmen, dass Personal, das nicht kuschte, im Kollektiv mit Androhung einer Abmahnung überzogen oder gleich fristlos gefeuert wurde. Hausfremde Allgemeinärzte waren verpönt. Die Türen ihrer Patienten wurden sogar verschlossen, hat eine Fachkraft beobachtet.

Mit der Übernahme durch die beiden Geschäftsführer der neuen Betreibergesellschaft wurde ein "voll funktionierender Laden mit gutem Team und bester Belegung", so der Vorbesitzer, konsequent umstrukturiert. Fast alle der vorher Beschäftigten wurden entlassen oder mit Arbeitsgerichtsprozessen überzogen, was viele in die Verzweiflung, Arbeitslosigkeit und psychische Krankheiten trieb. Bis zum Selbstmordversuch. Über Jahre hinweg perfektioniert wurde ein perfides System, sich am Geld der Heimbewohnern und Sozialkassen zu bereichern. Nicht nur, dass Golfausrüstung und teure Autos vom Geschäftskonto bezahlt wurden.

Obgleich der Heimleiter gegenüber unserer Zeitung tönte, dass "die meisten seiner Heiminsassen als Sozialhilfeempfänger sowieso kein Geld bekommen", stehen ihnen 80 Euro im Monat "im Schnitt" zur Verfügung, wie eine vom Gericht eingesetzte Betreuerin unserer Redaktion verriet. Davon sollte nicht viel übrig bleiben. Unliebsame Angehörige wurden mit Hausverbot belegt, Auskünfte verweigert.

Eine Tochter indes, die sogar einen Privatdetektiv angeheuert hatte und deren Unterlagen unserer Redaktion vorliegen, hat alles genau protokolliert. Auch die vermeintlichen Besuche in Staffelstein - 8,50 Euro plus Eis für 2,10 Euro - stehen auf Eigenbelegen, die jeweils Geschäftsführerin oder Vorzimmer-Dame selbst ausgestellt und unterzeichnet haben, sind dokumentiert. Fahrtkostenbelege, Eintrittskarten? Fehlanzeige!

Bei Besuchen des Bürgermeisters wurde extra ein "Geburtstags-Zimmer" hergerichtet, berichten Pfleger. Mit Tischdecke, Kerze und Torte. "Früh gab's die Anordnung, dem Jubilar ein weißes Hemd und einen Anzug anzuziehen", so ein Informantin. Die Torte wurde danach wieder abgetragen, der Anzug auch, dem Heimbewohner aber in Rechnung gestellt. Ebenso die Namens-Etiketten für Klamotten: Bis zu 150 Euro allein fürs Annähen. "Ich hab' nur 15 Euro bekommen", staunt eine Hilfskraft aus der Wäscherei, die die Näherei in Heimarbeit erledigte.


Pflegeskandal Gleusdorf: Stimmen von Betroffenen im Fall Gleusdorf

Hilferuf:
Bitte, versuch' mir zu helfen und hol' mich hier raus. Ich friere, hoffentlich geht die Heizung bald wieder."

Heimbewohnerin auf einem kleinen, handschriftlichen Zettel, den sie ihrer Tochter zusteckte

Unter Tränen
Als wir ohne die Chefin im Genick allein im Aufzug waren, habe ich den Herrn von der Heimaufsicht unter Tränen gebeten, er möge uns helfen, die Zustände seien unerträglich. Er hat mich in den Arm genommen und Unterstützung versprochen. Er ist gegangen und passiert ist gar nix."
Einstige Pflegedienstleiterin aus der Region Würzburg

Apotheke führte Buch
Apotheke führte Buch
In der Apotheke, die für die Lieferungen ins Heim verantwortlich war, fiel auf, dass Tabletten nicht verabreicht wurden. Darüber wurden auch Aufzeichnungen geführt, bei welchen Bewohnern Tabletten nicht verabreicht wurden. Das war kein Einzelfall, sondern kam öfters vor."
Ex-Fachkraft aus der Liefer-Apotheke im Landkreis Bamberg

Nötigung
Umzug Ich habe vor zweieinhalb Jahren als Betreuungskraft für Demenz dort gearbeitet, es aber nur vier Wochen ausgehalten und auch den MDK Bayern informiert. Passiert ist nichts, außer einer Anzeige wegen Nötigung seitens meines Chefs. Die Leute wurden angeschrien und geschubst, das Essen unter Gewalt eingegeben. Schon damals wurden die Bewohner ans Bett gefesselt." Fachkraft aus dem Kreis Coburg

Drei Tage tot im Bett
Umzug Eine Heimbewohnerin lag drei Tag tot im Bett herum, ein anderer marschierte im Sommer wie Winter nur in Schlappern herum. Von wegen, die Leute wurden mit Kleidung bestens versorgt." Pflegerinnen aus den Landkreisen Bamberg und Haßberge

Park-Konzept
Umzug Ich halte das Konzept mit dem weitläufigen Garten für abgebaute Alkoholiker immer noch für gut. Halt unter einer anderen Führung."
Betreuerin von zwei Heimbewohnern

Obsttage
Ich habe belauscht, als ein Bewohner einmal um Obst bat. Da wurde ihm barsch gesagt, das sollen gefälligst seine Verwandten mitbringen. Zur Strafe wurde ihm eine Zigarette genommen."
Ergotherapeut aus Thüringen

Steuertrick
Wir haben ein Oktoberfest in Eigenregie für die Bewohner organisiert, wurden erst angepflaumt, wie man auf so eine Idee kommen kann. Danach wollte die Chefin aber unsere Rechnungen vom Einkauf aus unseren eigenen Tasche, um die von der Steuer abzusetzen. Das Geld sollten wir zurückerhalten. Das gab's aber nie, stattdessen finden wir nun diese Rechnungen bei den Kosten, die den Heimbewohnern aufgebürdet wurden."
Ehemalige Bedienstete aus den Kreisen Lichtenfels, Bamberg und Kronach

Katzenfutter
Ich habe beobachtet, wie sich eine Bewohnerin aus Hunger am Futter der Katze der Chefin vergriffen hat."
Nachtdienst aus dem Kreis Haßberge

Tabletten sortier
Das war für mich das schlimmste Haus, und zwar nur wegen der Leitung. Die Medikamente wurden immer aufgemacht und ausgetauscht. Wenn die Tabletten am Sonntag angeliefert wurden, blieb die Chefin deswegen extra länger im Haus."
Pflegefachkraft aus dem Kreis Haßberge

Keine Auskunft nach Tod von Verwandter
Meine ehemalige Schwiegermutter war zirka zwei Jahre in diesem Heim. Als wir nach ihrem Tod erfahren wollten, an welchen Folgen sie verstorben ist, war es mit rätselhaft, mit welchen Ausreden und Verschwiegenheitsklauseln uns der Pflegedienstleiter nicht unterrichten wollte."

Eine Angehörige, die selbst als Fachkraft in einer Altenpflege-Einrichtung arbeitet

Puddingsupper
Die Menschen wurden mit Pudding regelrecht fett gefüttert. Morgens, mittags und abends. Es kam sogar noch Butter drauf. Das war so ekelig, das mochte ich gar nicht mehr aufteilen. Danach saßen sie Stunden auf der Toilette." Pflegehelferin, die aus der Bild-Zeitung vom Skandal erfuhr

Attackiert
Wir wurden attackiert und körperlich bedrängt. Und ständig hieß es, wer nicht mitzieht, der fliegt: Da ist die Tür."
Pflegehelferin aus Berlin

Umzug
Nach der Verlegung von Gleusdorf in ein neues Heim im Maintal hat sich mein Onkel wieder prächtig aufgerappelt."
Ein Angehöriger